Wir sind es ihm wert

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

mancher spricht in Rätseln und macht anderen alle erdenkliche Mühe, zu entschlüsseln, was er denn eigentlich sagen will. Ein bisschen kommt es mir bei dem Autor des 1.Petrusbriefes auch so vor. Warum redet er vom Loskaufen „nicht mit Gold und Silber“? Bin ich denn Leibeigner, Besitz eines/einer Fremden, Sklave wie in der Antike, wo ich doch eigentlich auf meine Freiheit und Selbstbestimmtheit so stolz bin! Oder etwa käuflich? Stattdessen erkauft mit teurem Blut. „Blut rettet Leben“ wirbt das DRK auf großen Plakaten und fordert zur Blutspende auf. Aber hier ist vom Tod eines Unschuldigen die Rede. Macht mir doch kein schlechtes Gewissen für etwas, was ich nicht verlangt und auch nicht erwartet habe!

Der nichtige Wandel wird uns vorgehalten und es scheint als reduziert sich Christentum wieder nur auf moralische Kategorien, so wichtig Werte und Ethik gerade heute auch sind. Von Erwählung und Offenbarung des Einen spricht der Autor, aber so sprechen oft exklusive Geheimbünde oder Gemeinschaften, die nur ausgewähltes und erleuchtetes Personal aufnehmen. Tod und Auferstehung runden das Bild ab. Sie bekennen wir, aber begreifen können wir es letztlich nicht.

Eine merkwürdig liturgisch-formelhafte Sprache, die sich nicht selbst erklärt. Ein Predigttext, der erst noch entschlüsselt werden will. Versuchen wir also einmal die Fäden und Spuren aufzunehmen, die der Predigttext bietet, um das Rätsel zu lösen.

„Was ist der Mensch wert“ fragte einer meiner Söhne, um mir stolz die Antwort zu präsentieren. Ich weiß den Wert nicht mehr, wohl aber, dass sein Taschengeld ausgereicht hätte. Der Lehrer hatte den Wert der chemischen Substanzen errechnet, aus denen wir bestehen. So einfach ist das. Es bestätigt ein heute weitverbreitetes Gefühl, nichts mehr wert zu sein. Wer auf dem Arbeitsamt zu einer Dauernummer wird, wer als alter Mensch zur Belastung für die Rentenkasse und Beitragszahler degradiert wird, wer mit seinem Zeugnis, das doch nur einen Ausschnitt der Persönlichkeit abbildet, nicht mal die Chance bekommt sich auf dem Arbeitsmarkt praktisch zu präsentieren, könnte zu eben diesem Schluss kommen: ich bin nichts wert. Ja selbst, wem all dies nicht widerfährt, wer Arbeit und pünktliches , ausreichendes Gehalt sein eigen nennt, aber nie die Früchte seiner Arbeit in den Händen halten und anderen vorweisen kann, weil sich die Arbeit immer wieder von allein vermehrt und bloß zwischen Aktendeckeln abgeheftet wird, der kann sich wert- und nutzlos fühlen, ohne den Stolz des Schöpfers auf sein Geschöpf.

„Was ist der Mensch wert“ scheint die alles bestimmende Frage einer vollkommen ökonomisierten Welt zu sein, in der sich alles rechnen muss. Und manches rechnet sich eben nicht. „Was ist der Mensch wert?“ ist auch die Frage, die sich hinter unseren Versen aus dem 1.Petrusbrief verbirgt. Auch wenn ihr es nicht glaubt, wenn ihr es in eurem Alltag nicht spürt: ihr seid nicht mit Gold oder Silber zu bezahlen. Alles Gold und alles Silber dieser Welt würde nicht ausreichen, so wertvoll seid ihr. Gott schaut nicht mit den Augen eines Bankers auf uns oder eines Wirtschaftsbosses, schon gar nicht mit den Augen eines Vorstandsvorsitzenden, der den Aktienkurs und die Rendite für den Aktionär im Auge behalten muss. Er schaut mit den liebenden Augen des Schöpfers auf sein Geschöpf, mit den fürsorglichen Augen einer Mutter und den schützenden Augen eines Vaters. Weil das so ist, weil Gott jeden und jede liebevoll anschaut, ist es gut und wichtig, nein gerade zwangsläufig, dass jeder und jede bekommt, was er oder sie zu einem würdevollen Leben benötigt. Alles was an sozialen Einrichtungen geboten wird und Lebensqualität verbessern und erhalten soll, ist nicht Almosen, freiwillige Leistung einer Gesellschaft, die ich aus Kostengründen auch eben einmal in Frage stellen kann, sondern diesem biblischen Menschenbild geschuldet.

Aber verwechseln wir nicht den liebevollen Blick Gottes mit einer Vorstellung, dass er einfach nur lieb sei. Lieb ist auch ein Teddybär. Liebe aber zieht auch Grenzen, Liebe ist verwundbar, kann enttäuscht werden. Der 1.Petrusbrief richtet sich an Menschen, die auf Gottes Liebesbekundungen mit ihrem Leben und ihrem Glauben geantwortet haben. Sie haben einen Schlussstrich unter ihre Vergangenheit gezogen, den nichtigen Wandel der Väter aufgegeben. Nicht mehr die Götzen, die selbstgemachten Gottesbilder und Vorstellungen bestimmten ihr Leben. Die alten Wert- und Moralvorstellungen haben sie hinter sich gelassen. Stellen wir uns einmal ,was geschehen würde, wenn sich nicht mehr alles um Geld und Wohlstand und Spaß drehen würde, wenn nicht mehr Konsum und Wellness die Kulte der Gegenwart wären, denen sich niemand so recht entziehen kann? Raum für Menschlichkeit, Zeit für Abgeschriebene, wahre Ruhe für eine gehetzte Seele, tiefer Frieden und Einverständnis mit dem Leben ….

Ihr seid erlöst, freigekauft, jenseits aller Zwänge, selbst wenn es immer noch heißt „du musst, alle müssen ….“

Wir sind frei anders zu leben. Das ist vielleicht die schönste Botschaft dieses Textes. Frei, weil einer die Zwänge mit seinem Leben durchkreuzt hat. Frei, weil Gott sich mit dem Leben Jesu auf die Seite der Gefangenen, Ausgegrenzten, Chancenlosen und Schuldigen gestellt hat. Frei, weil der Glaube an Jesus Christus einen anderen Blick auf diese Welt und dieses Leben erlaubt. Frei, weil selbst der Tod nicht mehr die letztgültige und endgültige Wahrheit unseres Lebens ist.

Von Anfang an sollte das so sein.

Gottes Wille war und ist immer Lebenswille. Die Zeit im Kirchenjahr zwischen Weihnachten und Ostern ist für mich Zeit, in der wir in besonderer Weise den Lebensweg Jesu nachgehen. Da begegnen uns wunderschöne Geschichten, spannende Begegnungen, handfeste Kontroversen, vor allem aber machtvoll dieser Lebenswille. Unzählige Geschichten von kleinen Auferstehungen mitten in den alltäglichen Zwängen und aus den tödlichen alltäglichen Zwängen. Am Ende – und auf dieses Ende gehen wir ja mit der Passionszeit zu – wird Jesus in den Tod gehen, weil er sich von diesem Weg nicht abbringen lassen wollte und konnte.

Aber es war wohl die größte Täuschung, zu glauben, damit hätte sich dieses Problem erledigt, wären die alten Verhältnisse wiederhergestellt. Gottes Lebenswillen hat sich durchgesetzt. Deshalb ist Jesus seinen Weg konsequent bis zum Ende gegangen, um allen ein Kreuz durch Rechnung zu machen. Deshalb hat Gott am Ostermorgen ein Zeichen des Lebens gesetzt, Jesus auferweckt , ihm seine Herrlichkeit, sein Leben geschenkt. Den Menschen, die den 1.Petrusbrief gelesen haben, war das eine Gewissheit. Das war ihr Credo, ihr Glaubensbekenntnis der Welt gegenüber. Damit schämten sie sich nicht eine auffällige Minderheit in den Gepflogenheiten dieser Welt zu sein. Sie wussten um ihre von Gott geschenkte, von ihm teuer bezahlte Freiheit.

Was passiert mit uns, wenn wir diese alten formelhaften Worte, dieses alte mit Leben unterstrichene Glaubensbekenntnis einer Gemeinde und einer Generation vor uns hören? Es will auch für uns zu einer Gewissheit werden. Glaubensgewissheit ist ganz kostbares Geschenk. Denn sie hilft, nicht am Leben zu zerbrechen und nicht in den Stürmen Lebens unterzugehen. Sie färbt ab und macht andere neugierig. Sie lässt fragen: wie kannst du dir da so sicher sein? Und wir können antworten: Ja, so sicher, wie auf den Karfreitag der Ostermorgen kommt, wie das Kreuz der Anfang der Auferstehung ist. Deshalb sind wir gewiss, dass uns nichts trennen kann, von der Liebe Gottes. Wir sind es ihm wert!

Deshalb sind wir frei zu hoffen und zu glauben und zu leben. Gott schenke uns diese befreiende Gewissheit.

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