Ich verrate euch ein Geheimnis

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

Paulus untertreibt kein bisschen: Ostern, Auferstehung oder was immer sie mit diesem Tag und diesem Fest verbinden – das ist wirklich ein Geheimnis. Ich könnte auch sagen: das ist mysteriös, geheimnisvoll, verborgen. In einem Augenblick wird alles verwandelt. Von jetzt auf gleich statt Vergänglichkeit Ewigkeit, statt Tod Leben.

Ich kann gut verstehen, dass den Korinthern Zweifel gekommen sind. Nach der Euphorie des Anfangs, als sie sich schon fast in der Ewigkeit wähnten, kam die Ernüchterung des Alltags. Und die hieß auch in Korinth: Tod, Vergänglichkeit, Trauer, Abschied, banges Fragen und nur vorsichtiges Hoffen. „Tod: wo ist dein Sieg?“ musste nicht gefragt werden, das war doch offensichtlich. Alles sprach – wenn ich ehrlich bin, muss ich selbst heute noch zugeben: alles spricht – seine Sprache.

Der Karfreitag hat es auch uns wieder vor Augen geführt, was die Korinther damals nach der Anfangseuphorie so schmerzhaft empfanden: es wird gestorben. Unsere Welt ist voller Symbole der Vergänglichkeit. Und jeder von uns heute morgen kann ein Kapitel dieser unendlichen Geschichte erzählen.

Wie mag es den Menschen gehen, die noch kurz vor den Osterfeiertagen einen Angehörigen zu Grabe tragen mussten oder das in den nächsten Tagen vor sich haben? Wie mag es denen gehen, die in diesen Tagen auf einen Jahrestag zurückschauen und nur noch verflossenes Leben in den Händen halten? „Tod: wo ist dein Sieg?“ Er ist doch offensichtlich. Der Alltag ist sein Reich. Es wird gelebt und es wird gestorben. Diese Welt und der Mensch sind Zeichen der Vergänglichkeit. Wenn, dann tut schon eine grundlegende, eine große Veränderung not – wer könnte daran zweifeln?

Es sind wohl doch einige, die vorsichtig, manchmal auch laut und provozierend ihre Zweifel anmelden: Auferstehung / ewiges Leben? Frommer Wunschtraum, darum lass es dir heute gut gehen, morgen könnte schon alles vorbei sein. Ihnen ist es zuviel mit dem Geheimnis des Glaubens, sie halten sich lieber an die Sprache und die Wirklichkeit des Alltags. Aber auch unter uns meldet sich doch immer wieder der zaghaft ummäntelte, verborgene Zweifel zu Wort. Er kommt nur frommer daher:

ihr fragt

wie ist die auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt wann ist die auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt gibt’s eine auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt gibt’s keine auferstehung der toten ?

ich weiß es nicht

ich weiß nur wonach ihr nicht fragt:

die auferstehung, derer die leben

ich weiß nur wozu ER uns ruft:

zur auferstehung heute und jetzt

„Ich weiß es nicht“ – so klingt eine ehrliche, glaubwürdige Antwort. Aber ist es die Antwort, die man von uns erwartet? Ist das wirklich die Antwort, die Ostern gibt: ich weiß es nicht, aber ich glaube, dass ER, Gott, mich heute zur Auferstehung mitten im Leben ruft?

„Glaubst du an die Auferstehung?“ Paulus hätte nicht einen Augenblick mit seiner Antwort gezögert. Und das nicht, weil er in einer andern Zeit mit einem anderen, womöglich einfacheren Weltverständnis gelebt hat, sondern weil er an den Auferstandenen glaubte, weil er dem Auferstandenen begegnet war, weil es für ihn an der Wirklichkeit dieser Glaubenserfahrung aus persönlichem Erleben gar keinen Zweifel geben konnte. Ich verrate euch ein großes Geheimnis, das aber tief in unsere Wirklichkeit hineingehört. Wir werden alle verwandelt werden.

Hoffnung gibt es nur, wenn neben diese todbestimmte Wirklichkeit unseres Leben, so bunt, so schillernd, so fröhlich und so lebendig sie Gott sei Dank auch immer wieder ist, die andere Wirklichkeit Gottes tritt, in der der Tod nichts mehr zu sagen und zu bestimmen hat. Wir sehen sie noch nicht, sie ist noch verborgen, erscheint rätselhaft, aber nur auf den ersten oberflächlichen Blick. Wer Christus anschaut, wer Christus erlebt, dem erschließt sich diese Wirklichkeit. Er ist die neue Welt Gottes, er ist die Auferstehung, die glaube und erhoffe.

Ich habe manchmal den Eindruck, das eine falsche Vorstellung von Auferstehung mit verantwortlich ist für viele Missverständnisse, denen wir begegnen. Auferstehung ist nicht einfach die Wiederbelebung unserer Toten. Wie soll das gehen?

Die Frauen am Ostermorgen, die enttäuschten Jünger auf dem Heimweg nah Emmaus, die hätten den Ort, wo er hingelegt wurde, benennen und wie am Ostermorgen aufsuchen können. Dann hatte Trauer ihren Ort und sie konnten wie getan auch nachschauen. Aber wir?

Wie ist das mit unseren Vorfahren, über die die Zeit und mit ihr die Erinnerung hinweggegangen ist? Wie ist es mit all den Toten, die nie in Kriegen und bei Katastrophen einen Ort gefunden haben, an denen sie betrauert werden konnte. Sollte es für sie deshalb keine Auferstehung der Toten geben können?

Das Grab am Ostermorgen ist leer, aber was so nahe liegend zu sein scheint, dass der Tote nämlich mit neuem Leben erfüllt wurde, löst bei denen, die vor Ort sind, doch nur Furcht und Entsetzen und viele Frage aus. Nein, Auferstehung ist nicht einfach nur Wiederbelebung der Toten. Auferstehung ist Leben im Licht und in der Gegenwart Gottes. Auferstehung ist ein Lichtstrahl der neuen Welt, der Herrlichkeit Gottes und seines Reiches in unseren Alltag und in unsere Wirklichkeit. Das dürfen die Osterzeugen sehen und begreifen. Das hat Paulus hat als Geheimnis am eigenen Leib erfahren, als der Auferstandene ihn rief mit der Frage: Saul, Saul, was verfolgst du mich?

All die Kritiker und Skeptiker, die uns Christen ein naives Weltbild vorwerfen, haben nie genau hingeschaut, wie alle Osterberichte und Ostererlebnisse genau dies Geheimnis bewahren, weil sie es nicht auflösen können und auflösen wollen. Auferstehung ist nicht Wiederbelebung. Auferstehung ist Verwandlung. Verweslichkeit wird Unverweslichkeit, Sterblichkeit wird Unsterblichkeit. Der Auferstandene zeigt sich den Menschen in dieser Welt und ist doch schon ganz in der Wirklichkeit Gottes. Er ist der Fremde, den man für einen Gärtner oder einen unbekannten Wanderer halten kann und doch zugleich der Freund, den man wiedererkennt an der Art, wie er beim Namen ruft oder wie er das Brot bricht und Gott dankt. Er kann seine Wundmale zeigen und ist im gleichen Augenblick auch den Blicken und dem Zugriff wieder entzogen. Seine Auferstehung bezeugt: es gibt mehr als wir sehen, erkennen und begreifen. Gottes Wirklichkeit trifft uns, manchmal auch unvorbereitet. Aber sie bricht in unser Leben, in unsere Wirklichkeit ein und will heute schon anfangen sie zu verändern.

Auferstehung heißt nicht einfach: weiter so mit nur leicht veränderten Vorzeichen, sondern: Gott lässt Neues werden. Für mich hat das zwei Konsequenzen: Die eine heißt Hoffnung. Der Tod ist nicht die alles bestimmende Wirklichkeit: Die Eltern des siebenjährigen Mädchens, die Wochenende für Wochenende zurückkehren an den Ort, an dem es tödlich verunglückte und die nicht mehr erhoffen als: wir möchten uns einmal wiedersehen, sollen hoffen. Auferstehung heißt: selbst da, wo das Leben wie eine Blüte abgebrochen wird und mit einem Schlag verwelkt, gibt es Hoffnung. Auferstehung heißt Verwandlung, Auferstehung heißt dshalb aber auch Wiedersehen unter ganz anderen Vorzeichen. „Gott sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus.“

Die andere Konsequenz heißt Leben: hier und heute. Das Leben ist mehr als nur ein Training oder eine Vorbereitungsmaßnahme auf die Ewigkeit, es ist schon der Ernstfall. Vergänglichkeit und Leiblichkeit hat seine Zeit und seinen Ort. Gott hat uns unser Leben um unsertwillen geschenkt. Wir dürfen es leben, wir dürfen es annehmen. Es ist gut und es ist schön. Es ist eben nur noch nicht alles. Es kommt noch Leben im Licht Gottes, in seiner Wirklichkeit, in seiner Gegenwart, aus seiner Kraft und Herrlichkeit.

Ich verrate euch ein Geheimnis: Es gibt Auferstehung der Toten. Es gibt den Sieg des Lebens. Wir dürfen heute aufstehen zum Leben und uns freuen. Und wir dürfen hoffen und vertrauen auf das Leben, in dem alles im Licht und in der Kraft Gottes in Freude und in Licht verwandelt wird durch unsern Herrn Jesus Christus.

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