Mit diesem Gott kann uns alles gelingen

Beichte ist ein schreckliches Wort in vielen evangelischen Ohren. Wir hören dahinter gerne verklemmte Situationen in katholischen Beichtstühlen, wo Menschen verzweifelt versuchen Sünden aufzuzählen. Sehr verkrampft hört ich das Ganze an. Aber eigentlich ist die Beichte eine evangelische Sache. Luther hat sie geschätzt und Dietrich Bonhoeffer auch. Der Begriff ‚Beichte’ ist verwandt mit dem deutschen ‚bejahen’ Ja sagen zu einer Schuld – Ja sagen und sie bekennen.

Die Beichte ist eigentlich nicht mehr als dieses JA sagen vor Gott und der, der die Beichte hört (was jeder Mitchrist/in sein kann), ist darin nur irdischer Stellvertreter Gottes. Eine solche Beichte kann befreiend wirken. Sie schafft auch dem Beichtenden Klarheit über seine Situation und hilft Leben in Mitmenschlichkeit immer wieder zu erneuern. Sie ermöglich einen neuen Start. Von einem solchen Start ist schon im Alten Testament die Rede:

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Was da passiert ist lässt sich so darstellen: Gott selber hat sein Volk aus der Sklaverei befreit. In einer wunderbaren Aktion hat er erst den Pharao so weit gebracht, das zur Zwangsarbeit verdammte Volk freizugeben und es dann auch beim dem zug durch das Schilfmeer auf wunderbare Weise vor den nachrückenden Truppen Ägyptens gerettet. Eine grenzenlose Euphorie macht sich breit. Mit diesem Gott kann uns alles gelingen.

Aber wie das so ist, mit solchen Momenten des Glückgefühls, der Hochstimmung. Die Depression folgt auf dem Fuß. Mitten auf dem geraden Weg durch die Wüste ist der Weg versperrt. Die Edomiter blockieren ihn und verbieten kategorisch jeden Zug durch das eigene Territorium. Sie haben vielleicht Angst, vielleicht ist es auch das schiere Bewusstsein von macht, dass sie die Fremden abblocken lässt.

Israel ist in einer seelischen Depression, weil es um Edom herum einen riesigen Umweg machen muss fast bis zurück zum Schilfmeer, durch das man eben so triumphal gezogen ist. Mitten in die Euphorie der Befreiung, die Verweigerung des Durchgangsrechtes – ist wie ein Schlag in die Magengrube.

Darum kommt es zu dieser allgemeinen Unzufriedenheit. Fakt ist: Sie hungern nicht und verdursten nicht. Aber sie fühlen sich leer, ausgepowert und werden darum ungerecht, eine normale menschliche Reaktion. Sie mochten das Brot des Himmels, das Manna nicht mehr. Sie mäkeln am Essen und meinen doch eher ihre Gesamtbefindlichkeit. Ich kenne das, dieses Gefühl: Zu Tode betrübt, weil ich aus dem Jubel so jäh herausgerissen werde. Da ist man dann gerne bereit, Gott anzuklagen, ihm alle Schuld zu geben und das, wofür man ihm gerade noch dankbar war, nun vorzuwerfen.

Gott schickt keine Schlangen (wenn wir das hebräische Original ernst nehmen), aber er nimmt seinen Schutz von seinem Volk vor den in der Wüste natürlich vorhandenen Schlangen. Diese werden so plötzlich zu einer Gefahr, die sie vorher nicht waren. Bisher wurde der Schutz Gottes nicht wahrgenommen. In diesem Moment, wo die Menschen in der Wüste sich freiwillig Gottes entledigt haben, spüren sie ihre Hilflosigkeit, ihre Schutzlosigkeit.

Not lehrt bekanntlich beten – und dieses Gebet steht unter dem Verdacht nur ein Akt der Hilflosigkeit zu sein: erst gegen Gott protestieren und dann ihn bitten – eigenartig. Darum beten sie auch nicht direkt sondern gehen zu Mose und gestehen ihm ihren Fehler ein, den Fehler, gegen Gottes Führung rebelliert zu haben.

Das Erstaunliche ist: Gott hört dieses Gebet. Er nimmt auch dieses Gebet ernst, weil er die Menschen liebt, die zu ihm gehören, weil er die Beichte des Schuldig Gewordenen akzeptiert.

Er schenkt seinem Volk ein Bild aus Erz: eine Schlange, deren Anblick sie an diese Geschichte erinnern soll – und er legt seinen Schutz wieder auf das Volk, das die Schlangen nun keine Gefahr mehr darstellen können.

Das Schuldbekenntnis ist es, dass Gott weich werden lässt. Das kann auch für uns heute wichtig werden. Gerade in der Passionszeit, reden wir von dem leidenden Gott, von dem mitleidenden Gott, von Gott, der sich gereuen lässt. Erstaunlich, welche Kraft dem Schuldbekenntnis der Gemeinde in unserer Geschichte zugetraut wird. Das kann auch uns ermutigen, zu unserer Schuld zu stehen und sie vor Gott zu bringen. Es geht um den Menschen mit seiner Schuld und es geht um die Gemeinde Gottes, die gemeinsam ihre Schuld bekennt.

Nur dort, wo der Mensch wirklich hinsieht auf die Schuld, sie bekennt und ernst nimmt, nur dort ist auch wahre Sündenvergebung. Der Missbrauch der Beichte liegt in ihrem fatalen Fehlverständnis, als müsste man nur zum Beichtstuhl rennen, alles bekennen und schon sei es weg. Grundlage jeder Beichte ist die Erkenntnis der eigenen Schuld – und das Aussprechen dieser Schuld, verbunden mit dem Vorhaben, an sich zu arbeiten.

Aber wir Menschen sind ja oft sehr viel anders gestrickt: Wir rebellieren gegen Gott, versuchen unsere eigene Schuld zu übertünchen und zu verstecken. Dann sind leicht die Verhältnisse schuld oder die Anderen. Bis wir dazu kommen, auch einmal über eigene Schuld, eigene Fehler zu reden, muss es schon weit kommen.

Wen man zum Beispiel mit Süchtigen redet, begegnet einem oft dieses Phänomen. Erst einmal wird geleugnet, süchtig zu sein, dann wird nach Schuldigen gesucht. Aber Heilung kann erst passieren, wenn der Süchtige ehrlich mit sich selber ist. Natürlich sind auch Andere schuld, natürlich gibt es immer auch Ursachen, die außerhalb der eigenen Person liegen. Aber heil werden kann ich nur, wenn ich bei mir selber ansetze. Rettung beginnt mit dem Eingeständnis der eigenen Schuld.

Ich selber muss das wohl auch lernen: Nicht als erstes nach der Schuld der Anderen zu fragen, sondern nach mir selber. Ich erlebe das bei mir zum Beispiel im Straßenverkehr. Die Anderen sind immer schuld, wen es zu heikel wird, wenn sie zu schnell oder zu langsam fahren, vergessen zu blinken oder einfach nur nicht erkennen, was ich will.

‚Judika = Schaffe mir Recht’ ist der Name dieses Sonntags, eine fromme Bitte, hinter der ich auch die Gefahr spüre. Ich will ja gar nicht, dass Gott wirklich recht schafft, sondern, dass er mir recht gibt, egal was ist. Vielleicht muss ich doch erst einmal so tief sinken, dass ich meine eigene Schuld sehe und bekenne, dass ich meine Schuld vor Gott bringe, und wenn die Beicht mir dazu verhilft, dann ist es gut so.

Wen ich andere Wege finde, auch. Das Schuldbekenntnis, das Teil jedes Gottesdienstes ist, will uns dazu verhelfen. Aber bekennen müssen wir die Schuld, die uns betrifft schon selber.

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