Wer bin ich?

Vom Leiden hören wir immer wieder: Attentate in Israel, Palästina, Irak; ein Christ, der seine Heimat Afghanistan verlassen muss, um in Rom Asyl zu finden. LehrerInnen, die empfehlen, ihre Schule zu schließen, weil sie die Gewalt dort nicht mehr ertragen können.

Wir hören auch von ganz persönlichem Leiden, Leiden an Krebs oder Aids, Leiden an Beziehungskrisen und Arbeitslosigkeit, Leiden an Sinnkrisen oder Verlust eines Menschen.

Beim Propheten Jesaja gibt es die sogenannten Gottesknechtslieder, die von einem Knecht Gottes erzählen, der leidet an dem Willen Gottes, den er erfüllt. Thema der Gottesknechtslieder ist eine besonders beauftragte Person, die den Willen Gottes lebt. Die Christenheit hat diese Lieder oft auch Jesus Christus hin gedeutet. Das hat gute Gründe. Aber es ist doch noch mehr gemeint.

Gottesknechtslieder sind offene Formulare, in die wir eintragen dürfen, wie Gott sich einen idealen Diener / eine ideale Dienerin vorstellt. Wir dürfen an dieses Formular dieselbe Frage stellen, wie die Jünger beim Abendmahl: Bin ich’s – Gerade das Jubiläum der Konfirmation legt diese Frage nahe. Damals wurde ein leeres Formular ausgefüllt mit unserem Namen, unseren Daten und unserem Spruch. Heute können wir fragen: Haben wir das gelebt, wofür wir damals zugerüstet wurden? – Bin ich’s?

[TEXT]

Nicht ein König bestimmt das Geschehen, sondern ein Knecht Gottes, einer, der sich ganz Gottes Willen unterordnet. Einer, der leidet an seiner Mission, sie aber trotzdem erfüllt. Genau das ist auch das Thema vom Palmsonntag. Dieser Einzug in Jerusalem auf einem Esel passt zu diesem Lied: Kein Jubel brandet auf – der Knecht ist der Abgewiesene und Geschmähte, aber er ist auch der, der mit den Müden redet und seinen Rücken hinhält. Er ist derjenige, dem nicht nur die Gabe verliehen ist, müde gewordene Menschen mit einem Wort aufzurichten, sondern, der sie auch anwendet, anwenden kann. Vielleicht auch deshalb, weil er nicht verlernt hat, auf den Willen Gottes zu hören. Weil er auf Gott hört, ist dieser nahe dem in seiner Gerechtigkeit in Frage gestellten Knecht und hilft ihm. Dessen darf sich dieser Knecht gewiss sein.

Wichtig bleibt, dass der Knecht Gottes dabei bleibt, den Müden zu helfen. Er weiß sich zu den Bedürftigen gesandt und darum lässt er sich nicht entmutigen, gerade denen, die keine Stimme mehr haben, deren Stimme ermattet ist, Mut zu machen.

Zu der Fähigkeit mit den Müden zur rechten Zeit zu reden, gehört auch die Bereitschaft mit Gott zu reden, von ihm immer wieder neue Kraft zu empfangen.

Der leidende Knecht Gottes leidet nicht aus Schwäche, wie LehrerInnen an Schulen sich oft wehrlos ausgeliefert fühlen, sondern er leidet aus Stärke mit den Leidenden. Er geht bewusst den Weg des Leidens.

Am Ende des Textes steht das Selbstbewusstsein: Der Herr hilft mir, wer sollte mir schaden. Der, der hier singt, weiß, dass das Leben kein Zuckerschlecken ist. Er erlebt alles Leid und alle Verachtung, die Menschen heute erleben können – und viele glücklicherweise doch nicht erleben.

Er erinnert mich in gewisser Weise an Dietrich Bonhoeffer, der im Gefängnis andere Mitgefangene tröstete: Er schrieb dort auch das Gedicht ‚Wer bin ich’:

Wer bin ich?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich träte aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest

wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich spräche mit meinen Bewachern

frei und freundlich und klar,

als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,

ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig, lächelnd und stolz,

wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und zu leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler

und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,

das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

(Gedicht aus: Widerstand und Ergebung)

Manchmal habe ich die Hoffnung, dass ich diese Souveränität lerne, meine Leben an meinem Platz zu gestalten in dem Bewusstsein: Mein Gott ist bei mir. Er hält und stützt und trägt mich.

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