Versöhnung ist eine Raum-Erfahrung

Liebe Gemeinde,

<b>Anspiel</b>

können Sie sich noch an dieses Spiel erinnern, als sie ganz klein waren? „Mein rechter, rechter Platz ist leer, da wünsch ich mir den …“ Ein suchender Blick geht in die Runde. Alle schauen. Und einer hofft, dass er es sein darf. „….da wünsch ich mir …. den Peter her“. Alle kreischen. Und Peter springt sofort auf. Endlich, endlich darf er wieder neben seinem Freund sitzen. Der Streit ist zu ende. Peters Gesicht glüht im Glück. Erklärungen und Worte sind überflüssig.

<b>Versöhnung ist eine Raum-Erfahrung</b>

Ich allerdings muss Ihnen erklären, warum dieses Anspiel uns heute in die Predigt hineinführt. Es soll uns eine Einsicht bahnen. Erschrecken Sie bitte nicht über den nächsten Satz, der dieser Einsicht erste Worte gibt: Versöhnung ist eine Raum – Erfahrung. Was damit gemeint ist, zeigt uns die Erinnerung an dieses kleine Spiel vom freien Platz. Ich rufe jemanden neben mich. Das ist real und wirklich. Das passiert in Raum und Zeit. Eine Tür geht auf. “Komm wieder rein“, höre ich. Arme strecken sich mir entgegen. „Nimm doch Platz neben mir“. Wir sitzen uns gegenüber. Bald darauf ist der Koffer wieder ausgepackt. Versöhnung muss, wenn sie denn wirklich sein darf, eine Raum – Erfahrung werden: Ich bin nicht mehr ausgeschlossen. Ich darf wieder dabei sein. Real, wirklich. Mit versöhnlicher Gesinnung mögen wir uns gerne schmücken. Raum eröffnende Versöhnung zu leben, erfordert unseren Glauben und unsere Kraft, hoffend andere Welt sehen und antizipieren, vorwegnehmen zu können. Wer von Ihnen jemals um Versöhnung gerungen hat, weiß welch schwere Arbeit darin liegt und wie wichtig es ist, dass wenigstens einer die Welt des Friedens herbeisehnt und nicht aus den Augen verliert.

<b>Karfreitag</b>

Heute feiern wir die Versöhnung der Menschen mit Gott. Am Kreuz hat Jesus unsere Sünde ertragen, erlitten, fortgeschafft. Für wen hat er das getan? Für diese hier: „Kreuziget ihn“ schreien die Menschen voll Geilheit, Elend und Tod am Anderen zu sehen. Golgatha heißt Schädelstätte: Es ist kein Platz für Gott in dieser Welt.

Golgatha soll heißen: Tod regiert. Raum jenseits des Todes gibt es nicht.

<b>Hass-Plakate</b>

Und so steht es auf den Hass-Plakaten dieser Welt: Tod den Amerikanern. Tod den Israelis. Tod dem Irak. Tod dem Iran. Tod den Christen. Tod dem Islam. Tod heißt ja in unserem Zusammenhang: Raus aus dieser Welt. Für dich und mich zugleich ist hier kein Platz. Da sind keine Augen, die Versöhnung sehen als Raum des Lebens. Auf unseren deutschen Plakaten steht: Ausländer prüfen, ob deren Gesinnung Raum bei uns verdient. Auf unseren Plakaten steht: Arbeitslose verdächtigen, ob sie in unserem Lebensraum schmarotzen. Auf unseren Plakaten steht: Ältere Mitarbeiter wegschicken, weil sie die Spielräume des Gewinns verkleinern. Auf unseren Plakaten steht: Kirche verdächtigen. Sie redet von einem anderen Raum, den es gar nicht gibt, vom Himmel und ist doch selber gerne irdisch-prächtig. Gut-Menschen , nennt man verächtlich diejenigen, die sich den düsteren Lebenskämpfen verweigern.

<b>Gott, ich hasse dich </b>

Das ist Ihnen alles zu plakativ und zu politisch? Sie hätten es lieber persönlicher? Gut, dann fügen wir als nächste Überschrift in unsere Predigt ein: Gott, ich hasse dich. Unter solcher Überschrift wollen sie nicht mitreden? Dann hören sie nur zu, was anderen gewiss aus der Seele gesprochen sein mag: „Gott, ich klage dir mein Leben: Erfolg war mir nicht vergönnt. Gott, ich klage dir mein Leben: Menschen hast du mir geraubt, die ich liebe. Gott, ich hasse dich, weil ich nicht zu denen gehöre, die du mit Sonne und Glück bescheinst. Gott, den Tod muss ich dereinst erleiden. Vergänglich ist mein Leben und hinfällig. Alles hört auf im Dunkel ewiger Nacht. Das trennt mich von Dir: Ich werde sterben. Du aber bist ewig. Ich bin endlich und darum voller Angst, voller Unruhe und ungewiss. Gott, ich hasse dich, wenn es dich denn überhaupt gibt.“ Ist da kein Wort dabei, das auch von ihnen stammen könnte?

<b>Weiter Raum in Christus</b>

Warum so düstere Gedanken? Nur weil Karfreitag ist? Die Plakate und Sprechzeilen umreißen eine Welt, einen Raum ohne Versöhnung, einen Raum unter der Herrschaft des Todes. „Nun aber, am Ende der Welt, ist ER ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben“, heißt es in unserem Predigttext. Ich übersetze diesen Vers in unsere Sprache: Gott schafft Raum in Christus. Ein kleine Bibelarbeit darüber, was dieser Satz bedeutet. „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege“, sagt er von sich selbst. Im Gleichnis von den „Bösen Weingärtnern“ deutet Jesus sein Schicksal an. Der Gottessohn kommt in sein Eigentum, aber er wird nicht aufgenommen, heißt es bei Johannes. Geboren wird er im Stall, notiert Lukas. Er zieht umher im Landes Gottes. Die Evangelien bekunden: Menschen, denen er begegnet, schafft er Raum zum Leben in Vergebung, Heilung und Barmherzigkeit. Er ruft in die Nachfolge. Er ruft hinein in den Raum Gottes. Er schafft Raum für Gottes Liebe in dieser Welt, deren Antwort das Kreuz ist.

<b>Das Kreuz </b>

Im Kreuz nimmt Jesus das auf sich, was tiefster Grund der Trennung von Gott ist, den Tod. Gott überwindet den Tod in der Auferstehung. Wie nüchtern solche Sätze klingen. Versöhnung ist eine Raum – Erfahrung . Wenn wir das so sehen, dann ist es uns auch verboten, in abstrakten, theologischen Sätzen vom Kreuz zu reden, als wäre es ein Ding fern von uns.

<b>Leben</b>

Unser Bibeltext spricht davon, dass wir „die Berufenen das verheißene Erbe empfangen“. Es wird sie nicht verwundern, wenn ich das Erbe als Landbesitz bezeichne. Das liegt ja ganz auf der Linie, die wir verfolgen. Länder aber muss ich erfahren, durchwandern, erkunden, erleben. So auch das Land Gottes, den Raum des Lebens, den Gott in Jesus uns geschaffen hat. Nüchterne, theologische Sätze haben hier allenfalls die Funktion von Wegweisern, mehr nicht.

Versöhnung ist eine Raum-Erfahrung. Gott eröffnet uns einen Raum des Lebens, einen Raum, dessen symbolische Präsenz wir in diesem Gottesdienst feiern im Heiligen Abendmahl.

Singend erkunden wir den Lebensraum in diesem und vielen anderen Gottesdiensten. Wir hören uns hinein in seine Welt. „Doch ob tausend Todesnächte liegen über Golgatha, ob der Hölle Lügenmächte triumphieren fern und nah, dennoch dringt als Überwinder Christus durch des Sterben Tor; und, die sonst des Todes Kinder, führt zum Leben er empor.“ Darum geht es, dass wir heimisch werden in der Welt Gottes: Frei von Todesangst, frei von Sünde, frei von Zweifel, Neid und Hass; frei zu leben und zu lieben. Frei im Raum Gottes. Diesen Raum hat Christus uns am Kreuz erworben. Wieder so nüchterner Satz. Versöhnung ist Raum – Erfahrung. Diese Formulierung soll auch verhindern, dass wir aus der Wirklichkeit des Glaubens bloße Gesinnung machen. Damit wir versöhnlich gesinnt seien, bräuchten wir kein Kreuz und keinen Opfertod. Mit ein bisschen gutem Willen und etwas innerer Anstrengung würden wir das schon hinbekommen.

Haben sie noch die Plakate in Ohr und die Sprechzeilen vom Hass auf Gott und das Leben? Ja? Dann werden sie erahnen, wie wichtig es ist, im Raum Gottes, den Christus uns geschaffen , errungen und erlitten hat, wirklichen, echten, guten Raum zu haben, zu glauben und zu hoffen. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ heißt es im Hebräerbrief.

<b>Petrus </b>

Als Peter groß geworden war und man ihn Petrus nannte, hatte er den Platz verspielt in Jerusalem am Feuer als er zu feige war sich zu ihm zu bekennen. „Zum zweiten Mal wird er nicht der Sünden wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.“ So endet unser Predigttext. Am See hatte alles begonnen. Petrus schaut über das Wasser. Spricht der Auferstandene zu ihm: Petrus, Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?“ „Ja, Herr“, antwortet Petrus und gewinnt den Platz an der Seite des Herrn zurück. Und Jesus schickt ihn ins Land des Lebens, der Vergebung, der Hoffnung und Barmherzigkeit: Weide meine Lämmer.

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