Morgenwege

Frauen sind früh morgens unterwegs zum Grab Jesu.

Morgenwege sind besondere Wege.

Wenn der Tag noch am Beginnen ist, das Licht sich erst langsam durchsetzen muss, der Morgen noch nach Nacht klingt, erst ganz langsam Vögel vom kommenden Tag künden, dann nehmen Menschen die Welt und die Wirklichkeit anders war.

Die Frauen an diesem Morgen sind noch immer von Trauer erfüllt. Es ist erst der dritte Tag seit dem Tod Jesu. So ein Erlebnis braucht viel mehr Zeit, um wirklich begriffen zu werden als zwei oder drei Tage.

Trauer beginnt erst von den Frauen Besitz zu ergreifen, das Gefühl aus einem bösen Traum bald erwachen zu müssen schwindet nur genauso langsam wie das Dunkel im Morgengrauen.

Trauer braucht seine Orte. Damals das von einem Stein verschlossene Grab, heute das Kreuz, der Stein auf den Friedhöfen, wo gemeinsames Leben, Erinnerung, Liebe und Hoffnungen begraben sind

Es ist wichtig immer wieder an die Orte zurückzukehren, an denen das eigene Leben auf den Kopf gestellt oder aus der Bahn geworfen wurde.

Kreuze am Straßenrand sind solche Orte, zu denen Freunde und Familienangehörige immer weider zurückkehren.

So brechen die Frauen also früh am Morgen auf.

Wege vom Dunkel ins Licht, von Trauer mit all ihren Fragen hin zum Weiterleben, vom Tod zu neuer Hoffnung.Unterwegs lag die Trauer wie ein Fels auf ihrem Herzen, wie der Stein vor dem Grab. Hoffnung hatten sie nur allgemein wie die Menschen ihrer Zeit: Aufersrehung am Ende der Zeiten, wenn Gott Gerechtigkeit schafft allen, die auf Gerechtigkeit warten.

Aber jetzt gehen sie Wege der Trauer, als das Morgenlicht langsam durchbricht so wie heute morgen in der Georgenkapelle.

Unsere Wege sind ganz unterschiedlich.

Es sind nachdenkliche Wege, Wege voller Hoffnung für all die, die wir schon vor längerer Zeit verloren haben, fröhliche Wege, weil wir in unseren Kindern, ganz besonders mit Euch Deborah und Konrad und mit Lena, das Leben mit Händen greifen können und Gott dafür danken wollen.

Deshalb sind unsere Wege so ganz anders als die der Frauen am Ostermorgen. Aber mit den Geschichten dieser Osternacht ahnen wir ja schon, wie schnell sich die Rollen im Laufe eines Lebens verändern können. Dann kommt es darauf an: wichtig ist das Unterwegs sein und unterwegs bleiben.

Das macht den Unterschied der Frauen zu den übrigen Jüngern Jesu aus, von denen wir immer nur hören, dass sie sich zurückgezogen haben, resigniert in ihr altes Leben zurückgekehrt sind oder Angst haben.

Dafür dürfen sie etwas wunderbares erleben. Am Grab angekommen treffen sie auf einen Engel.

Der Himmel selbst ist zu ihnen geespür, kommen in ihrer Trauer, in ihrer Angst, in ihre Fragen, aber auch ihre Hoffnungen. Und diese Begegnung mit dem Himmel, mit dem Engel, mit Gott, wälzt den Stein beiseite. Nicht alle können das aushalten. Die Wachen, ganz gefangen in der alten Welt, ohne Hoffnung, ohne Fragen, ohne Gespür für das, was in diesen Tagen geschehen ist, fallen wie tot um. Sie können nicht erleben und begreifen, was Ostern heißt.

Ich gebe zu: vielleicht geht es unsauch oft so.

Ein Gedicht, das diese Fragen aufnimmt, bringt das auf den Punkt:

ihr fragt

wie ist die auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt wann ist die auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt gibt’s eine auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt gibt’s keine auferstehung der toten

ich weiß es nicht

ich weiß nur wonach ihr nicht fragt:

die auferstehung derer die leben

ich weiß nur wozu ER uns ruft:

zur auferstehung heute und jetzt

All unsere Fragen lassen sich nicht wegdiskutieren. Natürlich frage ich auch: wann und wie und wo und wird es wirklich so sein?

Aber diese Fragen kommen an ein Ziel und sie finden Antworten, wenn wir unterwegs bleiben.

Die Frauen haben nicht mehr und nicht weniger als die Begegnung mit dem Engel, um Ostern zu erleben und Auferstehung zu erhoffen.

Ich greife vorweg: aber das erinnert mich an deinen Taufspruch, Deborah: denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen!

Das ist ein österlicher Taufspruch. Engel werden uns begleiten. Der Himmel kommt zu uns und öffnet sich. Da ist Leben, da ist Zukunft, da ist Auferstehung.

Und der Auferstandene?

Wir bekommen ihn in unserem Osterevangelium nicht zu sehen, wir hören nur von seiner Auferstehung und von seinem Leben durch die Worte des Engels.

Aber er verspricht den Frauen und eigntlich damit auch uns, dass er vorausgehen wird. Und wer ihm nachgeht, oder biblisch gesprochen: wer ihm nachfolgt, der wird ihm begegnen.

Wir feiern in dieser Nacht eure Taufe, Konrad und Deborah, und Lenas Taufe.

Das kann so ein Ort sein, wo wir ihm und damit dem Leben, Gott selbst, begegnen. Und wenn wir ihm dann nachgehen , wenn wir unterwegs bleiben wie die Frauen am Ostermorgen, wenn wir nach ihm fragen, auf ihn hoffen, in ihm Gott mit seiner Liebe und seiner Weltsicht entdecken, dann wird er sich immer wieder lebendig zeigen und zu erkennen geben.

Darüber dürfen wir uns freuen. Für Furcht wie damals im ersten Augenblick muss kein Anlass bestehen. Die Freude darf uns erfüllen. Die Freude dürfen wir weitergeben.

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!

drucken