Er begleitet uns

Liebe Gemeinde,

haben Sie, habt Ihr, schon einmal über das Menschsein nachgedacht ? Ganz bestimmt. Über das Mensch-Sein hat sich wohl jeder schon einmal Gedanken gemacht. Auch Jürgen Rennert hat dies getan und in dem diesjährigen Fastenkalender für uns als Gedicht aufgeschrieben.

Menschen sind –

Du musst es wissen-

Ziemlich hin und her gerissen.

Menschen wollen dies und das.

Und das ohne Unterlass.

Menschen sind –

Du darfst sie lieben –

Eingespannt und umgetrieben.

Wissen kaum Woher, Wohin,

suchen dennoch einen Sinn.

Menschen sind –

Das musst du denken –

Menschlich, wenn sie sich verschenken.

Menschlich ist:

Wenn keiner wen

zwingt auf seinen Knien zu gehen.

Menschlich ist –

das bleibt zu lernen -,

keinen Menschen zu entfernen,

keinen Menschen zu belügen,

auszubeuten, zu betrügen.

Menschen sind –

Ich will dir’s sagen –

böse, wenn sie andre schlagen,

quälen, foltern, unterdrücken

und für sich ins Feuer schicken.

Menschen sind –

du wirst es spüren –

schön, wenn sie sich zart berühren,

zart berühren und die Schwachen

stark in ihrer Schwäche machen.

Menschen sind –

das kannst du glauben –

klüger noch als Friedenstauben.

Liebend können Menschen Waffen

gegen sich auch selbst abschaffen.

Was ist das Geheimnis des Menschseins, liebe Gemeinde? Wir haben da gerade eine kurze Blitzlichtschau, was Menschen sind, vor Augen geführt bekommen. „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und was ist des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“

Dieser Bibelvers hämmert mir oft im Ohr und besonders dann, wenn ich meine Grenze spüre, oder wenn ich mich für etwas Dummes schäme oder wenn mir bewusst wird, wie klein mein Leben doch ist im Angesicht des Kosmos. Dann dürfen meine Sorgen und Probleme auch ganz verschwindend klein werden, als ließe man die Luft aus einem Luftballon.

Klein werden – das kann noch ganz andere Vorteile in sich bergen. Jesus sagte einmal: So ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr das Reich Gottes nicht erben???“ Schade, denkt Ihr Konfirmanden vielleicht, das haben wir doch gerade erfolgreich abgehakt – das Kindsein. Jetzt geht’s erst richtig los. Wenn Ihr aber genau hinhört, werdet Ihr merken, dass man richtig groß und erwachsen werden kann und dabei doch klein bleiben kann und verbunden bleiben darf mit unserem Ursprung, mit Gott.

Es ist der Zauber der ersten Stunde, der den Kindern noch anhaftet. Sie haben noch etwas aus dieser anderen Welt, das uns Erwachsenen so fehlt. Auch Gott kam als Kind in diese Welt. Das ist viel greifbarer als das leere Grab des Ostermorgens, das wir vielleicht nie in diesem Erdenleben bis ins Letzte begreifen werden. Dennoch wird mit Ostern der neue Anfang, den Gott mit Jesus, seinem Sohn stiftet, besiegelt.

Wir erinnern uns an unsere eigenen Anfänge: unsere Kindheit, die ersten Schritte ins Leben, die Freude über die Geburtstage, die erste große Liebe. Bei euch (Konfis) sind diese Erinnerungen noch ganz frisch. Bei uns liegt das schon etwas weiter zurück. Wir sehnen uns nach dem heilen Anfang zurück, nach dem Paradies. Kinder sind ja noch Boten aus dem Paradies. Doch war damals, an diesen Anfängen wirklich alles schön und hell?

Nein, manchen Streit hat es auch gegeben. Doch zu heute gibt es einen großen Unterschied: damals standen wir am Anfang des Lebens. Da waren unsere Kinderaugen noch groß und erwartungsfroh. Alles war noch möglich, so wie bei Euch (Konfis) noch jetzt. Die Grenzen, die Angst – das kam erst später – so wie die Resignation. Noch war alles möglich. Das Versprechen glückenden Lebens stand im Raum.

Doch diese ersten Stunden voller Hoffnung sind für die meisten von uns längst vorbei. Wir wurden aus dem Paradies der Hoffnungen vertrieben. Wir sind nicht nur älter, sondern auch nüchterner, enttäuschter geworden.

Mit den Jahren sind wir verletzt worden und wir haben unsere Träume aus dem Blick verloren. Wir sprechen nicht darüber. Wir hoffen, dass die Narben verdeckt bleiben; wir machen uns härter – legen eine Rüstung an, weil wir nicht noch mehr verwundet werden wollen, aber auch, weil wir nicht weich, sentimental und damit verletzlich werden wollen.

Haben uns nicht gerade diejenigen verletzt, denen wir uns ungeschützt ausgeliefert haben, die uns so nah waren und es vielleicht noch sind.

Wir sehnen uns zurück nach dieser Zeit, als alles noch heil war. Ihr (Konfis) kennt das vielleicht auch schon, wenn es mal Zoff mit den Eltern gab. Für manche von uns aber liegt diese Zeit sehr weit zurück. Wir trauern um unsere verlorene Kindheit, das verlorene Paradies. Für einige, die sogar um ihre Kindheit beraubt wurden, reicht diese Sehnsucht bis in die Geborgenheit im Mutterleib zurück.

Warum lohnt es sich dennoch, die Rüstung abzuwerfen, sich zu erinnern und auch Traurigkeiten zuzulassen?

Es ist gut, einmal den Zauber der ersten Stunde wieder-zuspüren, sich zu öffnen, vertrauensvoll, lebenshungrig – wie am Anfang. Wovon haben wir damals geträumt als Kinder, als Jugendliche, als junges Paar, als junge Familie? Lassen wir diese Träume in uns aufsteigen. Vielleicht können wir heute wieder anknüpfen, an diese Träume. Nicht, weil es noch einmal so sein könnte wie früher. Da hat es Zerwürfnisse gegeben, Trennungen, die nicht wiederrufbar sind. Gräben, ja der Tod, kann zwischen uns und unseren Anfängen stehen.

Mit der Erinnerung an den Anfang kann in uns die Hoffnung auf einen Neuanfang entfacht werden. Aus alten Träumen kann die Kraft für neue Träume entstehen, die zur Realisierung drängen. Und dieser Neuanfang ist immer möglich – das ist die Osterbotschaft und die Botschaft dieses Sonntags: Quasimodogeniti – wie die neugeborenen Kinder. Unser Leben bekommt eine neue Qualität: Du bist nicht festgelegt auf deine Vergangenheit, auf die Verletzungen deiner Lebensgeschichte, auf die alten Muster, die du von deinen Eltern übernommen hast und die dich immer wieder am Leben hindern.

Gott selbst fängt neu an mit dir, da er sich als der Auferstan-dene einlässt auf deine Wirklichkeit. Er befreit dich von dem Zwang, dich von deiner Vergangenheit her zu definieren.

Wie immer deine Lebensgeschichte aussieht, du darfst bewahren, was gelungen ist, du darfst abwerfen und ausziehen, was dich belastet. Du darfst neu anfangen, weil Gott selbst mit dir neu beginnt. „Siehe, ich mache alles neu“, das ist Ostern.

Hanna Ahrendt schreibt: Ein Mensch fängt nicht nur einfach an, entwickelt sich, vergeht, sondern mit einem Menschen beginnt „ein Wesen, das selbst im Besitz der Fähigkeit ist anzufangen: es ist der Anfang des Anfanges selbst. Dies ist ein Wunder, das allen Menschen zuteil werden kann.“

Neu anfangen – das macht Angst. Denn werde ich, wird mein Lebenspartner, werden meine Kinder, meine Eltern, meine Freunde, werden sie noch dabei sein, bei diesem Neuanfang? Doch die meisten von uns träumen ja nicht von Anfängen als radikalem Bruch. Wir hoffen, diese neuen Anfänge mit den Menschen erleben zu können, mit denen wir auch bisher durch das Leben gingen. Wir möchten zusammen zu neuen Zielen aufbrechen. Aber manchmal sind es auch Menschen, die neu in unser Leben treten, denen wir uns anvertrauen, die mit uns aufbrechen zu neuen Ufern. Die neugeborenen Kinder sind ein Sinnbild dafür:

Gott beginnt etwas Neues, ein neues Leben, ein ewiges Leben, eine neue Geschichte mit seinen Menschen etwas Neues auch für dich und mich. Dabei knüpft Gott an das Alte an. Jesus lebte nicht irgendwo auf der Welt, sondern mitten in Israel, als Sohn des Volkes Gottes, als Jude unter Juden. Und dennoch beginnt etwas radikal Neues, denn „jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“, so schrieb es Hermann Hesse. Der Anfang, den Gott mit uns wagt, rührt an die Quelle des Lebens. An vergangene Anfänge erinnern wir uns, doch von zukünftigen können wir nur träumen und auf Gott vertrauen, der mit uns immer wieder einen neuen Anfang wagt und uns zu neuen Ufern begleitet. Gott will für uns immer wieder die Quelle neuen Lebens sein.

Er will nicht, dass wir ertrinken in den Fluten unseres Lebens, sondern er begleitet uns, damit wir immer wieder Boden unter die Füße bekommen.

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