Blutsbande

Liebe Gemeinde,

ihr wißt, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes; die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.

Mit Leib und Seele dabei sein. Nur über meine Leiche. Dafür stehe ich mit meinem Leben. Das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Blutsgeschwister.

Unsere Sprache ist voll von Redewendungen, in denen Blut und Körper für einen Einsatz stehen, der nicht mit Geld zu bezahlen ist. Das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, sagt man, wenn eine Handlung oder eine Überzeugung mit der eigenen Person verschmolzen ist, eins geworden ist mit mir. Blutsgeschwisterschaft schließt man, wenn jemand so sehr Teil des eigenen Lebens geworden ist, dass sein Wesen und mein Wesen nicht mehr voneinander zu trennen sind, dass das selbe Blut, das selbe Leben beide Menschen durchströmt.

Wenn wir uns das Abendmahl reichen, stehen Wein und Brot unter diesem Zeichen: Christi Leib für dich gegeben. Christi Blut für dich vergossen.

Durch die Taufe, und dann durch die Konfirmation als Bestätigung der Taufe, sind wir unauflösbar mit Jesus Christus verbunden: eine Schicksalsgemeinschaft: Blutsgeschwister. Unser Leben fließt durch Christi Adern. Und sein Leben durch unsere. Das ist gemeint, wenn die Bibel sagt: Jesus Christus ist für uns gestorben —– und auferstanden. Wir sind Blutsgeschwister mit Christus bis in den Tod – und darüber hinaus, ja durch den Tod hindurch. Wenn Christus stirbt, stirbt das, was uns ausmacht. Menschen, deren geliebter Partner, deren geliebte Partnerin nach vielen gemeinsamen Jahren stirbt, kennen das. Bei der Beerdigung wird nicht ein anderer Mensch beerdigt, sondern große Teile von einem selbst gleich mit. Wenn diese Wahrheit für den Tod gilt, dann gilt sie wohl auch für´s Leben: Christus ist auferstanden. Und wie wir im Tod verbunden waren, so sind wir es auch in der Auferstehung. Unser Leben fließt durch Christi Adern. Und sein Leben durch unsere. Wenn er aufersteht, erstehen auch wir auf. Wenn er lebt, leben auch wir. Wir sind verbunden mit Christus – ganz und gar: geistig, aber auch körperlich.

Vielleicht kennt jemand den Film „Dragonheard“, eine Phantasy-Komödie um einen Drachen, der, um einen Königssohn zu retten, ihm die Hälfte seines Herzens schenkt, es ihm einpflanzt, anstelle seines eigenen zerstörten Herzens. Wenn dem Königssohn nun Schmerzen zugefügt werden, spürt auch der Drache sie und umgedreht. Leider entwickelt sich der Königssohn nicht so, wie er sollte. Er wird ein böser, grausamer König. Sein schlechter Ruf fällt notgedrungen auf den Drachen zurück. Schließlich trägt er dessen Herz. Und ein Ritter bricht auf, um den Drachen zu töten, von dem er glaubt, er sei so schlecht wie der Königssohn. So ist das, bei Blutsgeschwistern. Die Taten, das Wohlergehen und das Leid des einen fallen auf den anderen zurück und umgekehrt. Der Drache leidet unter der Bosheit des missratenen Königssohns. Wer sein Leben teilt, teilt eben alles.

Das gilt auch für die göttlichen Blutsbande: Unser Leben fließt durch Christi Adern. Und sein Leben durch unsere. Darum missratet nicht, wie der Königssohn, rät uns der 1. Petrusbrief: „Umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird. (…) Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. Denn es steht geschrieben (3. Mose 19,2): »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.«

»Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig« (V. 16)!? Da bläst uns doch der Wind ins Gesicht, die Kirche steht auf dem Prüfstand … Ich denke, den Anspruch auf Heiligkeit haben wir in der Kirche weitgehend verwirkt … Heißt das, wir, die wir uns nach wie vor dennoch zur Kirche halten, ein Auslaufmodell gesetzt? Wenn ja: müßte man dann nicht gerade kleine Brötchen backen? Nicht heilig, sondern eben: ein bißchen besser werden wollen, ein bißchen glaubwürdiger, zuverlässiger etc. …?, um uns wenigstens auf dem Markt zu behaupten, uns als Kirche unentbehrlich zu machen? Vermutlich aber wird uns über die Aufgaben (und Kosten!) der Diakonie in Kindertagesstätten, Sozialstationen, Altenheimen und Krankenhäusern und sonstigen mobilen oder ambulanten Diensten und über die Aufgaben (und Kosten!) sämtlicher kirchlicher Dienste vor Ort und übergemeindlicher Arbeit der Kostenberg über den Kopf wachsen. Uns wird eine Diskussion ins Haus stehen, für die wir noch zu wenig gewappnet sind: Wenn Geld und Kräfte ausgehen, geht um die Frage der Prioritäten. Was kann man notfalls aufgeben und was auf keine Fall? Auch wir werden lernen müssen, daß wir uns nicht länger mit »vergänglichem Silber oder Gold« erlösen können.

Aber: welche Verpflichtungen dürfen nun unter keinen Umständen aufgelöst werden, damit wir nicht missraten wie der Königssohn? Unser Predigttext kann helfen, solche Fragen ohne Angst und mit Zuversicht zu stellen. Denn er sagt: Gottes Treueverhältnis besteht: im Leben wie im Tod. Im Tod wie in der Auferstehung. In guten wie in schlechten Zeiten. Unser Blut fließt in Christi Adern und sein Blut in unseren. Wenn daran auch nur ein Funke Wahrheit ist, dann hat alleroberste Priorität: „Das Hören auf Gottes Wort und das Verhalten danach. Denn wir sind ein Fleisch und Blut.

Es ist ja nicht so, daß dem Schreiber unseres Predigttextes diese Fragen alle fremd gewesen wären. Die Gemeinden damals litten die gleiche Not. Müdigkeit machte sich breit. Und die Frage kam auf: wozu dies alles? In dieser Situation mahnt der 1. Petrusbrief: macht doch einmal eure Augen auf, seht euch doch einmal um, was wirklich vorgeht: Da laufen Menschen wie bewusstlos durch den Tag, das Jahr, das Leben, sind ohne Orientierung, ungehemmt sind sie wie betrunken am Rausch des Augenblicks. Das Karussellfahren um das eigene Ich ist in vollem Gange. Wollt ihr als Kirche da mitmachen, indem ihr euch immer noch und immer wieder mit euch selbst befasst, mit eurem Erscheinungsbild, mit euren Stärken und Mängeln?! Erinnert ihr euch nicht mehr, was euer Grund ist? …

Unser Blut fließt in Christi Adern und sein Blut in unseren. Ihr sollt heilig sein – nicht mehr und nicht weniger. Denn ich bin heilig, spricht der HERR. Es schmerzt Gott und seine Schöpfung, mit der er genauso unauflöslich verbunden ist, wie mit uns, wenn wir als Königssöhne missraten. Es schmerzt ihn.

Die Frage ist, von wem wir unseren Glauben auf den Prüfstand stellen lassen: Von der Mode? Oder von Gott? Von außen oder von dem her, was unser Wesen ist: Gott in Jesus Christus. Gott nachfolgen sollen wir. »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig« (V. 16).

Liebe Gemeinde! Was gibt es zu verlieren, wenn wir uns an Gottes Maßstab messen lassen und den Maßstab der Mode beiseite lassen? Was gibt es zu verlieren? Das Spieglein an der Wand, das mehr oder weniger verschwommene, mehr oder weniger zufriedenstellende Bild von uns, das uns dieser oder jene tadelnd oder lobend hinhält? Was soll´s, wenn wir das Spieglein der Mode verlieren und dafür das gewinnen, was wir im innersten sind: Das Wesen Christi. Unser Leben fließt durch Christi Adern. Und sein Leben durch unsere. Was kümmert uns unser Spiegelbild?

Der 1. Korintherbrief drückt es so aus 7:23: Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte.

Freilich: Wo es um den Glauben geht, bleiben wir Anfänger und Anfängerinnen. Nur gestümpert werden soll eben nicht: Heiligung heißt nicht ununterbrochene, tote Perfektion. Sie heißt vielmehr: Immer wieder neu zu beginnen im Glauben, im Hören auf das Wort Gottes. Nicht aus eigener Kraft, sondern aus der Kraft Christi, dem Anfänger und Vollender des Glaubens. Wie gesagt: Sein Blut fließt in unseren Adern. Und unser Blut fließt in seinen. Er geht durch Tod und Auferstehung und nimmt uns mit. Was soll uns also passieren?

Dass wir durch Christi Kraft gute Kinder Gottes werden, schenke uns der dreieinige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

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