So kommt Frieden in die Welt

Liebe Palmsonntagsgemeinde,

mit dem heutigen Sonntag beginnt die Karwoche. Wir haben gerade als Evangelium gehört, wie Jesus in Jerusalem einzieht. Bald wird er verhaftet und hingerichtet werden. Obwohl die Menschen ihm mit Palmzweigen zujubeln, weiß Jesus, dass gerade dieser Jubel der Menge ihm den Tod bringen wird. Die staatlichen Stellen haben Angst vor einem Volksaufstand. Damit die Römer kein Blutbad anrichten, müssen sie den Aufstand verhindern. Und sie sagen sich: besser einer stirbt als viele bei bürgerkriegsähnlichen Zuständen.

In der begeisterten Zustimmung des Palmsonntags liegt also schon die Brutalität des Karfreitags. Und als die staatlichen Stellen zuschlagen, kippt die Stimmung schnell und die Menge, die eben noch Hosianna schrie, schreit kreuzigt ihn. So muss Jesus, der Gerechte, der kein Unrecht tat, gedemütigt und gefoltert am Kreuz sterben. Jesus wird verraten, verleugnet, verspottet, missachtet – und gerade darin ist er der, der das Heil bringt. Wie kann das sein? Wenn die schlimmsten Ängste zutreffen – dann können sie überwunden werden. Oft ist es ja schlimmer auf etwas Schlimmes zu warten und es zu befürchten. In der Situation kommen wir dann zurecht, weil wir müssen. Seit Jesus das Schlimmstmögliche erlitten hat, sind wir in unseren Leiden nicht mehr alleine. Wenn einer das leidet, für uns alle leidet, dann können wir von unseren Ängsten befreit werden. Dann können wir uns sagen: Wir können auf die Schwierigkeiten, die vor uns liegen zugehen und hoffen, dass Gott uns hindurch trägt. Dann geschieht etwas Heilsames von Gott her, das uns verändert.

In unserem Predigttext aus dem Buch Jesaja ist von einem solchen Gerechten die Rede, der unrecht leidet, schief angesehen wird – und gerade so das göttliche Heil in die Welt bringt. Mit diesem Predigttext können wir verstehen und nachfühlen und nachleben, was dieses Geschehen von damals mit unserem Leben zu tun hat. Ich lese Jesaja 50,4-9. Der gerechte Gottesknecht spricht:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, wie bitter ist es, wenn uns Unrecht geschieht. Da urteilen Menschen über uns, ohne die Hintergründe zu kennen. Sie urteilen uns ab. Und wir erfahren manchmal hintenrum, wie über uns gedacht wird. Wie sehr verletzt das! Wie sehr macht das wütend! Wie gerne würden wir diesen Menschen die Meinung sagen, die uns Unrecht tun und schlecht über uns denken und reden und uns hinter unserem Rücken schaden!

Aber – das zu tun ist im Normalfall eher schädlich. Durch Lautwerden, mich Beschweren, zur Rede stellen, vergrößere ich den Schaden oft nur. Es empfiehlt sich oft, das Unrecht zu erleiden, damit ich nicht noch schlimmeres erleiden muss. Falls ich es schaffe, meine Gefühle wahrzunehmen und an Gott abzugeben ist das das beste. Dann wird am wenigsten Porzellan zerschlagen. Dann werden meine Lebensmöglichkeiten am wenigsten eingeschränkt.

Und wenn ich diesen Menschen wieder begegne, wie gehe ich dann am besten mit ihnen um? Am besten, gewinne ich Abstand von meinen Gefühlen und meinen Rachewünschen. Unser Bibeltext sagt: ich mache mein Gesicht hart wie einen Kieselstein. Besser wäre es, wenn ich gar nicht erfahren hätte, dass sie mir hinter meinem Rücken zu schaden versuchten, ich könnte entspannter mit ihnen umgehen. Aber wenn ich es doch erfahren habe, dann brauche ich Abstand.

Liebe Gemeinde, ganz ähnliche Erfahrungen muss dieser Gottesknecht aus unserem Predigttext gemacht haben. Vielleicht ist es der Prophet selbst. Vielleicht ist es eine andere Person, die Gottes Stimme darstellt. Wir sehen Jesus dahinter, das Wort Gottes für die ganze Welt. Und wir sehen auch uns selbst in diesem Gottesknecht. Denn wir alle versuchen, unser Leben zu deuten und dabei offen zu sein dafür, was Gott uns zu sagen hat und was Gott mit uns vorhaben könnte. Gerade dann, wenn wir leiden, wenn wir Unrecht aushalten müssen, wenn wir bitteres und trauriges verarbeiten müssen – gerade dann sind wir Jesus besonders nahe.

Der, der Unrecht gelitten hat – er versteht uns, wenn wir Unrecht leiden.

Er ist ja in diese Welt gekommen, damit wir mit unseren Erfahrungen und Gefühlen nicht alleine sind. Er ist in die Welt gekommen, damit wir unser Leben deuten können im Angesicht der Ewigkeit. Er ist in die Welt gekommen, damit unsere Namen vor Gott bekannt sind als Kinder Gottes und Geschwister Jesu, unseres Bruders.

So werden wir Jesus ähnlich, der Unrecht leidet und gerade so zum Heilwerden beiträgt. So werden wir Jesus ähnlich, der eine Botschaft hat. Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Und dafür ist ganz nützlich, wenn ich weiß wie das ist müde zu sein, wie das ist wütend zu sein, wie das ist in eine Ecke gedrängt und nicht mehr ernst genommen zu werden, dann kann ich diejenigen verstehen, denen es genauso geht, und dann kann ich ein offenes Ohr für sie haben, sie trösten, ihnen raten.

Liebe Gemeinde, erschreckend groß ist die Zahl der Deutschen, die große Angst vor der Zukunft haben. Wir sind sehr mutlos und hoffnungslos geworden. Wir brauchen in unserer Gesellschaft Menschen, die mit den Müden reden können. Zur rechten Zeit die richtigen Worte finden. Weil sie wie Jünger reden. Wie Menschen, die Kontakt zu Gott haben, zur Fülle der Gnade. Weil sie vorher richtig hören, haben sie etwas zu sagen. Sie haben etwas zu sagen, was die Mutlosigkeit überwindet. Sie haben mehr zu sagen als Das Glas ist halb voll und Du bist Deutschland. Sie haben zu sagen: du bist Gottes Kind. Und all das Schlimme, das dir passiert oder passieren kann – all das hat einen Sinn. Du bist damit mit der Erlösung verbunden. Ja, mehr noch, du bist egal was passiert mit dem Erlöser verbunden, mit Jesus Christus. Selbst Unrecht zu leiden muss ich dich nicht aus der Bahn werfen. Denn du kennst eine Kraftquelle, die dir hilft.

Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet.

Das heißt – mitten in meinen Alltag kommen göttliche Worte, die das Leben verändern. Mitten in meinen Alltag kommt das Wort Gottes selbst in Person, Jesus Christus.

Wenn ich so eine Botschaft habe, wenn ich so zur Sache Gottes in der Welt gehöre, dann muss ich für Gerechtigkeit eintreten. Dann werde ich angefeindet von denen, die lieber am Unrecht festhalten, weil es ihnen dabei gut geht. Zu diesem Gottesknecht zu gehören ist nicht eitel Sonnenschein und es nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Zu diesem Gottesknecht zu gehören, erfordert Mut. Diesen Mut bringen wir nicht immer auf. Aber auch einmal so mutig zu sein ist besser als keinmal.

Wir können glauben, dass am Ende die Sache mit Gott sich durchsetzen wird. Die Feinde werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

Ja, so ist es tatsächlich gekommen. Jesus wurde getötet. Er starb den Foltertod, verlassen von den meisten seiner Freunde, unterstützt nur von ein paar Frauen unter dem Kreuz. Aber er wurde auferweckt. Die staatlichen Stellen, die ihn verurteilt haben – die gibt es heute nicht mehr. Der römische Staat wurde 400 Jahre später vom Christentum von innen heraus besiegt. Und Jesu Freunde, die ihn im Stich gelassen hatten – sie mussten sich mit ihrer Schuld auseinander setzen. Beim letzten Abendmahl hatte Jesus ihnen den Weg dafür gebahnt. Und so steht die Vergebung unserer Schuld bis heute im Mittelpunkt, wenn wir Abendmahl feiern und wenn wir Gottesdienst feiern. Ich finde das auch ermutigend. Wir müssen ja nicht besser sein als diejenigen, die damals die Kirche gegründet haben und das Evangelium in die ganze Welt getragen haben. Aber wir dürfen uns anstecken lassen von dieser Kraft Jesu, die später gerade die erfüllt hat, die ihn erst einmal im Stich gelassen hatten.

Wir wissen: der Gerechte, der Unrecht leidet für uns, Jesus, er lädt uns immer wieder ein, seinen Weg mitzugehen. Seinen Weg, der die Müden wieder mit neuer Kraft erfüllt. Sein Weg, der im Hören und Reden die Worte Gottes zur Sprache bringt und so Gott mitten in unsere Welt bringt. Und wir wissen zugleich: wir bleiben immer wieder drunter. Wir schaffen nicht das, was wir könnten, wenn wir uns seiner Kraft wirklich vollständig öffnen würden. Aber das ist eben ein Prozess, eine Entwicklung. Wir können immer wieder ein bisschen mehr in diese Richtung gehen.

Liebe Palmsonntagsgemeinde, wir Christinnen und Christen sind nach Jesus Christus benannt. Nach einem, der Unrecht leidet und sein Recht Gott überlässt. So kommt ein Frieden in die Welt, der neue Kraft gibt. So wird der Kreislauf des Unrechts überwunden.

Diesem Menschen Jesus, in dem Gott sichtbar und spürbar wurde, wollen wir nachfolgen. Wir wollen ihm ähnlicher werden, denn er ist unser Bruder. Wir werden ihn wohl im Stich lassen.

Er wird uns vergeben und uns neu einsetzen als seine Jünger. Er wird uns neues ermöglichen. Er wird uns zeigen, wirklich zu hören und heilsam zu reden. Das gebe uns der allmächtige Gott, der gerechte Richter, der uns in Jesus Christus mit gnädigen Augen ansieht.

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