Hoffnung, die nicht sterben kann

Liebe Gemeinde –

in der Passionszeit werden wir angehalten, unsere Blicke auf uns selber zu richten. Wer sind wir? Woher kommen wir? Was ist unser Ziel? Fragen, die unser ganzes Leben begleiten, manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Einen Teil der Fragen können wir nicht aus eigener Anschauung beantworten, sondern wir müssen antworten mit Menschen, die vor uns Antwort gegeben haben. Woher komme ich? Natürlich: meine Eltern haben mich gezeugt und meine Mutter hat mich geboren. Und die Eltern meiner Eltern haben wiederum sie gezeugt und die Mütter sie geboren – so geht es weiter, eine endlose Kette, die wir manchmal relativ weit zurückverfolgen können: der Traum aller Ahnenforscher: so weit zurückgehen wie möglich, um zu wissen, mit wem man verwandt ist, aus welcher Gegend man stammt, wie man zu seinem Namen gekommen ist. Dennoch ist die Frage, die dahinter stehen bleibt, nicht aus eigener Kraft zu beantworten. Wie kommt es dazu, dass wir geboren werden, dass wir in das Leben, in die Welt eintreten? Wie kommt es, dass der eine als Genie zur Welt kam, der andere aber in seinen geistigen Möglichkeiten beschränkt blieb? Wie kommt es, dass der eine handwerklich geschickt wurde, der nächste aber zwei linke Hände hat? Wie kommt es, dass der eine ein ordentliches Elternhaus hat und ihm viele Möglichkeiten eröffnet wurden, der andere aber Vater und Mutter im Alkohol erleiden muss, eine Scheidung ertragen muss, vielleicht Gewalt und Hass seine Kindheit prägen? Wie kommt es, dass es Menschen gibt, die keine Kinder bekommen können? Dafür haben wir keine Antwort, nur der Zyniker und derjenige, der an gar nichts mehr glauben kann wird sagen: „es ist halt Zufall – es ist Pech oder Glück: letztlich ist es unbedeutend“.

Wir unterscheiden uns vom Zyniker und lehnen eine solche Antwort ab, wenngleich wir eingestehen müssen, dass wir für vieles, was uns umgibt, ja was uns ausmacht keine hinreichende Erklärung bieten können. Auch die Frage: was ist unser Ziel? ist eine solche! Auch hier nur begrenzte Antwort möglich: „ich möchte Lokomotivführer werden“ – ein Berufswunsch vergangener Kindergenerationen, heute vielleicht noch Fußballer. Andere schon direkter: reich und berühmt möchten sie werden, aber auch: „ich möchte anderen Menschen helfen“. Ziele, die Sie kennen, Ziele, die wir uns für unser Leben auf Erden stecken und deren Erreichung wir uns manchmal sehr gut annähern können. Aber darüber hinaus? Wo geht es hin mit mir, wenn mein Leben zu Ende geht? Was bleibt von mir, wenn ich merke, dass ich mit jedem Tag weniger werde, wenn ich alt werde, krank und hilflos? Wo ist meine Kraft, die ich in jungen Jahren hatte – heute kann ich kein Glas mehr heben, ohne die Hälfte davon zu verschütten, weil meine Hand mir nicht mehr gehorcht. Es ist die schwierigste Frage für die Jugend, weil sie es doch so anders erlebt. Im Leben der Jugend kommt meist ja immer mehr dazu, als dass es abnimmt: Erfahrungen mit Liebe und Partnerschaft, Zuwachs an Bedeutung und Einfluss, selbstverdientes Geld und Erfolge im Beruf: die Ziele liegen nah vor den Augen und der nächste Hügel wird mutig erklommen. Aber wenn alles abnimmt, wenn das Leben weniger wird, die eigenen Kinder seltener zu Besuch kommen: was bleibt dann? Was ist dein Ziel – wie geht es weiter? Wohl dem, der dann eine Antwort aus dem Herzen geben kann, die andere vor ihm schon geglaubt haben: ein Leben mit Christus, der spricht: alle eure Sorgen werft auf mich – ich will euer Joch tragen! Und dennoch: nichts, was ich aus mir selbst heraus antworten könnte, kein Beweis für ein Leben nach dem Tod – keiner, der je zurückgekehrt wäre, um mir zu berichten, was mich erwartet.

Bleibt also die dritte Frage, als die Schlüsselfrage für die zwei anderen: wer sind wir? Wer bin ich? Wer, liebe Gemeinde, seid ihr? Was ist das, was euch ausmacht? Was ist eure Identität, euer Wesen? Worin seid ihr als Einzelne unverwechselbar? Die Frage dringt tief in den Menschen ein und lässt alle Hüllen abfallen. Es ist nicht wichtig, welchen Beruf ihr hattet oder habt – freilich, er ist ein wichtiger Teil eures Lebens, vielleicht habt ihr euch sogar über Jahre hinweg durch euren Beruf definiert. Dennoch geht die Frage tiefer: was macht dich aus als Mensch, als Persönlichkeit? Man kommt der Antwort näher, wenn man bereit ist, von sich zu erzählen: bin ich schnell wütend oder jähzornig? Kann ich anderen vergeben und verzeihen? Kann ich von mir aus einen neuen Anfang wagen? Liebe ich meine Frau und meine Kinder? Bin ich nachtragend oder selbstherrisch? Bin ich arrogant und besserwisserisch? Kann ich meine eigenen Ansprüche zurückstellen? Und dennoch kommen wir auch hier an Grenzen. Weil ich nicht alles in meinem Leben beeinflussen kann, weil ich nicht alles korrigieren kann, weil ich nicht alles verändern kann, was einmal geschehen ist. Erlebnisse, die ich gemacht habe, prägen mein Leben: als Kind keine Liebe erfahren – da ist es oft schwer, als Erwachsener selber Liebe zu geben. Oft enttäuscht worden oder Gewalt erlebt – da ist es oft schwer, dem anderen zu vertrauen und sich ihm zu öffnen.

Unser Glaube, liebe Gemeinde, gibt Antworten auf diese Fragen. Er hält sie gewissermaßen bereit und bietet sie euch an, damit ihr sie ergreifen könnt und euer Leben diese Ausrichtung erhält, von der die Fragen zeugen: wo seid ihr her – wer seid ihr – wo geht ihr hin? Mitten in der Fastenzeit hören wir die Antwort auf diese Fragen in der Form, die uns der Autor des ersten Petrusbriefes gibt, im ersten Kapitel, die Verse 13-21:

[TEXT]

Natürlich: auch dieser Text stammt aus einer anderen Zeit und dem heutigen Hörer klingen zuerst die Ermahnungen im Ohr: „Tut dies, lasst jenes!“. Aber heute, liebe Gemeinde, möchte ich den Blick lenken auf die innere Begründung dieses Predigtwortes, die zugleicht die Antwort auf unsere Fragen darstellt. Es ist zugleich ein Zitat aus dem dritten Buch Mose und zeigt und die Verbindlichkeit der Heiligen Schrift über die Jahrtausende hinweg: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig!“ – spricht Gott, der Herr. „Ich mache euch zu einer heiligen Priesterschaft!“ „Einem jeden Einzelnen von euch gebe ich ganz besondere Weihe, einen ganz besonderen Charakter, ein ganz besonderes, inneres Wesen.“ Das ist es, liebe Gemeinde, was euch vor Gott auszeichnet: dass ihr von ihm geliebt seid, dass er euch zu etwas gemacht hat, was ihr selber niemals so hättet erreichen können. Halten Sie sich nicht, liebe Gemeinde, am Bild des Priesters auf: wir könnten es heute durch andere Bilder ersetzen. Wichtig ist die Antwort auf unsere Frage: ihr seid von Gott geliebte Menschen, ihr seid von Gott selbst benannt, einen Namen habt ihr bekommen, ihr seid kein Zufall, keine Laune der Natur. Ihr seid von all dem „erlöst“, wie es im Predigtwort weiter heißt. Erst von daher kommt die Mahnung ins Spiel: wenn ihr so seid, dann achtet, was ihr habt: seid nüchtern, haltet euch von den Begierden fern, seid heilig in eurem ganzen Wandel. Aber dennoch: das steht erst an zweiter Stelle und es soll heute nicht Schwerpunkt der Auslegung sein. Sondern haltet euch an das Wort, dass Gott zu jedem Einzelnen Menschen spricht: „Du bist mir heilig – du bist von mir geliebt!“

Manchmal ist es so schwer, das zu hören – gerade, wenn es einem selber schlecht geht, wenn man sich buchstäblich von Gott und der Welt verlassen fühlt – gerade, wenn man meint, es gäbe eben keinen, der einen lieb hätte. Gerade dann ist es gut, dieses Wort schriftlich zu haben, in der Bibel etwa. Gerade dann ist es gut, sich diese Worte sagen zu lassen, durch die Predigt etwa. Gerade dann ist es gut, sich an seinem Glauben festzuhalten wie ein Anker ein Schiff an sicherem Grund festmachen möchte. „Du bist geliebt“, spricht Gott zu dem Menschen. Und in dieser Liebe – aus dieser Liebe beantworten sich die beiden anderen Fragen von selber. Aus der Liebe Gottes kommen wir – sie ist der innere Sinn unseres Werdens. In die Liebe Gottes gehen wir – sie ist das innere Ziel unseres Seins.

Ich bin mir bewusst, liebe Gemeinde, dass für viele auch diese Antwort unbefriedigend bleiben wird, aber mehr können wir Christen nicht tun, als darauf hinzuweisen: Wegweiser zu sein, die auf diese Liebe Gottes zeigen, die er für jeden Menschen bereit hält. Und natürlich zu versuchen, mit unserem eigenen Leben dieser Liebe zu entsprechen – nicht Gott spielen wollen: das wird schief gehen – aber wenn wir seine Liebe in uns spüren, dann unsere Hände nicht festbinden und unsere Füße nicht anketten, sondern hinausgehen in die Welt und seine Liebe weiter austeilen, so als wären wir Engel – die Botschafter Gottes.

Von der Liebe habe ich geredet. Bleiben noch aus unserem Predigtwort: Glaube und Hoffnung zu Gott hin: so schließt unser Bibelwort. Wer sich dieser Liebe anvertrauen kann – wer sich fallen lassen kann in diese auffangenden Arme des Allmächtigen, der erlebt die Einheit der Dreieinigkeit: wo Liebe ist, da ist Hoffnung – wo Hoffnung ist, da ist Glaube: das Vertrauen, das wir Menschen so bitter nötig haben. Glaube, Liebe, Hoffnung. Glaube als Vertrauen, das sich in die Hände eines anderen begeben kann, weil er auf sein Leben hin sich bei ihm geborgen fühlt. Hoffnung, die nicht sterben kann und die sich gerade erhebt, wenn um einen herum alles fallen mag. Hoffnung, die sich lächerlich macht vor der Vernunft der Welt, weil sie sich gewiss ist, dass Zeiten kommen werden, die Gerechtigkeit bringen, Ende der Schmerzen, Befreiung vom Tod.

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