Dem Weg des Kreuzes folgen

Liebe Gemeinde,

Karfreitag – der Leidenstag – ist gekommen und wir bilden ihn in unserer Kirche und in unserem Gottesdienst ab. Der Altar ist leer geräumt: keine Kerzen verbreiten ihr Licht, keine Blumen zeugen von Leben, nur die Hl. Schrift ist geblieben, uns zur Vergewisserung und zum Trost. Und natürlich offen geblieben ist unser Altarbild – ein Passionsbild, wie Sie alle wissen. Dargestellt die Kreuzigung Jesu.

Der Altar wird so sinnbildlich mit seinem kalten Stein zum Grab unseres Gottes – nicht der Tisch des Herrn, den wir gestern noch gedeckt haben und dessen Mahl wir gefeiert haben als Zeichen und als Erinnerung, als Kraft und Hilfe. Nein, heute ist er leer – verschlossen wie das Grab unseres Herrn und das weiße Tuch über dem Altar ist das Sinnbild des Leichentuches, mit dem unser Herr zugedeckt war.

Es sind die einzigen Tage, liebe Gemeinde: Karfreitag und Karsamstag, an denen Schwarz in unserer Kirche gedeckt ist. Schwarz als die Farbe des Todes und der Trauer; Schwarz als die Farbe, dass die Schmerzen überhand genommen haben und wir darunter leiden.

Wir leiden unter der Abwesendheit unseres Gottes. Wir leiden an seinem Tod. Wir empfinden wie die Jünger unter dem Kreuz eine Leere in unserem Leben. Wie die Jünger fragen wir uns: War das alles? Kommt nicht mehr? Ist mit Jesus all das gestorben, woran wir geglaubt haben?

Freilich sind wir den Jüngern einen Schritt voraus, denn wir wissen, dass auf Karfreitag der Ostermorgen folgen wird: der Tag des Sieges über den Tod, der Tag der Auferstehung unseres Herrn, die uns zum Zeichen und Vorbild für unsere eigene Auferstehung geworden ist.

Dennoch bleibt der Karfreitag in unserem Kirchenjahr stehen mit guten Grund: das Leiden ist aus der Welt nicht verschwunden und aus unserem Leben sind die Schmerzen nicht gewichen. Wenn wir auf das Kreuz blicken, auf den sterbenden Jesus an diesem, so blicken wir auf zweierlei: zunächst auf das, was unsere Hoffnung begründet: die Auferstehung und das Leben, das nach dem Tode kommen wird. Deswegen können wir das Kreuz als unser Erkennungszeichen behalten, weil es über das hinausweist, wofür es eigentlich geschaffen war: über das Leid und den Tod hinaus, für das es die Römer vorgesehen hatten. Zum anderen aber blicken wir auf das Kreuz als Instrument dessen, was uns bedrängt und belastet. Das Kreuz zeigt die Ränder unseres Lebens auf. Es konfrontiert uns mit dem, was uns belastet: unser Leid, unsere Schmerzen, unser Versagen, unsere Schuld. Es durchkreuzt im wahrsten Sinne des Wortes unsere eigene Vorstellung von uns selber und spricht zu uns: auch du bist schuld, dass es auf der Welt Leiden gibt. Auch du trägst Verantwortung für das Böse, das sich unter uns breit macht. Auch du sorgst dafür, dass andere Menschen, die Natur und die Umwelt Schaden nehmen.

An Karfreitag, liebe Gemeinde, müssen wir diese Worte hören und wir müssen sie stehen lassen in all ihrer Härte, weil uns die Zuflucht genommen worden ist, die uns sonst unser Leben lang begleitet: Jesus Christus ist tot, gestorben an diesem Kreuz, gestorben an diesem unseren Versagen, gestorben für unsere Schuld, gestorben für unser Versagen. Wir aber sind diese Tage allein, damit wir erkennen aus welcher Gnade heraus wir leben dürfen.

Hören wir aus diesem Bewusstsein heraus die Worte der Heiligen Schrift, die uns heute als Predigtgrundlage gegeben sind. Wir finden sie im Brief an die Hebräer im neunten Kapitel, die Verse 15 und 26 bis 28.:

[TEXT]

Unser Dekan hat auf der Synode davon gesprochen, dass Karfreitag der höchste Feiertag für uns Evangelischen sei. Er hat sich dabei etwas ungeschickt ausgedrückt, denn natürlich ist der höchste Freudentag für uns Christen das Osterfest: die Auferstehung und der endgültige Sieg über den Tod. Aber natürlich beginnt dieser Sieg zunächst mit dem Leiden und schließlich mit dem Sterben Jesu an diesem Karfreitag. Sein Tod, so drückt es unser Predigtwort aus, wird für uns zur Mittlerschaft des neuen Bundes. Insofern ist Karfreitag ein wichtiger Tag für uns, aber eben nur, wenn wir an diesem Tag nicht stehen bleiben, sondern weiter blicken auf das Ende der Geschichte und das Ende der Zeit, wie es auch uns vorbestimmt ist. Jesus ist Mittler geworden des neuen Bundes. Eine neue Partnerschaft, eine neue Verbindung, ein neuer Vertrag zwischen Gott und den Menschen. Es bleibt schwierig das Wort „Bund“ angemessen zu übersetzen. Was ist genau damit gemeint? Vor allem anderen und an ersten Stelle wird damit ausgedrückt, dass Gott sich auf eine neue Art und Weise selbst verpflichtet. Er nimmt sich etwas Neues vor – er bindet sich an ein Versprechen, das er uns aus freien Stücken gibt, ohne – und das ist das Entscheidende – ohne, dass wir eine Vorleistung dazu erbracht hätten. Was verspricht er? Er verspricht, bei uns zu sein, uns zu helfen, uns nachzugehen, wenn wir in die Irre laufen. Er verspricht uns Gerechtigkeit, die uns gerecht machen will. Es ist ein unvorstellbar hohes Gut, das wir dort umsonst geschenkt bekommen. Diese Selbstverpflichtung geht Gott ein aus reiner Liebe – Gott ist die Liebe, wird oft zitiert. Ja, wenn überhaupt ist es nur vorstellbar, dass jemand solch ein Versprechen aus reiner Liebe zu einem anderen eingeht. Gott liebt uns so sehr, dass er in Jesus Christus ganz und gar zu uns gekommen ist. Wie aber kann man dem Menschen möglichst nahe kommen? Nur, indem man in sein Leid und in seine Verstrickung und sein Elend hinabsteigt. Dort wird der Kern des Menschen, den die Bibel beschreibt mit der Vertreibungsgeschichte aus dem Paradies am anschaulichsten. Gott steigt in unser Leid hinab – er begibt sich in den Tod, der normalerweise die Folge unseres Verhaltens wäre: den Straftod, das Hinsiechen in Aussichtslosigkeit und langsamer Qual und Beziehungslosigkeit. Gott stirbt diesen Tod am Kreuz und so kann es passieren, dass Jesus Christus – Gott selbst – am Kreuze ausruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Nur so kann er zum Mittler werden dieses neuen Bundes, von dem wir heute noch leben. Aber es ist noch mehr: es ist gleichzeitig ein Hinweis auf unser menschliches Wesen, auf unsere Schuld, die zwar in Gott aufgehoben und vergeben wird: „Gott macht uns gerecht!“, die uns aber dennoch begleitet unser Leben lang. Es ist ein Hinweis darauf, wo Gott zu finden ist: bei den Benachteiligten, bei den Schwachen, bei den zu-kurz-Gekommenen, bei den Leidenden, bei den Armen, bei den Kranken. Es ist daher immer eine Frage an uns, wo wir denn stehen – auf welche Seite wir uns schlagen. Es ist eine Frage, wem wir folgen und wofür wir kämpfen.

Und diese schwarzen Tage, diese Kar-Tage werden wir mit jener Frage allein gelassen, damit sie in uns Raum greifen kann und uns verändern kann. Damit sie uns bewegen kann und unsere Sicht auf die Wirklichkeit verändert. Siehst du das Leiden deiner Mitmenschen fragt uns das Grab Jesu? Siehst du den Tod, für den du verantwortlich bist, fragt uns das Kreuz. Spürst du die Macht der Sünde, der du oft genug anheim fällst, fragt uns der leere Altar.

„Einmal“ spricht unser Predigtwort, „ist Christus geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten zum Heil.“ Das ist das Paradoxe an unserem Glauben: wer verstehen kann und im Herzen begreifen kann, dass er selbst versagt, dass er selbst unfähig ist, dass er selbst Schuld trägt, für den ist Christus gestorben und den wird ihn zum Heil führen.

In einer Zeit, liebe Gemeinde, wo uns jeder vorgibt, wir wären aus uns selbst stark, wir wären aus uns selbst heraus fähig, das Gute zu bewirken und das Böse zu lassen; in einer Zeit, in der uns vorgemacht wird, wir können selbst zur Erlösung und zur Erleuchtung kommen, wenn wir nur diese oder jene Technik oder dieses oder jenes Wissen anwendeten: in dieser Zeit steht das Kreuz da wie ein Fels, an dem wir nicht vorbei kommen. Das Kreuz wirft uns zurück und konfrontiert uns mit unserem Unvermögen. Das Kreuz aber ist nur überwindbar, wenn wir uns einlassen auf die Botschaft des Kreuzes: dass das Leiden in der Welt mit uns etwas zu tun hat, dass wir Verantwortung tragen, dass wir uns demütigen sollen, dass wir nicht Gefahr laufen, uns selbst auf den Thron zu erheben. Und liebe Gemeinde: wer diesem Weg des Kreuzes folgt, der wird selber leiden müssen in seinem Leben, er wird Spott und Hohn ertragen, Gewalt aushalten, eben weil er versucht, dem Weg unseres Herrn zu folgen. Diesem aber gelten die Worte des Hebräerbriefes: „Die Berufenen werden das verheißene ewige Erbe empfangen und denen, die auf ihn warten wird er erscheinen zum Heil.“

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