Aufbrechen – Aufschauen – Heilwerden

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

es ist einige Jahre her: es lief der letzte Spieltag der Fußballbundesliga, in der Nachspielzeit liefen die letzten Sekunden. Schalke 04 war zu diesem Zeitpunkt Deutscher Meister. Doch dann gelang dem FC Bayern München mit dem Abpfiff der nicht ganz verdiente Ausgleich und damit in der allerletzten Sekunde der Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Für die einen war der Jubel riesengroß, für die anderen die Enttäuschung unendlich bitter.

„Der Fußballgott muss ein Bayer“ sein stöhnte der Reporter ins Mikrofon und viele zweifelten daran, ob es nicht nur im Fußball, sondern überhaupt in der Welt gerecht zugeht. Denn von einer Meisterschaft der Herzen kann sich keiner etwas kaufen. Sollte es einen Fußballgott geben, dann herrscht er willkürlich, aber nicht gerecht – so empfanden es zumindest viele.

„Gott, schaffe mir Recht und führe meine Sache …“ Was soll dieser Ruf eigentlich? Ist es die Resignation, dass Recht und Gerechtigkeit unsere Sache nicht sein kann? Wenn schon Menschen nicht für Gerechtigkeit sorgen, dann soll Gott wenigstens ausgleichende Gerechtigkeit sein? Und wer ruft eigentlich so?

Der Fußballfan sicherlich nicht wirklich, denn er ahnt wohl, dass Gott für die Vergabe von Meistertiteln (auf wessen Seite soll der denn stehen, nicht nur im Jahr der Fußballweltmeisterschaft?) nicht wirklich zuständig ist und der Zufall und das Glück gerade den Reiz solcher Wettkampfsportarten ausmacht. Wer ruft so?

Der Verlassene und Verratene, von dem sich alle abgewendet haben und der niemanden mehr um Hilfe und um sein Recht bitten kann? Der Vergessene, der das „aus den Augen aus dem Sinn“ mit seinem Leben aushalten muss und nicht sich wegducken kann? Der Unterdrückte, der sich nicht auf Justiz und Gericht verlassen kann, der Kranke und Sterbende, der nicht versteht, warum sein Leben jetzt und so schmerzhaft an seine Grenzen stößt?

Es ist ein für das Leben offener Ruf, offen für unser Leben , für unsere Erfahrungen und unsere Leidensgeschichte: Herr, Gott, schaffe mir Recht. Ein Ruf, der unterstellt, dass es doch eine Instanz des Rechtes und der Gerechtigkeit geben muss, damit diese Welt und dieses Leben – eben nicht nur in Fußballfragen – auszuhalten ist. Der Ruf nach Gottes Gerechtigkeit ist immer ein Ruf danach, dass Gott das Gleichgewicht wieder herstellt, dass er ausgleichende Gerechtigkeit, Garant dafür ist, dass nicht das Zufallsprinzip, das Schicksals- oder Glücksprinzip, sondern das Prinzip Güte und Gerechtigkeit das Sagen hat.

„Gott, schaffe mir recht“ – das ist ein Gebetsruf, der sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte und die Geschichte Israels zieht! Allerdings taugen unsere Gerechtigkeitsvorstellungen nur begrenzt, um Gottes Maßstäbe zu verstehen. Vielleicht haben deshalb die Väter und Mütter unserer Perikopenordnung diesem Sonntag auch den heutigen Predigttext zugeordnet:

[TEXT]

Eine der vielen eindrücklichen, bildhaften und nachdenklichen Geschichten aus der bewegten Zeit der Wüstenwanderung. Wir sind ohne Zeitangabe, aber der Auszug aus Ägypten liegt schon Jahre zurück, viele der ersten Generation leben schon nicht mehr, andere ahnen noch nicht, dass die Zeit der Wüstenwanderung langsam zu Ende geht. Die Wüste macht allen zu schaffen, sie lässt zwar keinen verhungern, aber die Monotonie der Lebensumstände, die vermeintliche Ausweglosigkeit lässt viele resignieren, an der Güte und der Gerechtigkeit zweifeln, obwohl Gott Tag für Tag das Volk mit Speise und Trank ernährt. Resignation ist der Todfeind allen Vertrauens. Die Schicksalsergebenheit, die Wüste wohl nicht verlassen zu können, tötet den letzten Funken allen Gottvertrauens ab. Wüste auf Zeit ist eine klärende, stärkende Erfahrung. Wüste auf Dauer zerstört.

Ich erlebe in unseren Wüsten, Monat für Monat bei der Präsentation der Arbeitslosenstatistik oder bei den Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung, wo uns keine Besserung vorausgesagt wird, wie Menschen resignieren, aufgeben, sich gehen lassen und das obwohl wir im Bild gesprochen den Wüsten gegenüber immer noch an den Fleischtöpfen Ägyptens sitzen und der wirkliche Überlebenskampf sich uns nicht stellt. Aber Resignation ist tödlich. Resignation, die noch nicht einmal mehr die Kraft zur Rebellion, zum Aufstehen gegen diese Zustände und zum Aufbruch hat, ist schon der Tod.

Das Volk Israel aber steht auf, es bricht auf. Das macht den Unterschied, aber es verleugnet, es verdrängt, es ignoriert, es verspottet mit seiner Klage und seiner Beschwerde die mit Händen zu greifende Fürsorge Gottes. Nicht die Rebellion kann meines Erachtens der Irrweg sein, sondern die Ignoranz der erfahrenen Fürsorge Gottes gegenüber. Undankbarkeit würden die älteren unter uns sagen, die Dankbarkeit noch als eine Tugend kennen. Nicht Verzweiflung, nicht Unsicherheit, nicht der Wunsch endlich ans Ziel zu kommen, Fortschritt und Veränderung zu sehen, sind das tödliche Problem, sondern die Undankbarkeit eines Volkes, das über Jahre hinweg von der Güte Gottes gekostet hat.

Israel murrt und begehrt auf, es klagt an, es schlägt Gottes Gaben in den Wind und hält ihm vor: das in der Sklaverei war immer noch besser als mit dir. Was nützt uns die Freiheit und die Möglichkeit, die Zukunft mit deiner Hilfe selber in die Hand zu nehmen, wenn wir heute nur Tag für Tag Wachtel und Manna statt Schlemmertöpfen serviert bekommen. Der volle Bauch ist uns genug.

Ähnlichkeiten mit heute anzutreffenden Meinungen und Eindrücken mögen nicht ganz zufällig und unbeabsichtigt sein. Ein tödliches Gift macht sich unter den Menschen breit. Die Schlangen symbolisieren diese Gefahr, auf den Wüstenwanderungen des Lebens auf der Strecke zu bleiben, zu sterben. Letztlich stellt sich das Volk selber die tödliche Falle. Es schlägt Gottes Hilfsangebote in den Wind. Es kränkt Gottes Leidenschaft für sein Volk, es tritt seine Fürsorge buchstäblich mit Füßen. Ein leidenschaftliches Beziehungsdrama, in das wir Einblick nehmen dürfen.

Wir wissen, wie Menschen reagieren, wenn Liebe in den Wind geschlagen wird, wenn Gefühle mit Füßen getreten werden, wenn Schwächen und wunde Punkte bloßgestellt werden. Ja, gerade wer liebt, ist angreifbar und verletzbar. Gott ist leidenschaftlich auf der Seite seines Volkes, aber er ist eben, weil er liebt, auch verletzbar, er leidet, er zürnt, er kämpft. Ich denke, wir können uns Gott hier gar nicht menschlich genug vorstellen!

Wir sollten uns allerdings davor hüten, daraus den Schluss zu ziehen, dass Gott ein rasender Wüterich ist. Es wäre ein verhängnisvoller Umkehrschluss anzunehmen, dass Gott aus gekränkter Eitelkeit den Menschen giftigen Schaden schickt. So lässt sich die Welt nicht erklären, selbst wenn einige es immer wieder versuchen. So einfach ist weder die Welt, das Leben noch Gott. Spätestens bei Jesus können wir lernen, dass Gott nicht mit Krankheit und Tod straft, sondern sie Teil des Lebens und damit Herausforderungen sind, an denen wir wachsen und Vertrauen lernen können.

Das ist das Entscheidende: ohne Vertrauen, ohne Glauben sind wir in den Wüsten des Lebens den Todesgefahren hilflos und hoffnungslos ausgeliefert. Die Schlangen, von denen der Predigttext berichtet, sind ja keine neu entdeckte, aber jetzt bedrohliche Gefährdung. Israel kommt damit an einen Scheidepunkt. Es kann weiter den Weg des Todes gehen oder es kann sich besinnen auf alte Erfahrungen, es kann sich wach rufen, wie Gott sich doch am Ende als der Gerechte und nicht als der Willkürliche erwiesen hat. Und Israel wacht auf, buchstäblich. Es erinnert sich, es fleht. Aus den Vorwürfen Gott und Mose gegenüber werden inständige Bitten. Mose nimmt sie auf. Er, der wieder einmal Angegriffene und Gescholtene, wird zum Fürsprecher des Volkes.

Das, liebe Gemeinde, ist priesterliche Existenz: vor Gott für andere eintreten; andere Gott immer wieder aufs Herz legen. Seine eigene verletzte Eitelkeit nicht wichtiger als die Not der Menschen nehmen. Dazu sind wir als Gemeinde auch berufen, so für Menschen, Völker und diese Welt einzutreten. Brennpunkte, Todesorte und Wüsten gibt es genügend. Fürbitte ist wohl die vornehmste Aufgabe der priesterlichen Gemeinde.

Was folgt ist ganz erstaunlich: Die Bibel erzählt uns von dem, was unsere Väter und Mütter als Buß- und Beichtinstrument kannten. Israel reut es tief in seinem Herzen, es erkennt die eigenen Abgründe, die eigene Undankbarkeit und Lieblosigkeit. Es wendet sich mit ehrlichem Herzen Gott wieder zu. Und es bekommt ein rettendes Zeichen. Da geschieht nichts automatisch, aber der Glaube bekommt die Chance sich zu bewähren: wer auf die aufgerichtete Schlange schaut, wer voller Vertrauen auf Gott den Blick erhebt, der wird gerettet werden, dem wird das Leben geschenkt, der kann weiterziehen. Glaube und Vertrauen sollen sich lohnen.

„Gott, schaffe mir Recht !“ Israel begreift, dass aufrichtige Gebete und ein aufrichtiges Hinwenden zu Gott Antwort findet. Unsere Rechts- und Gerechtigkeitsvorstellungen reichen wohl nicht aus, um das letztlich zu begreifen. Aber die Einladung, das Angebot steht: Schau auf und lebe! Im Neuen Testament wird an einer Stelle, diese alte Geschichte aufgenommen. Beim Evangelisten Johannes heißt es: „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ich glauben, das ewige Leben haben.“

Gott schaffe mir Recht – ich schaue auf das Kreuz und ahne, dass auch für uns hier das Leben inmitten all der Vergiftungen des Alltags liegt. Das Kreuz heilt, weil Gott sich dort in seinem Recht und mit seiner Gerechtigkeit zeigt – ganz nahe bei denen, die leiden, ganz nahe bei denen, die sterben, ganz nahe bei denen, die verlassen sind. Das Kreuz kann helfen, den niedergesenkten Blick einmal vom Boden zu erheben. Denn wir müssen aufschauen, wenn wir Jesus am Kreuz wahrnehmen wollen. Und wer ihm vertraut, wer ihm glaubt, wer ihm seinen Weg abnimmt, der wird in seinem Leben Heilung und Bewahrung erleben.

Gott schafft Recht, aber eben anders als wir es erwarten. Denn Johannes, der Evangelist vermag nicht nur das Symbol des Todes zu sehen, sondern für ihn leuchtet bereits um den erhöhten Jesus Christus am Kreuz das Osterlicht, das Leben. So soll jeder, der glaubt zu seinem Recht kommen, zum ewigen Leben.

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