Fahr zur Hölle, Gott!

Liebe Leser!

Christus ist der „Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.“

Kann man heute noch die Lehre von der stellvertretenden Genugtuung durch den Tod Christi verstehen? Kann sie uns noch etwas sagen? Wie kann meine Schuld durch den Tod eines Schuldlosen (wenn man von einem solchen überhaupt reden darf) gesühnt werden? Welche primitiven Begriffe von Schuld und Gerechtigkeit liegen solcher Vorstellung zugrunde? Welch primitiver Gottesbegriff? Soll die Anschauung vom sündentilgenden Tode Christi aus der Opfervorstellung verstanden werden: welch primitive Mythologie, dass ein Mensch gewordenes Gotteswesen durch sein Blut die Sünden der Menschen sühnt“ (Bultmann)!

Aber genauso funktioniert es doch unter uns Menschen, oder?

Schuld muss aufgewogen werden, ob im Betrieb, auf der Bank, bei persönlichen Verletzungen, bei Verbrechen.

Beschuldigt zu werden – ob zu recht oder zu unrecht, von anderen oder sich selbst – wird deshalb als äußerst bedrohlich erlebt. Selbst sachliche Kritik verkraften nur wenige Menschen gut.

Allein daran wird deutlich: Schuld gefährdet das Leben, weil sie nach Sühne schreit. Schuld zerstört Beziehungen, bedroht die Existenz. Deshalb muss sie schnellstmöglich aus der Welt geschafft werden. Sie muss auf andere abgeschoben werden oder es Ausgleich geschaffen werden.

Manches lässt sich relativ leicht wieder in geordnete Bahnen bringen, indem man Schuld nicht zugibt oder, wenn es denn sein muss, mit einem kleinen oder größeren Geschenk in der Hand versucht, wieder ein gutes Verhältnis herzustellen. Sie werden da ihre eigenen bewährten Strategien haben. Aber auch Sie werden wissen: Manche Wunden bleiben.

Es gibt auch Schuld, bei der wir nicht schaffen, alles wieder einigermaßen ins Lot zu bekommen.

Da fährst du friedlich im Auto – vielleicht in bisschen zu schnell. Friedlich spielt ein Kind. Aber nicht, wie man annehmen sollte zwei Meter neben der Straße. Sondern urplötzlich spielt es 50 cm vor meinem Kühlergrill. Eben war da noch nichts. Und dann war da plötzlich dieses Kind. Und im gleichen Moment: kracht es an der Stoßstange. Eben spielte das Kind noch und einen Moment später ist es tot. Einfach tot. Ich steige aus. Man sieht nicht mal was. Die Stirn scheint etwas eingedrückt. Aber es sieht eigentlich noch genauso aus wie eben – das bisschen Blut lässt sich abwischen. Aber wenn ich es anspreche, antwortet es einfach nicht. Es ist wie neu. Aber einfach tot. Eben hat es noch gespielt. Jetzt zuckt kein Finger mehr, kein Laut kommt mehr über die Lippen. Wie auf einem Foto, wie eingefroren. Seit Jahren versuche ich die Kleine im Traum immer wieder aufzuwecken. Das Schlimme ist diese Stummheit. Sie friert das Leben ein – seit Jahren.

Manche stellen die Hölle durch Feuer dar. Ich kann sie genau beschreiben – sie ist wie ein riesiges Foto, jedes Detail übergenau abgebildet. Die Hölle findet zur Hälfte in meinem Bett statt zur anderen Hälfte auf einem Stück Asphalt herausgefräst aus Welt und Zeit. Eingefrorener Moment, der nicht antwortet, obwohl vor Sekunden noch alles lebte. Das ist die Hölle. Und kein Selbstmord beendet sie, denn tot bin ich, seit alles zu diesem einen Bild gefroren ist. Ich zapple herum in diesem Bild. Die blöde Ameise läuft jede Nacht am Haarband des Kindes vorbei, krabbelt über die Steinchen des Asphalts. Die blöde Ameise lebt, jede Nacht. Nur dieses Kind will nicht wieder aufwachen, obwohl es eben noch lebte!

Ich zapple, aber ich bin tot, seit die Kleine sich nicht mehr bewegt. Ich bin tot, auch wenn sie sagen, ich sollte wieder zu leben beginnen, sollte mir verzeihen.

Aber das geht nun mal nur bei Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Schlamm zieht. Das Kind schweigt und bewegt sich nicht, seit zwei Jahren. Ich beweg mich ja, hier, hallo!, Hände, Beine, Kopf, alles, was soll ich noch? Die Hölle besteht doch darin, dass das Kind sich nicht bewegt. Das KIND !!! Herr Gott noch mal, sagt dem Kind, es soll wieder zu leben anfangen, nicht mir! Gott, fahr zur Hölle, Gott! Versuch doch du, die Kleine wieder aufzuwecken!“

… gekreuzigt, gestorben und begraben. Hinabgestiegen in das Reich des Todes …

So bezeugen wir es im Glaubensbekenntnis.

Wenn wir so sprechen, mag uns Christus fragen:

Ihr meint, es ginge nicht, dass ein anderer stellvertretend für euch büßen kann? Dabei lasst ihr täglich andere für euch büßen. Ihr meint, es ginge nicht, dass ich euere Schuld trage? Dabei schiebt ihr täglich Schuld auf andere ab.

Ihr wisst, dass es geht. Große Teile eueres Lebens beruhen darauf, seit Adam sagte, Eva sei´s gewesen.

Also: Wenn ihr schimpft, schimpft auf mich. Wenn ihr schlagt, schlagt lieber mich. Wenn ihr kreuzigt, kreuzigt mich! Wenn ihr jemanden zur Hölle schickt, schickt lieber mich!

Ich bin nicht tot zu kriegen, wie ihr wisst. Also kuriert euch – auf meine Kosten. Ich schenke euch mein Leben.

Es kann überlebenswichtig sein, Gott die Schuld geben zu dürfen (Hiob), auf Gott schimpfen zu dürfen. Ihn anzugehen und zu beleidigen. Die Kirche und ihre Mitglieder tun nicht gut daran, Gott zu verteidigen. Sie tun vielmehr gut daran, Gott zum Kanal für die Abgabe von Schuld und Aggression werden zu lassen, Gott Opfer werden zu lassen – immer wieder.

Denn wer auf Gott schimpft, nimmt in Anspruch, was uns Gott am Karfreitag anbietet: Schlagt mich, statt andere. Kreuzigt mich, statt euch selbst. Schlagt mich tot, schickt mich zur Hölle, statt die Welt.

Das ist das Angebot Gottes, heute an Karfreitag an uns und die Welt. Wir sollten wagen, es anzunehmen.

Denn nicht Gott braucht das Opfer, wir Menschen brauchen es. Wir bauen unser Leben seit Urzeiten darauf auf. Wir brauchen immer wieder Opfer, um verzeihen zu können, uns und anderen. Wir brauchen Opfer, um mit Kränkungen umgehen zu können. Immer wieder fordern wir sie von anderen ein. Immer wieder werden sie auch von uns gefordert. Und wenn jemand keine Opfer von uns verlangt, dann nehmen wir ihn nicht ernst, meinen, man könne auf ihm herumtrampeln, er könne sich nicht durchsetzen.

Liebe Gemeinde, wir brauchen, wenn wir ehrlich mit uns sind, Opfer, um unseren Alltag bewältigen zu können. Unsere Logik braucht Opfer, nicht Gott.

Das Kreuz ist ein aufopferungsvoller Versuch Gottes, die Menschen zu lieben, indem er anbietet, sich selbst in ihre irre Logik zu begeben. Er bietet sich selbst an als Ventil für Aggression und Schuld: Schlagt lieber mich, statt andere. Kreuzigt lieber mich, statt euch selbst. Schickt mich zur Hölle, statt die Welt. Mit mir könnt ihr´s machen.

Was für ein Geschenk – für uns und die, die gewöhnlich unter uns leiden. Was für ein Geschenk, was für eine Möglichkeit zum Frieden! Wagen wir es, Gott zu schlagen und die Welt in Frieden zu lassen!

Gott ist nicht weltfremd, sondern weiß um die irre Logik der Menschen. Er begibt sich in diese irre Welt – aus Liebe.

Seit Christus werten Gott den Fluch als Gebet: „Gott, fahr zur Hölle! Versuch doch du, die Kleine wieder aufzuwecken!“

Amen, spricht Gott dazu – und tut´s. Der Boden fängt an zu zittern, so erzählt es die Passionsgeschichte. Er fährt zur Hölle.

Der arme Mann kann nun wieder schlafen, von nun an, versucht Christus, die überfahrene Kleine auf dem Asphalt wieder zum Sprechen zu bringen. Der Vorhang im Tempel reißt entzwei von oben bis unten aus und mit ihm alle zum toten Bühnenbild erstarrten Höllen dieser Welt.

Wir müssen nur noch hindurchgehen. Um alles andere kümmert sich Christus.

Wir glauben an die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.

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