Angeklagt und der Schuld überführt

Liebe Gemeinde!

Der jungen Christen­gemeinde ist der, der da im dritten Jesajabuch spricht, so unbekannt wie bekannt. Der leidende Gottesknecht, so dachten sie. Und das: Das stimmt doch, das stimmt so verblüffend: Das ist doch der, der gekommen ist: der Christus, der Gottessohn. – Jesaja hat Ihn gesehen ohne Ihn zu sehen, den Christus, den Herrn der Welt, den Herrn der Kirche, unserer Gemeinde.

Er spricht von dem Furchtbaren, das auf ihn zukommt: Widerstand, Ablehnung, Schläge, Qual. Und das Furchtbare, zu dem ganzen Unrecht schwei­gen zu müssen, weil es nichts zu sagen gibt.

Sie haben ihn geschlagen, gefoltert, fertig gemacht, geschmäht. Und Er hat’s ertragen. Stumm wie ein Lamm, das zum Scherer geht.

In der Schule Gottes hat er gelernt, „Ja“ zu sagen. Einmal nur, in Geth­se­maneh, ringt er mit Gott: Ist das mein Weg? Es ist sein Weg. Denn „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Sünder“, der viel zu vielen, Ihre, meine, trägt sie aus der Welt: Wer sonst als er hätte das tragen sollen. Und er vertraut: Er, der Herr hilft mir. Zweimal fasst der Gottesknecht im Predigtabschnitt sein Vertrauen in diese Worte.

Doch damit bin ich schon vom Gottesknecht des Alten Bundes zu unserem Herrn gesprungen. Und bleibe da.

Zunächst macht der Gottesknecht ja eines deutlich: Seinen Auftrag unter seinen Landsleuten, die sich schon von Gott abgewandt haben – oder dabei sind sich abzuwenden – die Botschaft auszurichten, dass die Zeit in der Fremde und in der Gottesferne sich dem Ende zu neigt. Keine politische Spekulation, vielmehr: „Gott, der Herr, hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zur rechten Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, damit ich höre, wie Jünger hören.“

So hört er jeden Morgen neu, was Gott ihm für diesen Tag sagen will, redet von Gottes neuem Weg. Mit seinem Auftrag setzt sich in Widerspruch zur Klage, dass doch nun alles aus und vorbei sei: Weil oben ist oben und unten ist unten und Du ein kleines Rädchen und ändern kannst Du überhaupt nichts – gib’s auf: Dreh Dich weiter. „Nein!“ so der Gottesknecht, „nein,“ so Jesus, „nein: Ich bin gekommen, Euch ein gnädiges Jahr des Herrn zu verkündigen: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt – und die können sich freuen, die daran keinen Anstoß nehmen, sich ärgern.“

Sein Auftrag: Er ist ihm treu. Er verlässt seine bürgerliche Existenz. Er lässt sich taufen in Solidarität mit denen, die er retten wird, hält die Versuchung in der Wüste durch und lehnt den raffinierten Pakt mit der Macht ab, den Weg der Triumphe und spektakulären Wunder zu gehen. Er hat kein Nest wie die Vögel. Er hat keinen Bau wie die Füchse sagt er und schreckt den jungen Mann ab, dem die Kompromisslosigkeit am Ende abgeht. Er entscheidet sich von Anfang an für den Weg des Dienens statt des Herrschens: die Fußwaschung. Und er entscheidet sich von Anfang an für den Weg der Passion. Und nun ist sie da.

„Ich weiche nicht zurück!“ – und Er weicht nicht zurück. Flucht und ein ruhigeres Leben? Nein. Das nicht. „Ich bot meinen Rücken denen, die mich schlagen.“ – Sein Rücken. Bald wird er blutig sein von den Striemen, die die Peitsche hinterlässt, vom Kreuz. „… und meine Wangen denen, die mich schlugen …“ – und da steht er im Palast des Hohepriesters, eine Krone aus Dornen auf dem Kopf, eine Binde um die Augen wie einer aus Guantanamo Bay oder in einem der Verhörzentren im Osten, wie im Keller der Gestapo: „Wenn Du Gottes Sohn bist, dann sag doch, wer Dich geschlagen hat.“

Hass? Wut? Nein. Vielmehr der Blick auf Gott – wollte Gott, wir könnten das bei den Schlägen, die wir erhalten auch: „Aber Gott, der Herr, hilft mir; darum werde ich nicht zu Schanden. Siehe, der Herr hilft mir: wer will mich verdammen.“

Und hält durch. Den ganzen langen und elenden und schmerzhaften und grauenvollen Weg durch die Nacht in Gethsemaneh und im Palast und in den Strassen und das „Kreuzige ihn!“ und die Schmach und den Schmerz und … – warum? Jesus: Warum?

Karfreitag ist das Tribunal, auf dem sich die ganze Menschheit verantworten muss, angeklagt wegen Mord, begangen am liebenden Gott, angeklagt und der Schuld überführt. Wo bin ich bei den Akteuren? Bei den Soldaten, die mitmachen weil man eben mitmacht? Bei den führenden Juden, die aus Angst um die Macht und aus Eifersucht handeln? Bei Pontius Pilatus, den die Angst treibt, sein Fortkommen, seine Karriere, seine Bequemlichkeit steht auf dem Spiel, wenn ich mich auf den Konflikt mit den führenden Juden und dem Volk einlasse? Bei den Soldaten am Kreuz: „Befehl ist Befehl. Und Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“? Oder bei denen, die in Sprechchören Seine Hinrichtung fordern – „Kreuzige Ihn!“

Wo entdecke ich mich? …

Da entdecke ich mich, als er kaum noch hörbar betet: „Vater – vergib Ihnen. Sie wissen doch nicht, was sie tun.“

„Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen eingeborenen Sohn gab damit alle, die Ihm vertrauen nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

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