Vom Hören und Reden

Ihr Lieben,

bei Jesaja: Erst ist vom Reden die Rede, dann wird vom Hören geredet. Wer weiß ob das heute auch so wäre. Vielleicht wäre heute zuerst vom Hören die Rede. Weil so viel geredet wird.

Ich habe letztens einen Freund besucht. Dem ging’s schlecht. Seine Frau ging fremd oder wie man in besseren Kreisen sagt, sie hatte ein Verhältnis. Mein Freund ist ein weltoffener Mensch, er ist tolerant und deshalb wollte er auch nicht wie ein Ochse auf seine Frau zustürmen und über sie hinweg, wegen dieser Ungeheuerlichkeit. Wir sind ja aufgeklärte Menschen. Wir lassen einander auch ein Stück Freiheit. Mein Freund war souverän. Oder fast. Also er hat seine Frau nicht geprügelt, er hat ihr auch nicht mit der Scheidung gedroht, er war bereit zu einer Eheberatung zu gehen. Aber davon will ich euch nicht erzählen, ich schweife ab.

Was ich euch erzählen will ist, natürlich war mein Freund keineswegs so souverän wie er tat. Das hat ihn schon alles sehr gewurmt, oder besser sollte ich sagen, es hat ihn sehr verletzt. Er hat auch gesagt, dass ihn das alles sehr verletzt hat, er hat auch gesagt, warum ihn das verletzt hat. Also der Typ, dieser andere Mann, dieser Eindringling, das war ein Bankrotteur, schlimm, dass seine Frau das nicht wissen wollte; der war viel älter, dieser Lustmolch will sich noch mal was Frisches holen; er war schon zweimal verheiratet, glaubt die wirklich, der würde etwas anderes machen als mit den Frauen vor ihr, die hat er doch alle nur benutzt.

Dieser Typ, dieser widerliche Frauenversteher, hat mein Freund gesagt. Dieser Frauenversteher. In diesem so hingeworfenen Wort lag all die Verachtung zusammengefasst, die er brauchte, um den Konkurrenten klein zu machen, klein sollte er ja sein, damit er keine große Gefahr für ihn, für seine Ehe würde.

Frauenversteher. Irgendwie ist das schon ein besonderes Wort. Kannte ich bis dahin nicht, vielleicht sagt ihr jetzt, so eine Wundertüte. Nun ja. Das Rechtschreibprogramm in meinem Computer kennt das Wort auch nicht, es ist wie ein Fehler rot unterstrichen und Verbesserungsangebote macht mir der PC auch nicht. Frauenversteher. Das ist jemand, der einen besonderen Zugang zu den Frauen hat. Das interessiert mich, den möchte ich auch haben. Aber ehe es jetzt zu heiß wird, ich mich selbst kompromittiere: Frauenversteher ist ja ein zusammengesetztes Wort, Frauenversteher, FRAUEN und VERSTEHER.

Ein VERSTEHER. Wer versteht, ist jemand, der zuvor zugehört hat. Das ist jemand, der geduldig war, das ist jemand der – erst einmal – nichts sagt, oder besser gesagt, nicht antwortet. Er hört. Das muss man können. Ich ahne, viele können das nicht. Viele wollen das auch nicht. Sie sitzen wie auf glühenden Kohlen, solange der Andere redet. Wie oft sitze ich auf glühenden Kohlen. Wenn mir einer seine ihn bewegende Geschichte erzählt, kann ichs kaum erwarten meine, mich bewegende Geschichte, los zu werden.

Der Versteher – ich rede jetzt vom Versteher, ich meine ich könnte jetzt auch vom Männerversteher reden, aber darum geht es nicht, es geht um den Versteher, der hört zu. Ich glaube, dass ist seine schlimme Waffe, die des Frauenverstehers, das Hin und Zuhören, da hatte mein Freund offenbar schlechte Karten, offenbar war er leider unbewaffnet. Er war kein Hinhörer.

Also, das will ich jetzt sagen: Es ist auch eine unglaubliche Kraft, die ich weitergeben kann, eine Lebenskraft für Lebensmüde, ich höre zu.

Wer hört euch zu? Habt ihr es in eurem Leben erfahren, dass euch zu gehört wurde? Ihr seid ja nun Menschen, die viel gefragt wurden. Ihr standet vor dem Richter und der fragte. Ihr habt geantwortet, manchmal. Immer wieder erzählt mir jemand, ich wurde gefragt, ich habe geantwortet, keiner hat mich gehört. Keiner wollte mich hören. Die Frager hatten die Antworten auf ihre Fragen schon bevor ich antwortete.

Ich redete wie ins Nichts hinein. Das vernichtet einen Menschen.

Es muss so sein: Gerade weil ein Mensch Schuld, manchmal große Schuld auf sich geladen hat, sollte ihm sehr genau zu gehört werden. Es ist so, auch wenn die schlimme Tat nicht im dem Sinn verstanden werden kann, wie man Verstehen mit Akzeptieren gleichsetzt, hat der Täter das Recht auf jemanden, der bereit ist, sich auf den Weg zu machen, ihn zu verstehen. Darum möchte ich euch nicht nur fragen hörte euch jemand zu, sondern dazu: gab es jemanden, der sich neben euch setzte, um euch zu verstehen?

Ihr Lieben, es ist um uns ein unglaubliches Wirrwarr, das sich durch unsere Ohren in unseren Kopf bohren will. Dein Ohr ist eine Goldgrube. Dein Ohr ist der Eingang in dich hinein. Da finden richtige Schlachten statt, um dein Ohr. Wer es geschafft hat in Dich reinzukommen, macht die dicke Kohle. Du hörst seine Musik, Du kaufst seine Waren, Du gibst ihm bei der Wahl deine Stimme. Darum geräuschen sie alle auf dich ein. Reden kann man das kaum nennen, das ist ein Wettbewerb, und wer die beste Werbeagentur hat, der überrumpelt Dich, den hörst Du dann! ABER wer hört dich?

Wer hört Dich? Wer hört Dich? Die …?

Ihr Lieben, ich habe euch ein Stück aus der Bibel vorgelesen und deshalb bin ich auf diese Überlegungen gekommen. Bei dem Propheten Jesaja wird von einem Mann berichtet, der einfach der Knecht Gottes genannt wird. Das, was wir von seinem Leben erfahren, erinnert in vielem an das, was Jesus Christus gelebt und gelitten hat. Gelitten hat dieser Gottesknecht sehr. Christen haben seinen Lebensweg wie einen Fingerzeig auf den Lebensweg des Gottessohnes Jesus Christus verstanden. Wie Jesus hatte der Gottesknecht einen Auftrag. Das, was wir heute von diesem Auftrag gehört haben, war über Hören und Reden.

Wir haben über das Hören viel nachgedacht. Ich will ein wenig auch über das Reden sprechen. Ich habe die Reihenfolge anders gewählt, als sie bei Jesaja geschrieben steht. Ich habe erst vom Hören geredet, das muss man heute so machen. Aber nun vom Reden. Wer gehört hat, der kann reden. Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Meine Rede soll Trost sein. Mit den Müden zu rechter Zeit zu reden, heißt trösten. Wer tröstet schon? Nicht die, die Reden und Reden, um den Sieg um Euer Ohr zu erringen. Tröstende Rede kann nur der sprechen, der zuvor zugehört hat. Der Gottesknecht hat gehört. Nicht irgendwie, sondern der Herr hat mir das Ohr geöffnet, so lese ichs und wenn der Herr das Ohr öffnet, dann gibt er auch das Verstehen. (Als die Israeliten den Turm zu Babylon bauten, war nur noch Reden und kein Verstehen, weil Gott das so wollte, lese ich bei Mose, manchmal denke ich, wir leben wie auf dem Turm von Babel, es ist da nur noch Reden). Für den Gottesknecht gehört zum Hören einen Weg zu gehen, wie ihn später Jesus ging.

Das war der Weg des Leidens und des Gequältwerdens. Der Gottesknecht hat zugehört. Jesus hat zugehört. Manchmal gehört zum Zuhören Horchen, manchmal gehört zum Zuhören Gehorchen. Wir gehorchen nicht gerne. Wir verlangen, dass uns gehorcht wird, … ich, von meinem Söhnchen zum Beispiel. Gehorchen klingt wie: wer gehorcht, ergibt sich darin, etwas zu tun, nicht nach seinem Willen, sondern nach dem Willen eines Überlegenen. So ist’s, als hätte Gehorchen etwas mit Kleinbeigeben, mit Niederlage zu tun. Ihr müsst auch gehorchen und es kostete manchem von euch unendliche Mühe und viel Zähneknirschen, es ist alles Zwang.

Der Gottesknecht gehorcht, es ist kein Zwang. Er gehorcht, weil er verstanden hat. Das macht auch seine Gewissheit aus. Die ist eine schwere Rede: ich habe mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, daß ich nicht zuschanden werde. Ich, Martin Groß, will nicht, dass ihr euer Angesicht hart macht. Viele von euch sind sowieso schon viel zu hart. Aber, dass ihr nicht zuschanden werdet, das wünsche ich euch und ich wünsche euch auch die Gewissheit, dass das so wird.

Ihr Lieben!, hört und versteht, werdet gehört und gehorcht, tröstet und werdet getröstet, werdet verstanden, dass wünsche ich euch. Erkennt, was euch der Wille Gottes ist, damit ihr danach handeln könnt und habt keine Angst vor Gehorsam.

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