Der Schmerzensmann

Liebe Gemeinde,

wir müssen schon sehr genau hinhören, um zu merken, dass hier ein Mensch qualvoll stirbt. Der Evangelist Johannes beschreibt das Sterben des Jesus von Nazareth sehr unspektakulär. Da fließt kein Blut. Wir hören auch keine Schmerzensschreie.

Wenn wir auf dieses stille Sterben nicht gleich aufmerksam werden, ist das nicht unbedingt unsere Schuld. Wir sind immerhin anderes gewohnt. Wir bekommen die Sensationen frei Haus geliefert:

– in Israel läuft ein Selbstmordattentäter in eine Menschengruppe und sprengt sich und andere Menschen in die Luft

– die israelische Armee schlägt zurück und bombardiert ein Flüchtlingslager

– Iraker zünden eine Autobombe, die ein halbes Dutzend Menschen zerfetzt

– ein Schüler läuft Amok und erschießt Mitschüler und Lehrer

– zwei Flugzeuge kollidieren in der Luft und lassen tote Kinder vom Himmel fallen

– eine riesige Tsunamiwelle rast über Inseln aufs Festland und reist Tausende Menschen in den Tod

– ein Serienmörder vergewaltigt und tötet Kinder

Wir brauchen keine Horrorvideos, die uns mit besonderen Widerlichkeiten konfrontieren. Es reichen die täglichen Nachrichten. Da wird uns das Sterben von Einzelnen und von Vielen schonungslos gezeigt.

Und wenn die Fähigkeit zum Mitleiden noch nicht in uns erstickt wurde, dann stürzt uns allein das Zeitungslesen immer wieder in ohnmächtige Hilflosigkeit.

Wie soll uns da das leise Sterben eines einzelnen Menschen eigentlich auffallen oder gar zu Herzen gehen, wenn wir uns vor grausamen Sensationen in unserem Alltag nicht retten können? Natürlich können wir über dieses leise Sterben eines einzelnen Menschen leicht hinwegsehen. Wir können uns genug sein lassen mit den Horrormeldungen und den grausamen Bildern, die wir Tag für Tag zu verkraften haben. Allerdings werden wir dann wahrscheinlich allein bleiben in unserer Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Das unauffällige Sterben des Jesus von Nazareth birgt nämlich ein Geheimnis: In der grausamen Normalität dieses Todes liegt eine Hoffnung. Diese Hoffnung soll auch für uns aufleuchten und unseren Mut zum Leben stärken. Zunächst ein paar Beobachtungen, wo diese Hoffnung zum Leben nicht zu finden ist:

Die Hoffnung zum Leben wächst nicht bei den Soldaten. Sie schlagen Jesus ans Kreuz; und zwei andere Verbrecher dazu. Was kümmern sie die Leute, die da hingerichtet werden. Was die Soldaten ausführen, haben sie nicht zu verantworten. Andere haben entschieden, dass hier Menschen ihr Lebensrecht verwirkt haben. Jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich. Und so tun die Soldaten nur ihre Pflicht.

Dazu gehört auch, dass sie die Kleider der Hingerichteten untereinander verlosen. An den Habseligkeiten, die ein Jeder bekommen kann, wird sich herausstellen, ob sich diese Hinrichtung für die Soldaten finanziell gelohnt hat. Bei dem, was die Soldaten tun und tun müssen, ist Mitleid fehl am Platz. Deswegen wächst bei den Soldaten auch keine Hoffnung.

Für niemanden. Auch bei der Menge der Schaulustigen suchen wir die Hoffnung zum Leben vergeblich. Mehr oder weniger betroffen laufen sie an der Hinrichtungsstätte vorbei. „Denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt.“ So beschreibt es der Evangelist Johannes. Von den Gründen der Schaulustigen wird nichts erwähnt. Aber wir werden mit der Vermutung nicht ganz daneben liegen, dass sich manche Leute noch schnell etwas Schauerliches gönnen wollen, bevor dann das Passahfest gefeiert wird.

Auch bei einem grausamen Unfall auf der Autobahn haben die Schaulustigen keinen Grund zum Gaffen. Aber das Entsetzliche im Leben anderer Leute fasziniert und lähmt zugleich auf eigentümliche Weise. In einer Menge von Schaulustigen leuchtet deswegen keine Hoffnung. Für niemanden.

Und dann sehen wir die Menschen unter dem Kreuz.

Drei Frauen sind es und ein Mann:

– Maria, die Mutter von Jesus

– Maria, die Frau des Klopas und

– Maria Magdalena, die in den engen Kreis der Begleiterinnen von Jesus hineingehört

– als einziger Mann steht der Jünger Johannes bei ihnen.

Diese Vier bilden zusammen mit dem sterbenden Jesus am Kreuz eine Einheit. Und was in dieser kleinen Gemeinschaft geschieht, das ist mitten in der Trostlosigkeit des Sterbens ein Hoffnungsschimmer. Jesus ist der Einzige, der in das Entsetzen hinein noch etwas zu sagen hat. Jesus sagt nur ein paar wenige Worte. Aber diese Worte zünden in der Nacht des Todes das Licht der Hoffnung an.

Auch da müssen wir genau hinsehen und genau hinhören, damit wir erkennen, wie hier die Hoffnung aufblüht. Denn auf den ersten Blick sehen wir nur leidende Menschen. Da ist zunächst Jesus: Er ist geschunden und zerquält. Unter Schmerzen durchleidet er seine letzten Minuten.

Für ihn enden alle Beziehungen zu den Menschen, die er lieb hatte. Er wird getrennt von allem, was ihm vertraut war. Er muss alles loslassen. Er ist ganz allein. Jesus erfährt das Alleinsein in der schlimmsten Dimension. So sehr, dass er meint, sogar Gott habe ihn vergessen. Der Evangelist Markus überliefert deswegen von Jesus diesen Verzweiflungsschrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!“

[kurzes, getragenes Orgelstück]

Unter dem Kreuz sehen wir Maria, die Mutter von Jesus: Sie leidet wie jede Mutter leiden wird, wenn eines ihrer Kinder durch den Tod weggerissen wird. Natürlich ist Jesus ein erwachsener Mann. Aber für eine Mutter bleibt auch ein erwachsener Mann ihr Kind. Wahrscheinlich leidet Maria nicht nur, weil Jesus sterben muss, sondern auch deswegen, wie Jesus sterben muss: Er ist als Verbrecher abgestempelt. Die Soldaten haben ihn übel zugerichtet. Ein jämmerliches Häuflein Mensch hängt da am Kreuz. Wie könnte eine Mutter das ertragen?

[kurzes, getragenes Orgelstück]

Und da ist Johannes: Er leidet wie einer, der einen guten Freund verliert. Und er leidet, weil seine Wünsche und seine Hoffnungen zerbrechen. Er hat ja in Jesus mehr gesehen, als einen Freund. Er hat an Jesus geglaubt. Für Johannes war Jesus der Messias. Mit Jesus sollte Gott sein Volk aus der Unterdrückerherrschaft der Römer retten und vor allem Verderben, das das Leben der Menschen bedroht. Für den Jünger Johannes stirbt am Kreuz nicht nur der Mensch Jesus. Da stirbt nicht nur sein Freund. Mit Jesus sterben auch der Glaube und die Hoffnung des Johannes.

[kurzes, getragenes Orgelstück]

Verloren und trostlos hängt Jesus am Kreuz.

Unter dem Kreuz sieht er Menschen, die verloren sind in ihrem Hass, und die trostlos sind in ihrer Traurigkeit. Wenn Jesus vom Kreuz herunter schaut, – dann sieht er Hass und Schadenfreude auf den Gesichtern seiner Feinde. Wenn Jesus vom Kreuz herunter schaut, – sieht er Angst und Entsetzen auf den Gesichtern seiner Freunde. Wenn Jesus vom Kreuz herunter schaut, – sieht er Trauer und Verzweiflung auf dem Gesicht seiner Mutter.

Und trotzdem schaut Jesus nicht weg. Er behält die Menschen unter dem Kreuz im Blick. Er sieht die Soldaten, die Schaulustigen und die Trauernden. Er sieht jeden Einzelnen in seiner je eigenen Verlorenheit und Hilflosigkeit. Er sieht sie alle in einer großen Liebe.

Jesus sieht die Soldaten – verloren in ihrer Abgestumpftheit: Heute schlagen sie den ans Kreuz und morgen einen anderen. Ob einen oder hundert, das ist egal. Die Regung ihrer Herzen sind längst erstickt im Blut der Hingerichteten.

Ist es heute anders? Wie viele von denen, die Macht und Gewalt in unserer Welt haben, sind verloren in der Abgestumpftheit ihres Herzens? So verloren, dass sie das Unrecht, das sie anrichten, nicht mehr ermessen können!

Jesus sieht die Abgestumpftheit menschlicher Herzen – damals und heute. Und auch unter uns. Jesus sieht die Schaulustigen – verloren in ihrer Gier nach Sensationen, nach etwas, das vor dem beginnenden Passahfest Schwung ins Leben bringt.

Ist es heute anders? Wo immer ein grauenvoller Unfall passiert, da sind die Schaulustigen zur Stelle. Manchmal sind sie eher und länger da, als die Rettungsdienste.

Jesus sieht die Verlorenheit menschlicher Herzen an die Sensationsgier – damals und heute. Und auch unter uns. Jesus sieht all die Menschen unter dem Kreuz. Jeden in seiner Verlorenheit und Hilflosigkeit. Jeden, wie er nur auf sich selber schaut und gar nichts anderes mehr sehen kann.

In dieser Verlorenheit ist Jesus der Einzige, der noch Worte findet. Diese Worte sind ein Hoffnungslicht für die Menschen unter dem Kreuz und für alle in Leiden und Tod. Jesus weist seine Mutter an Johannes und sagt: „Frau, siehe, das ist dein Sohn!“ Und er weist Johannes an Maria und sagt: „Siehe, das ist deine Mutter!“

Jesus öffnet den beiden, die bisher nur sich selber gesehen haben, die Augen füreinander. Er befreit die, die gefangen waren in sich selbst, und wendet sie einander zu. Jesus verbindet Maria und Johannes miteinander. Er macht eine neue Gemeinschaft zwischen ihnen möglich.

Diese neue Gemeinschaft beginnt unter dem Kreuz Jesu. Dort entsteht eine neue Familie, die Familie Gottes, die Gemeinde Jesu Christi. In diese Familie sind alle hineingenommen, die sich unter dem Kreuz Jesu sammeln. Damals und heute.

In dieser Familie sollen wir Augen bekommen, offene Herzen und helfende Hände für Menschen, die verloren sind:

– verloren in der Abgestumpftheit ihres Herzens

– verloren in der Sensationsgier

– verloren in der Trauer und Angst ihres Lebens

Von Jesus dürfen wir Liebe und Kraft erbitten, dass wir mit den Verlorenen dieser Welt einen Weg gehen, der aus den Fängen des Todes befreit zu neuem Leben. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern das Leben, das an Ostern aufblüht. Dieses Geheimnis verbirgt sich in dem stillen Sterben des Jesus von Nazareth.

Deswegen ist es gut, wenn wir in der Flut der schrecklichen Bilder aus unserem Alltag auf dieses Sterben aufmerksam werden.

Es ist ein Tod zum Leben.

drucken