Angebot zur Rettung

Das Volk Israel ist nach seiner Wüstenwanderung fast am Ziel. Und wie schon so oft macht sich Verdrossenheit breit. Mit dem täglichen Manna sind die Leute nicht mehr zufrieden, sie sehnen sich zurück nach Ägypten. Da hatte jeder allerhand leckere Sachen zu essen. Die anderen Begleiterscheinungen der Zeit in Ägypten, das Sklavendasein, die unmenschlich schwere Arbeit, das haben die Menschen vergessen. Manchmal denke ich genau an diese Bibelstelle, wenn ich hier die Leute klagen höre: "Zu DDR-Zeiten gab es keine Arbeitslosen. Da waren die Mieten niedrig und das Schulessen umsonst." Immer wieder möchten Menschen die Zeit zurückdrehen. Und sie sehnen sich nach paradiesischen Zuständen, die es auf dieser Erde nicht mehr gibt, seit die allerersten Menschen selbst das Paradies verspielt haben.

Wieder einmal muss Gott deutlich werden, um daran zu erinnern, wer er ist. Er sendet feurige Schlangen, die mit tödlichen Bissen Zeichen setzen. Die Antwort auf Unglauben und Undankbarkeit des Volkes sind die »brennenden Schlangen«: »Brandnattern«, hebr. nehaschim s´rafim, von s-r-f »brennen« abgeleitet. "Brennend", das dürfte giftig gewesen sein. Schlangen, das erinnert an die Schöpfungsgeschichte und die allererste Versuchung, der die Menschen erliegen. Damals hatten sie nach der Verantwortung verlangt, sie wollten sein wie Gott. Und Gott hat ihnen Verantwortung gegeben. Selbstbestimmung ist anstrengend. Das haben die ersten Menschen gelernt, als sie im Schweiß ihres Angesichts ihr Brot aßen. Das haben die aus der Unmündigkeit aufgebrochenen Israeliten bei ihrer Wüstenwanderung gelernt. Und das merken auch wir jeden Tag, wenn es darum geht, Demokratie mitzugestalten.

"Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme." Als gäbe es eine Zeit in dieser Welt, die ohne Schlangen gewesen sei. Die Menschen wünschen nicht weniger, als in einen paradiesischen Zustand jenseits der Geschichte, vor dem Sündenfall versetzt zu werden. Weil das aber nicht möglich ist und auch nicht heilvoll wäre, entsteht immer wieder der Wunsch der Einzelnen, ihre Verantwortung an eine Führungsperson abzutreten. Wir kennen das aus der Geschichte auch unseres Volkes. Das Volk Israel möchte in die trügerische Sicherheit Ägyptens zurückkehren und die Einzelnen in die vermeintliche Geborgenheit der Kindheit. Beides wird den Menschen und dem Volk in der Geschichte von der ehernen Schlange verweigert. Und nicht nur dort. Die eherne Schlange bewahrt ja nicht vor dem Biss. Doch wer gebissen wird und sie anschaut, stirbt nicht mehr daran. Das Gift wirkt nicht mehr tödlich.

Ich habe dieser Tage von einer Frau die Bemerkung gehört: "Wenn ich sehe, wer heutzutage Heiligabend in der Kirche sitzt, wird mir ganz schlecht. Da sind Leute dabei, die uns früher das Leben sauer gemacht haben, die dafür gesorgt haben, dass viele Menschen gar nicht mehr gewagt haben, sich in der Kirche zu engagieren und ihre Kinder christlich zu erziehen." Ich habe gefragt, ob es denn nicht möglich wäre, sich mit einem solchen Menschen einmal auszusprechen, vielleicht könne da manches bereinigt werden. Nein, das gehe zu tief, meinte sie, mit solchen rede sie nicht. Ich bin dann darüber mit einem Gemeindekirchenratsvorsitzenden ins Gespräch gekommen. Und ich habe gemerkt, dass ein Gift aus früheren Zeiten auch heute noch nachhaltig wirkt: die Tätigkeit der Staatssicherheit. Sind da nicht Wunden zurückgeblieben, die bis heute nicht geheilt sind?

Ich habe mir gerade den Film "Das Leben der anderen" angeschaut. Wohl der erste deutsche Spielfilm, der sich durchgehend ernsthaft, ohne Trabi-Nostalgie, Spreewaldgurken-Romantik und anderen folkloristischen Klamauk mit dem Kern der 1989 untergegangenen Deutschen Demokratischen Republik auseinandersetzt – der systematischen Einschüchterung, Drangsalierung und Unterdrückung ihrer Bürger im Namen der "Staatssicherheit". Bedrückt hat mich da zweierlei: Zum einen das, was ich auf der Leinwand sah und was mich auch an das erinnerte, was damals guten Freunden von mir widerfahren ist. Zum anderen aber das Publikum in der Nachmittagsvorstellung in Halle: Fast ausschließlich alte Herren, die – ich kann es nicht anders ausdrücken – noch heute den gewissen Blick hatten, dem nichts entgeht. Auf einmal war alles in mir wieder präsent: die Zeit, die ich 1988 auf ziemlich offizielle Einladung bei Künstler-Freunden in Cottbus verbrachte, wohlbeobachtet, und die Angst des Kirchenmusikers, den ich damals besuchte und der mich gar nicht reinlassen wollte. Und die vielen Aufarbeitungs-Foren, die ich 1990 bis 1995 als Kirchen-Journalistin besucht habe. Freunde, die nach der Lektüre ihrer umfassenden Akte fast zusammengebrochen sind.

Die einen, weil sie gar nicht gewusst hatten, wie gut beobachtet sie waren und wer da über sie berichtet hat. Die anderen, weil sie in Zwangssituationen ihre Unterschrift unter ein Papier gesetzt hatten, das da nun vor ihnen lag. Die dritten, weil sie als IM geführt waren, ohne es überhaupt zu wissen.

Dem Bedrohlichen nicht auszuweichen, es nicht wegzuwünschen, macht lebensfähig. Aber als ich die niedrigen Wahlbeteiligungszahlen am letzten Wochenende zur Kenntnis genommen habe, habe ich mir überlegt, ob da nicht auch die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens eine Ursache ist: Keine Verantwortung, aber sichere Arbeitsplätze. Lieber nicht wirklich wählen brauchen als selbst darüber nachdenken müssen, welche Lösungen es für die Zukunft unseres Bundeslandes gäbe. Neulich sagte sogar jemand, er fände es toll, wenn es wieder eine Monarchie in Deutschland gäbe. Da fiel mir das Volk Israel ein, das ab einem gewissen Zeitpunkt unbedingt einen König haben wollte.

Die Verantwortung nicht an übergeordnete Vater- oder Mutterfiguren abzugeben, macht handlungsfähig. Es gibt keinen Ort, an dem ich unberührt sein könnte vom Bösen, vom Bedrohlichen. Ich bin verletzbar, ich kann gebissen werden und werde gebissen. Und ich werde das Gift weitergeben. Das zu erkennen und anzuerkennen hilft zum Leben.

All das heißt, dem, was dieses Leben bedroht und schwer macht, ins Auge zu schauen. Die eherne Schlange anzuschauen, heißt nichts anderes, als – auf symbolische Weise – dieses zu tun.

Ich habe bei dieser Schlange auf dem Stab Mose an das Symbol der Ärzte denken müssen, den Äskulaps-Stab. Auch hier steht eine Schlange für Heilung. Aber Heilung kann nur der finden, der sich seiner Krankheit stellt. Und eigenartigerweise bedeutet im Griechischen das Wort "Pharmakon" sowohl Gift als auch Arznei. Es kommt darauf an, dass man mit dem Mittel umzugehen weiß, dass man es handhaben kann. Es hilft wenig, sich vor der Schlange zitternd zu verstecken. Es gilt, sie anzuschauen und zu entscheiden.

Als Christen denken wir an ein anderes Bild: das Bild des Gekreuzigten. "Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben." (Johannes 3,14.15)

Auch dieses Bild konfrontiert uns mit unserer Schuld, mit unseren Fehlern, unserer Selbstherrlichkeit. Wir sehen aber auch das Größere, dass Gott uns rettet, durch unsere Schuld hindurch. Wer auf Jesus Christus schaut, der wird das ewige Leben haben. Nicht der Blick auf uns rettet uns, sondern der Blick auf ihn, den Gekreuzigten. Wir bleiben das wandernde Volk. Aber wir sind zwar Wandernde, aber nicht Umherirrende, wir haben ein Ziel vor Augen.

Das Angebot zur Rettung kommt vom erhöhten Christus, zu dem aufzusehen gilt. Unsere Lebenserwartung wird zwar nicht konfliktfrei sein, aber sie hat ein Ziel vor Augen. Wir sind nicht die Verlassenen und Verzagten, sondern die, denen Kraft, Mut und Zuversicht zuwachsen aus dem Sieg Jesu über all unsere Schuld.

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