Man ist so alt, wie man sich fühlt?

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern,

„man ist so alt, wie man sich fühlt“ – eine Binsenwahrheit, die deshalb zu einer Redensart, zu einem geflügelten Wort geworden ist. Es zählt nicht mehr nur gemessene, sondern die gefühlte Temperatur. Entscheidend ist nicht das Alter, das von der Geburtsurkunde oder dem Personalausweis verraten wird, sondern das gefühlte, erlebte Alter. Und das besagt: je älter wir werden, desto jünger fühlen wir uns (hoffentlich …).

Die jungen Alten sind los und so richtig alt will auch keiner werden. Und so richtig alt aussehen will natürlich auch keiner. Deshalb lieber nicht in den Spiegel gucken, sondern in sich hineinfühlen. „Man ist eben so alt, wie man sich fühlt“ und: wohl dem, der in diesem Spiel mitmachen darf.

Aber da gibt es ein paar Spielverderber, oder besser gesagt: da wird einigen das Spiel schon bei Zeiten verdorben. Es sind längst nicht mehr nur die ganz Alten, die in unseren Altenheimen wohnen, dort Pflege, Hilfe und Versorgung erfahren, wo sie selbst oder die Angehörigen nicht mehr für sie sorgen können. Es sind auch die Jüngeren, die im Beruf oder im Freizeitsport oder im Kaufhaus vor der Umkleidekabine schon ganz schön alt aussehen und die man lieber nicht nach ihrem gefühlten Alter fragt.

„Da siehst du eben alt aus“ – auch so ein brutales, weit verbreitetes geflügeltes Wort. Alt werden aber ist keine Schande, alt werden ist ein Geschenk und eine Herausforderung, denn am Ende macht jeder – manchmal schneller als ihm oder ihr lieb ist – eine biblische Erfahrung: „der äußere Mensh zerfällt“ – und der innere?

Paulus fühlt sich innerlich Tag für Tag erneuert, gestärkt und das obwohl er äußerlich nichts (mehr?) hermachen konnte. Gezeichnet vom Leben, von den Wendungen und Erfahrungen, geprägt von den Herausforderungen und Zumutungen auch seiner religiösen Biographie, gequält von seinem Pfahl im Fleisch, weiß er, was er sagt, wenn er schreibt: wenn auch unserer äußerer Mensch verfällt …

Aber er stimmt nicht in das Klagelied ein, kennt keine Anti-Age-Programme, sondern nur das Leben, das ein Weg aus der Kindheit über die Jugend und das junge Erwachsenenalter ins Alter führt. Mag für manche auch der Jubel dieses Sonntags bei solch erschreckenden Wahrheiten verstummen, Ostern öffnet aber auch hier die Augen, Ohren und hoffentlich auch die Herzen. Denn das ist ja wirklich nur die eine Seite der Wahrheit: der äußere Mensch verfällt, so wird doch der innere Tag für Tag erneuert.

Es stimmt, was man sich erzählt: man ist so alt wie man sich fühlt. Man kann sich auch im Alter noch jung und mit beiden Beinen mitten im Leben fühlen – Gott sei Dank. Es kommt nur auf den Tonfall und die Perspektive an.

Es scheint ein Rezept für wahrhaft erlebtes junges Alter zu geben. Denn ich höre beim Apostel nicht Staunen über seine innere Strahlkraft heraus, sondern Gewissheit, dass das nicht von ungefähr kommt: unsere Trübsal schafft eine gewichtige, ewige Herrlichkeit. Oder anders gesagt: Hoffnungsmenschen leben anders?

Ein Religionspsychologe hat eine Veränderung in der Lebenseinstellung heutiger Generationen gegenüber den früheren und auch den biblischen festgestellt und so auf den Punkt gebracht: Früher lebten die Menschen 30 Jahre plus die Ewigkeit, heute leben sie 90 Jahre und dann ist es aus und vorbei – jedenfalls was ihre Hoffnung im Angesicht des Todes angeht.

In der Tat muss derjenige, der keine Hoffnung hat, von diesem Leben alles erwarten und nach Möglichkeit die Jugend möglichst lange festhalten, um das alles dann auch erleben zu können, was er erwartet und sich verspricht, denn danach ist es ja aus und vorbei. Für ihn gibt es keine zweite Chance. Ein „ewiger“, aber eben doch zeitlich begrenzter Wettkampf mit der Lebensuhr. So mancher kommt da aus der Puste, bleibt auf der Strecke und resumiert: das kann doch nicht alles gewesen sein, oder?

Hoffnungsmenschen dagegen sind, anders als ihnen oft unterstellt wird, Realisten und keine Utopisten: Sie erwarten vom Leben nicht alles, was es dann auch nicht halten kann. Sie kennen die Zeit, die dran ist, Lebenszeit in verschiedenen Lebensphasen und Lebenssituationen und sie wissen, dass alles seine Zeit hat: auch das Altwerden, das Hinfälligwerden, das Sterben. Und dann eröffnet ihnen ihre Hoffnung einen weiten Horizont: dann die Ewigkeit, dann Gottes Reich, dann Leben aus seiner Kraft in seiner Gegenwart und dann kein Leid, kein Krieg, kein Geschrei, kein Tod.

Ja, „wir tragen das Sterben Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an uns offenbar werde“ – auch das ist der Apostel Paulus nur wenige Sätze vor unserem heutigen Predigttext. Hoffnungsmenschen gewinnen einen anderen Blick auf ihr Leben mit seinen unterschiedlichen Möglichkeiten, auch wenn dieses Leben ihnen nicht immer besser mitspielt als anderen. Aber sie haben eine Hoffnung, die jeden Rahmen sprengt. „Wir werden nicht müde“ sagt die gelebte Glaubenserfahrung nicht nur eines Apostels Paulus, sondern vieler mit ihm und nach ihm.

Aber mancher Kritiker und Skeptiker würde jetzt wieder nachhaken und feststellen: da haben wir es doch wieder: christlicher Glaube ist eine Vertröstung auf das Jenseits und dient damit allein der Zementierung gegenwärtiger Missstände; Glaube als Instrument der Unterdrücker und Herrschaften, nicht Weg der kleinen Leute, um frei und glücklich zu werden. Und das schlimme an diesem immer wiederkehrenden Vorwurf ist ja, dass er nicht grundlos geäußert wird, sondrn es in der Vergangenheit genauso funktioniert hat. Da war das Evangleium nicht Sprengkraft der ungerechten Verhältnisse, sondern Betäubgung für die Geschundenen und Gequälten und Vertröstung.

Aber das spricht nicht gegen das Evangelium, das uns sagt „das Leben ist gut, weil es einen guten Ausgang nimmt“, sondern ist ein klassisches Missverständnis, das endlich ausgeräumt werden muss. Christliche Hoffnung, die sich auf das Leben, Leiden, Sterben und dann aber auch Auferstehen Jesu bezieht gibt sich nicht mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden, hält sie aber auch in einem doppelten Sinne nicht für das letzte Wort Gottes über die Welt und das Leben. Sie können verwandelt werden hin zu Menschlichkeit und Lebensfreundlichkeit, wo Menschen und Lebensfreunde davon träumen und daran arbeiten. Und Gott wird sie verwandeln in seine Welt, wie er sie schon immer gedacht und gewollt hat.

„Christliche Hoffnung ist das Leiden am Wirklichen und die Leidenschaft für das Mögliche“ – so hat Jürgen Moltmann in den sechziger Jahren schon die eine Dimension unserer Hoffnung beschrieben. „Dass das Leben nicht in eisige Abgründe stürzt, dass es geborgen ist in seiner (Gottes) Hand", so hält Fulbert Steffensky in unseren Tagen die andere Seite der Hoffnung fest.

Für mich ist die entscheidende Frage: Worauf dürfen wir eigentlich so hoffen, dass es uns trägt, erneuert, stärkt und ermutig ohne uns zu vertrösten? Wie dürfen wir hoffen?

Paulus, mit dem wir heute gedanklich unterwegs sind, würde sagen: Jesus Christus nicht aus dem Blick verlieren. Sein Leben ist eine Hoffnungsgeschichte, in der für alle Platz ist. Da kommen die kleinen, unterdrückten, vom Leben gestraften Leute und finden Hilfe, Heilung, Gerechtigkeit, Brot zum Essen, ein offenes Ohr, ein klärendes und den Weg weisendes Wort. Jesus hatte sich Leidensfähigkeit bewahrt, er konnte Menschen mit ihrem Leben an sich herankommen lassen, musste sie nicht erst den Erwartungen oder Mehrheitsmeinung anpassen.

Christen sollten sich als Hoffnungsmenschen auch Leidensfähigkeit bewahren, Krankheit und Einsamkeit der Menschen um uns herum wahrnehmen, den Stummen und Mutlosen in der Spirale des sozialen Abstieges der Massenarbeitslosigkeit eine Stimme verleihen, die dritte und vierte Welt nicht durch Ignorieren ausblenden, Menschen in Not nicht abwehren, sondern auch ihre wirtschaftliche Not achten.

Zugleich sollten sie sich aber auch nicht entmutigen lassen, wenn die Fortschritte oft klein sind und Rückschritte mit einem Schlag ereichtes wieder in Frage stellen. Die Verhältnisse sind wandelbar, immer zuerst im Kleinen, wo sich die Verhältnisse für den einen oder die andere verändern. Meine Hilfe in der Erdbebenhilfe oder mit der Patenschaft für ein Kind in Indien oder in Afrika ist kein Tropfen auf den heißen Stein, sondern für einzelne, konkrete Menschen Auferstehungserfahrung, weil sich ihnen Leben und Lebensmöglichkeiten eröffnen. Ein Brunnen, der mit Mitteln des kirchlichen Entwicklungsdienstes gebaut wird, löst nicht das Problem, das weltweit Menschen vom Zugang zu Trinkwasser ausgeschlossen sind, aber er versorgt ein Dorf und die Familien in diesem Dorf. Und dann darf ich gerade für sie und am Ende auch für mich am Ende hoffen: Ewigkeit ist „die andere Zeit, in der die Weinenden lachen; in der die stumm gemachten ihr Lied singen und in der das Recht für alle aufgerichtet ist“ (auch das wieder ein Zitat Fulbert Steffenskys).

Jesu Weg war ein Weg zu den Menschen, ein Weg, der Freude, aber mehr noch Leiden mit sich brachte, und am Kreuz sein vorläufiges Ende fand. Manchmal geht es uns wie ihm, dann tragen wir sein Leiden und Sterben in uns und an uns. Aber dann fing seine Geschichte neu an und so wird unsere Geschichte neu anfangen: Gott weckt von den Toten auf, Gott schenkt Leben, Gott wischt Tränen ab, Gott hält Leben fest, das uns zwischen den Fingern zerrinnt. Jesus Christus hat die Welt verändert.

Nicht mehr und nicht weniger hoffen wir und darum werden wir nicht müde.

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