Freut euch!

Der heutige Sonntag, liebe Gemeinde, hat die Bezeichnung: Lätare, zu Deutsch: Freut euch! Allen Ernstes, worüber können wir uns noch freuen? Vielleicht darüber, dass die Bäume und Sträucher wieder anfangen auszutreiben und dass es endlich wieder Frühling wird. Vielleicht freuen wir uns auch darüber, dass die Abende länger werden und wir miteinander mehr Zeit haben etwas Gemeinsames zu unternehmen, weil es einfach mehr Spaß als in der dunkeln Jahreszeit.

Lätare, freut euch! Beim besten Willen, ich kann mich nicht freuen, werden vielleicht die eine oder der andere von ihnen jetzt denken. Mein Ehepartner hat sich von mir getrennt, beruflich geht es bei mir drunter und drüber, mit den Nachbarn liege ich im Clinch und meine Gesundheit ist auch nicht mehr die beste.

Und wenn ich dann noch die Zeitung aufschlage oder den Fernseher anmache, lese oder höre ich nur von Elend, Brutalität unter den Völkern, Selbstmordattentäter, die andere Menschen mit in den Tod reißen, und dann noch die Naturkatastrophen, wie Erd- oder Seebeben, nein, dann kann ich mich nicht mehr freuen.

Allen Ernstes, liebe Gemeinde, worüber können wir uns noch freuen?

Lätare, freut euch! Freut euch doch darüber, dass ihr hier heute Morgen im Gottesdienst sein dürft und die Frohe Botschaft hören dürft, auch wenn ihr innerlich angespannt, verkrampft und gefangen seid, gefangen von den Schwierigkeiten im Zusammenleben mit unserer Nächsten und unserem Nächsten. Und es fällt uns schwer dieses Gefängnis zu verlassen, weil wir gerade in der heutigen Zeit, eigentlich keine vernünftige Lebensperspektive mehr haben worüber wir uns noch freuen können. Ist dem wirklich so?

Dem Apostel Paulus erging es nicht viel besser als uns, allerdings mit dem Unterschied, dass er tatsächlich im Gefängnis saß. Wo er inhaftiert war, in Rom oder in Ephesus, kann nicht genau gesagt werden. Doch von hier, aus dem Gefängnis, schreibt er einen Brief an die Gemeinde in Philippi.

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Vor Jahren, liebe Gemeinde, war ich genötigt einen allein stehenden wohnungslosen Mann im Gefängnis zu besuchen. Er wurde für vier Wochen wegen einer Geldstrafe, die er nicht bezahlt hatte, inhaftiert. Das Gesicht des Mannes werde ich nicht vergessen, als ich ihm gegenübersaß. Er, der sonst vor Fröhlichkeit strahlte, machte einen recht traurigen Eindruck auf mich.

Im Gefängnis, der Willkür und Brutalität ausgeliefert, macht Paulus allerdings keinen deprimierten Eindruck.

Begreifen wir das, was Paulus an die Gemeinde in Philipp geschrieben hat? Da ist doch tatsächlich von Freude die Rede. Ist Paulus verrückt geworden? Er hat doch gar keinen Grund, sich zu freuen.

Lätare, freut euch! Worüber freut sich Paulus? Er freut sich darüber, dass Christus nach wie vor in den Gemeinden verkündigt wird. Er freut sich darüber, dass es Christinnen und Christen gibt, die seine Arbeit fortsetzen. Die Hauptsache ist, dass Christus auf jede Weise verkündet wird. Wie es auch ausgeht: die Zukunft heißt Christus. Darüber freue ich mich; aber auch künftig werde ich Grund haben, mich zu freuen.

Der Apostel Paulus hat einen Glauben, der ihn im Gefängnis frei sein lässt. Gelassen setzt er sich mit der Ungewissheit seiner Zukunft auseinander. Lätare, freut euch! Freude ist der Grundton seines Briefes an die Frauen und Männer in Philippi.

Was bringt den Apostel zu einer solchen Art zu glauben?

Ich weiß, dass meine Gefangenschaft – gleichgültig, wie sie endet – zu meiner Rettung führt. Das verbürgen mir eure Gebete und Jesus Christus, der mir durch seinen Geist beisteht. Euer Gebet, liebe Gemeinde in Philippi, stärkt meinen Glauben. Der Beistand des Geistes Jesu Christi stärkt meinen Glauben.

Naturwissenschaftler haben festgestellt, dass Menschen, die erkrankt sind und für die gebetet wird, schneller gesund werden als andere. Als ich dies in der Zeitung las, liebe Gemeinde, habe ich mich allen Ernstes gefragt, was müssen das für Wissenschaftler sein, die versucht haben unsere persönliche Beziehung zu Gott zu hinterfragen.

Unser Gebet, unser persönliches Sprechen mit Gott hilft auch, wenn die Erkrankten es nicht wissen, dass wir für sie mit Gott gesprochen haben. Euer Gebet, liebe Gemeinde, stärkt unseren Glauben. Ja, der Beistand des Geistes Jesu Christi stärkt unseren Glauben.

Als Gefangener durch den Glauben innerlich frei schreibt Paulus Briefe. In seiner innerlichen Auseinandersetzung mit der Zukunft gewinnt die Freude an Überlegenheit. Und in der Ungewissheit des bevorstehenden Gerichtsurteils werden Angst und Sterben für den Apostel Paulus das Tor zum Leben.

Ich vertraue darauf, dass auch jetzt, so wie bisher stets, Christus an mir und durch mich groß gemacht wird, ob ich nun am Leben bleibe oder sterbe.

Die Freude darüber, dass auch wir zum auferstandenen Christus gehören, überwindet bei Paulus sogar die Angst vor dem Tode. Denn Leben, das ist für mich Christus; darum bringt Sterben für mich nur Gewinn.

Sehnt sich Paulus nach dem Sterben? Plant er gar einen Selbstmord? Nein, das ganz bestimmt nicht! Der Apostel Paulus sieht in dem möglich drohenden Tod nicht das Ende. Er hat eine Hoffnung, die über den Tod hinausgeht, Jesus Christus.

Unser Tod, so sieht es der Apostel, ist keine Niederlage. Im Gegenteil: Unser Tod ist für uns sogar der persönliche Gewinn mit Jesus Christus vereint zu sein.

Lätare, freut euch!

Darauf kommt es also an, liebe Gemeinde, dass wir uns Jesus Christus, die Mitte unseres Lebens, anvertrauen – sonst niemandem.

Wir müssen wissen, dass wir, wenn wir sterben Christus gehören – sonst niemandem. Denn Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er ist es, der uns das Leben gibt, hier und in aller Ewigkeit.

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