Das Beste draus machen

Liebe Ostergemeinde,

wie jedes Jahr feiern wir Ostern. Wir freuen uns am Frühling. Dieses Jahr freuen wir uns wohl besonders, weil es so lange kalt war. Wir freuen uns, dass Gott uns neu mit Lebenskraft beschenkt, mit Hoffnung und Energie, mit Vertrauen und Liebe.

Wie jedes Jahr. Doch sind wir jedes Jahr diesselben Personen? Oder ändern wir uns mit der langen Zeit?

Unser Predigttext am heutigen Ostermontag antwortet uns auf diese Fragen.

Wir werden verwandelt. Das ist ein künftiges Geschehen, aber es wirkt jetzt schon.

Ich lese uns den Schluss des großen Auferstehungskapitels des Apostels Paulus, 1. Korinther 15,50-58:

[TEXT]

Wir haben doch oft in unserem Leben das Gefühl, dass alles vergeblich ist. Man bemüht sich, wendet alle Energie auf und am Ende bringt es doch nichts. Man will etwas ändern, weil es so, wie es jetzt ist, noch nicht ganz stimmt. Kurz: Wie oft sind wir unzufrieden! Und jetzt verspricht uns der Predigttext die Lösung: Wir werden alle verwandelt. Das geht nicht so mir nichts, dir nichts. Sondern es braucht Zeit. Die Verwandlung begleitet uns die Jahre hindurch, durch alle Lebensphasen. Schauen wir ruhig mal näher hin.

Da gibt es die Jugend mit der großen Unsicherheit. Der Körper verändert sich sehr. Man weiß gar nicht mehr, wohin mit den schnell gewachsenen Armen und Beinen. Die Räume werden kleiner. Man stößt sich die Beine an den Tischen. Die Welt um einen herum wird kleiner. Zusätzlich werden Jungs zu Männern. Mädchen zu Frauen. Sie müssen sich auf einmal anders verhalten. Sie müssen die gesellschaftliche Rolle Frau und Mann lernen. Jungen und Mädchen können nicht mehr unbefangen miteinander umgehen. Und man hat noch nicht die Sicherheit und Verfügungsmacht, die einem ein Beruf und regelmäßiges Einkommen geben.

Jugendliche fühlen sich fremd in ihrem Körper. Doch wie können sie ihn wieder für sich gewinnen und richtig in ihn einkehren, sodass sie sich in ihm wohl fühlen können?

Wenn sie das Gefühl gewinnen, dass Gott sie annimmt, sie liebt und ihren Körper schön findet, können sie ihm vielleicht glauben. Vielleicht können sie selbst einen barmherzigeren Blick auf ihren eigenen Körper entwickeln. Und ihn lieben, weil Gott ihn liebt. Und später auch, weil sie ihn selbst lieben.

Genau so gibt es körperliche Unsicherheiten auch in anderen Lebenslagen. Z.B. irgendwann, wenn die Frage aufkommt, mit wem ich mein Leben verbringen möchte. Dann muss nicht nur ich mich lieben, sondern auch jemand anderes meinen Körper.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: darin liegt auch eine Chance. Wenn ich selbst unsicher bin, kann mir mein Partner Sicherheit geben.

Letztens fragte ich auf dem Weg zu einer Beerdigung meine Frau und meine Tochter, ob die Frisur in Ordnung sei. Ich selbst war nach dem Blick in den Spiegel unzufrieden mit mir selbst. Beide waren der Meinung: die Haare sind gut so. Ich denke, so ist es häufig. Wenn mein Blick auf mich selbst barmherziger wäre, könnte ich viel zufriedener leben. Ersatzweise brauche ich Menschen, die mir Anerkennung geben und mir sagen: du bist okay. Wenn ich das oft genug höre, vielleicht glaube ich es irgendwann. Und vielleicht gelingt es mir sogar, in meinem Herzen anzunehmen, dass ich von Gott angenommen bin. Vielleicht kann ich es glauben: ich bin Gottes geliebtes Kind. Und dann kann ich meine Entscheidung treffen im Vertrauen, dass Gott bei mir ist.

Wenn das mit dem Partner funktioniert, dann gibt es vielleicht Kinder. Das ist der Lauf der Welt.

Für ein Paar ist es allerdings eine sehr anstrengende Zeit. Die Nächte sind kurz. Man ist viel mehr angebunden. Das Geld muss nun für mehr Personen reichen. Das Paar hat weniger Zeit nur für sich selbst. Viele Ehen überstehen die Kleinkindphase nicht, weil der ganze Stress dazu führt, dass die Liebe weniger Raum und weniger Worte und weniger Entspannung hat. Was könnte hier heißen: wir werden verwandelt?

Das Paar muss danach suchen, neue Räume für die Liebe zu erschließen, z.B. indem sie die Großeltern bitten, für ein freies Wochenende auf die Kinder aufzupassen.

Vielleicht können sie bei diesem Wochenende genügend aufatmen und Energie gewinnen, um das Leben mit den Kindern besser zu genießen. Ich erinnere mich z.B. daran, wie schön es war, mir meine Lieblingsmusik aufzulegen und mit meinen Töchtern auf dem Arm zu tanzen. Dabei sind sie dann gut eingeschlafen. Das öffnete mich für das Geglaubte: in diesen Kindern zeigt sich die Liebe Gottes für mich und meine Frau.

Gehen wir den Lebenslauf weiter. Es gibt die Midlife Crisis und das Größerwerden und AusdemHausgehen der Kinder.

Jemand erzählte mir folgendes. Die Ehe hatte das Großwerden der Kinder nicht überstanden. Es war das übliche. Die Beziehung war eingeschlafen. Er lernte bei der Arbeit eine jüngere Frau kennen, die ihm das Gefühl gab, wertvoll und attraktiv zu sein und noch nicht zum alten Eisen zu zählen. Irgendwann war die Heimlichkeit zu Ende und die Ehefrau, die die zunehmende Fremdheit gespürt hatte war sehr geschockt und trennte sich. Sie erzählte mir, wie sehr sie das in ihrem Selbstwertgefühl getroffen hat. Sie meinte: „Ich hatte lange das Gefühl, nicht richtig wertvoll zu sein.“ Auf den Rat einer Freundin hin, fuhr sie für eine Woche in die Einsamkeit in einem kirchlichen Tagungshaus und suchte Ruhe, Besinnung, Veränderung. Die Andachten dort und die Gespräche halfen ihr sehr. Sie fühlte sich nicht richtig wertvoll, weil sie sich selbst die Schuld daran gab, dass es ihr nicht gelungen war, ihren Mann zu halten. Nun merkte sie: Gott ist gnädiger mit ihr als sie selbst und deshalb darf sie selbst auch gnädiger mit sich selbst sein. Gott sieht bei ihr nicht die Schuld und deshalb muss sie die Schuld auch nicht bei sich suchen. Dank eines freundlicheren Blicks auf sich selbst und das, was geschehen ist, kann sie Mut fassen für die Zukunft. Gott liebt sie, deshalb kann sie auch lieben. Ihr wurde klar: ich brauche einen neuen Partner. Und sie machte sich auf die Suche, denn nun war die Trauerzeit vorbei und sie war offen für eine neue Beziehung. In Stille und Rückzug und Gebet gelang die positive Verwandlung, die ihr zum Leben half. Sie konnte mit der Vergangenheit abschließen und weitergehen im Leben. Sie konnte den nächsten Schritt tun, der dran war.

Gehen wir weiter zur nächsten Lebensphase: mit Ruhestand und Großwerden der Kinder stellt sich die Frage: wie soll es weitergehen? Der Freiraum muss gefüllt werden. Manche haben durch ihre Hobbys vorgesorgt. Andere fallen erst einmal in ein Loch, ohne es direkt zu bemerken. Im Beruf hatte man neben der Belastung auch die Chance etwas zu verändern, und es war spannend. Wie kann hier die Verwandlung, die ansteht, offen werden für die Verwandlung von Gott her?

Viele haben in einer Kirchengemeinde einen wichtigen Raum gefunden. Da lernt man neue Leute kennen und kann neue Freundschaften schließen. Mit Freunden kann man die letzen Fragen besprechen: wer sind wir, woher kommen wir, wohin gehen wir.

Ich schaue zurück auf mein Leben und bewerte, was war. Dazu hilft mir der gnädige Blick Gottes. Das macht uns zu dem, der wir heute sind: Gottes geliebte Kinder. Von hier aus können wir unser weiteres Leben gestalten und die dazu nötigen Entscheidungen treffen. Z.B. kann man Reisen in einer Weise unternehmen, die bisher nicht möglich war. Ich kann ganz Neues lernen.

Doch in dem Moment, in dem sich die Einschränkungen des Alters stärker bemerkbar machen, gibt es neue Fragestellungen.

Vor einiger Zeit sagte eine Frau beim Einkaufen zu mir – und das hatte einen eher wehmütigen Unterton – „Früher habe ich den Alten nicht geglaubt, wenn sie sagten: wie schnell bin ich alt geworden. Wie schnell geht das Leben vorüber. Man merkt es kaum. Es ist wie im Flug. Jetzt aber merke ich es selbst an mir“ Sie merkte dann, dass es ein wenig wehmütig klang und endete: „Aber wir müssen das Beste draus machen.“

Wie kann man das Beste draus machen? Wie kann die Wehmut verwandelt werden?

Man hat ein langes Leben hinter sich, voller Schwierigkeiten, aber auch voller Erfahrungen, an denen man gewachsen ist. Diese Erfahrungen sind so wertvoll, dass sie die nächsten Generationen bereichern können. Wenn wir Menschen finden, die zuhören, gewinnen alle dabei, wenn wir von unserem Erfahrungsschatz erzählen.

Das Leben mutet uns ständig Veränderungen und Verwandlungen zu. In all dem bleiben wir, die wir sind und deren Namen vor Gott genannt sind. Und zugleich werden wir verwandelt.

Wir werden sowieso verwandelt und die Frage ist, wie unser Glaube uns begleitet im Leben und wie sehr in unserem Verwandeltwerden Gottes Gnade und Gottes Lebenskraft gegenwärtig sein kann. Wie sehr die Ewigkeit auf unser Älterwerden ein heilsames und tröstliches Licht wirft. Wie sehr die Auferstehungshoffnung auch unsere Verluste und Kränkungen und Traueraufgaben überstrahlt und begleitet.

Dazu helfe uns der Lebendige, der Urgrund des Lebens und die Kraft unserer Hoffnung, das Feuer unserer Liebe, die bergeversetzende Kraft des Vertrauen. Mit einem Wort: Gott.

drucken