Gott hat uns diese Erde gegeben

[TEXT Verse 1-4]

Liebe Gemeinde,

es wird unter uns unterschiedlich sein, was wir zu einem guten Essen gerne trinken. Der eine genießt ein Glas Wein, der andere lieber einen kräftigen Schluck Bier, oder auch keines von beiden und man oder frau greift zu einem Glas Wasser oder Saft. Wie auch immer, ich glaube, es gibt kein Nahrungsmittel, weder etwas was man essen noch was man trinken kann, in dem soviel Arbeit steckt, wie in einem Glas Wein. Und zwar nicht nur Arbeit im Sinne von Schweiß und Mühe, sondern wo auch viele Menschen ein hohes Maß an Fürsorge, ja Liebe rein stecken, damit der Wein auch wirklich etwas wird, was hinterher auch schmeckt.

Da ich ziemlich regelmäßig in den Süden Deutschlands fahre, an die Weinstraße, weiß ich, es gibt keine Zeit im Jahr, wo der Winzer nicht irgend etwas zu tun hat. Vom Pflanzen der Rebe und ihrer sorgfältigen Aufzucht, über das Beschneiden der Triebe bis hin zur Lese. Und nach der Lese das Keltern des Saftes und dann die hoch komplizierten Abläufe, die erforderlich sind, bis man endlich soweit ist, daß das Getränk seinen Namen Wein verdient.

Der Wein ist dem entsprechend in vielen Ländern ein Kulturgut. Und schon die Bibel weiß, daß der Wein nicht irgend etwas ist, sondern etwas besonderes. Noah pflanzt als erstes einen Weinberg als Zeichen dafür, daß das Leben weiter geht, nachdem die Flut vorüber ist. Daß er anschließend sturzbetrunken in seinem Zelt liegt zeigt, daß es nichts gibt, was Menschen nicht mißbrauchen können. Jesus wird ein ‚Fresser und Weinsäufer‘ geschimpft. Immerhin ist seine erste Wundertat, auf einer Hochzeit Wasser in Wein zu verwandeln. Im Ganzen weiß der Psalmbeter: ‚Der Wein erfreut des Menschen Herz.‘

Aber das klang ja schon an: wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Nichts schlimmer als ein saurer tropfen, das könnte einem glatt den Wein und die gute Laune verleiden. Oder auch: wenn die viele Arbeit am Wein umsonst war. Ich kann mich an das Gespräch mit einem Winzer, dem ein Hagelschlag eine Lage komplett vernichtet hatte, gut erinnern. Er erzählte mir, wie er an dem Tag nach dem Unwetter einigermaßen fassungslos an seinem Weinberg stand und sämtliche Reben waren zerstört. Das wird den Mann nicht wirtschaftlich ruiniert habe, aber die Arbeit eines ganzen Jahres: umsonst – das ist schon ein herber Schlag. Was für ein Ärger, was für ein Frust, die ganze Mühe und alles vergeblich.

Da können wir den Weinbergbesitzer unseres Liedes hier verstehen, was ja eigentlich ein Liebeslied ist, wenn er alles getan hat, gegraben, entsteint, gepflanzt, gebaut, noch mal gegraben, dann gewartet, damit er gute Trauben brächte – doch er brachte schlechte. Was soll man mit einem solchen Weinberg machen?

Nun sind wir heute Morgen nicht im Weinseminar, liebe Gemeinde, und es geht ja eigentlich überhaupt nicht um den Wein oder den Weinberg, sondern das Ganze ist ja ein Bild. Ein Bild für das was Menschen machen und schaffen und eben dann auch, was Menschen erleiden. Da haben sie ganz viel investiert und plötzlich ist alles nichts. Es hat alles nichts gefruchtet.

Es wäre jetzt interessant, wenn wir eine Gesprächsrunde einlegen würden, was Ihnen da für Beispiele einfielen. Vielleicht aus der Erziehung. Aus der Sicht von Eltern oder anderen Leuten die beruflich pädagogisch tätig sind: Da steck man auch, gerade als Eltern, unendlich viel rein, eben nicht nur Arbeit, sondern ganz viel Liebe, Fürsorge und Herzblut. Und dann gibt es die wirklich bodenlose Erfahrung, daß ein Kind einen völlig anderen Weg geht. Daß der, den man erzogen hat, nicht gute Früchte, sondern schlechte Früchte bringt. Da habe ich ganz viel gegeben und plötzlich ist alles nichts.

Ich kann auch an die Beziehung zwischen zwei Erwachsenen denken. Da liebt ein Mann seiner Frau, und die Frau ihren Mann. Ich erlebe das ja bei manchem Traugespräch, wie sehr die Brauleute einander lieben, einander alles geben wollen, auch für die Zukunft. Und wenig später ist alles zerstört. Da treffe ich 1 ½ Jahre nach der Trauung eine Frau, die soviel Träume gehabt hat, für ihre Ehe, vielleicht für eine Familie und höre, die Liebe ist kaputt, zerstört. Alles gegeben, viele Hoffnungen gehabt, alles nichts. Wer so etwas schon erlebt hat, weiß, wieviel Enttäuschung und Wut, wieviel Ärger und Zorn so etwas auslöst.

Ich habe vergangene Woche hier gesessen im Familiengottesdienst, der sehr fröhlich und lebendig war und vor mir saßen eine Reihe meiner Konfirmanden. Was wird mit ihnen sein, wenn ich sie am 7. Mai konfirmiert habe? Danach meine ich. In 10 Jahren, in 20 Jahren. Trägt irgend etwas Frucht, von dem, was sie hier in der Gemeinde und in meinem Unterricht erfahren haben?

Das ist schon ein bitteres Gefühl, wenn im Presbyterium die Namen der aus der Kirche Ausgetretenen vorgelesen werden und ich höre einen Namen und denke: denn kennst du doch, den hast du vor 15 Jahren oder irgendwann mal konfirmiert. Und jetzt – alles aus?! Jedenfalls keine Beziehung mehr zur Kirche. Das ist schon traurig und enttäuschend.

Was soll man mit einem solchen Weinberg machen? Fragt der Prophet. Er hat alles mit auf den Weg bekommen, sollte gute Trauben bringen, aber er brachte schlechte. Ich lese den Fortgang der Geschichte.

[TEXT Verse 5-7]

Das ist schon eine harte Rede, liebe Gemeinde, die uns der Predigttext heute morgen zumutet, eine Gerichtsrede. Gericht ist, und ich finde zurecht, kein beliebtes Predigtthema. Ich gestehe Ihnen, daß ich mich in der vergangenen Woche schon sehr schwer getan habe, wie ich Ihnen das heute Morgen verantwortlich auslege. Als wir am Mittwoch darüber in der Bibelstunde gesprochen haben – das Gespräch mit lebenserfahrenen Menschen ist mir immer eine wichtige Hilfe – war uns klar: daß Gericht Gottes über uns können wir eigentlich nicht denken, schon gar nicht predigen. Daß Gott sich von uns abwendet, wirklich ‚ab – wendet‘ und Finsternis ausbricht, ist für uns unvorstellbar. Sonst könnten wir heute morgen gar nicht Gottesdienst feiern. An einem Sonntag, der auch noch den Namen ‚Reminiscere‘ trägt, also an dem wir Gott an seine Barmherzigkeit erinnern. Daß er mit jedem von uns, mit uns als Gemeinde, mit unserem Land, mit seiner Schöpfung barmherzig ist.

Aber dann eben das Gericht. Wobei Gericht in unserem Text nicht das ist, was Gott als Strafe vom Himmel fallen läßt. Sondern was eintritt, wenn Gott sich abwendet. Er die Menschen, seinen Weinberg, sich selbst überläßt und sich nicht mehr um sie kümmert. Da wird aus dem Weinberg, dem Stück menschlicher Hochkultur eine Trümmerwüste.

Als ich am Dienstag im Fernsehen den Film ‚Dresden‘ sah, da legte sich hinter die Schreckensbilder des Bombenhagels und des Feuersturms, die zu sehen waren, die Folie unserer Gerichtsworte. Daß war Gericht. Nicht eines, daß Gott willentlich über die Menschen als Strafe herbei geführt hat, sondern was die Menschen, die nicht mehr nach Gott, nach Gottes Willen, gefragt haben, über sich selbst gebracht haben.

Das ist Gericht, das kann Gericht sein. Aber schon dies schlimme Beispiel aus der Vergangenheit läßt uns fragen: wer ist denn der Weinberg? Da gibt es ja viele Möglichekiten. Hier in unserem Predigttext ist das ja klar und wird präzise genannt: das Haus Israel und die Männer Judas. Da muß man sehr vorsichtig sein mit der Benennung.

Wer ist der Weinberg? Ist es Gottes ganze Schöpfung? Von der es im 1. Buch Mose heißt, siebenmal: ‚Gott sah, daß es gut war.‘ Was müßten wir sagen und wie oft, wenn man unsere Schöpfung heute, aus den Augen Gottes ansähe: Siehe es ist sehr schlecht?! Und Gott hat ihr doch alles gegeben. Zigtausende Menschen haben das Erdbeben in Pakistan vor einigen Monaten nicht überlebt. Aber nicht deswegen, weil sich die Erde aufgetan und sie verschlungen hat, sondern weil es der Menschheit, präziser gesagt, dem reichen Teil der Menschheit, denen, die über alle Ressourcen verfügen, nicht gelungen ist, diesen von Hunger, Tod und Erfrieren bedrohten Kreaturen nachhaltig zu helfen. Sie könnten gute Trauben bringen aber sie brachten schlechte.

Oder ist Gottes Weinberg unser Land, Deutschland? In dem gerade wieder eine Debatte ausbricht, ob man nicht während der Fußball WM sonntags und zwar 24 Stunden lang die Supermärkte und Einkaufszentren geöffnet hält, damit man einkaufen gehen kann. Also ein Land, in dem auf jeden Fall einkaufen wichtiger ist als beten. Könnte Gott da noch sagen: ‚es war gut, bei all der Gottlosigkeit, die unser Land bestimmt?

Oder ist der Weinberg gar unsere Kirche? Die unter der allgemeinen Gottlosigkeit ja auch schrecklich leidet. Wo Kirchen geschlossen werden müssen, weil niemand mehr kommt. Und unsere eigene Gemeinde sehr ernsthaft beraten muß, daß wir mit drei Kirchen nicht auf Zukunft werden leben können. Das ist auch so eine Art Gericht, was wir da erleben.

Aber die Zeiten des Gerichts sind ja immer auch Zeiten der Läuterung und des intensiven Nachdenkens und Besinnens. Wir sind gezwungen, uns darauf zu besinnen, was denn wirklich für uns unabdingbar ist, was, wie es in neudeutsch so schön heißt, unsere Kernkompetenz als Kirche ist. Ich denke, darauf kommt es an, daß wir auch in Zukunft nach der Maßgabe unserer Möglichkeiten unsere Botschaft ausrichten. Gottesdienst halten und Unterricht, Seelsorge und Diakonie treiben und die Botschaft von der Liebe Gottes unters Volk bringen. Das wird vielleicht anders aussehen, als in den letzten 50 oder 100 Jahren. Aber ich bin ganz gewiß, daß unsere Kirche, die Gott liebt, Zukunft hat.

Wer ist der Weinberg, liebe Gemeinde? Unsere Welt, unser Land, unsere Kirche, ich selber? Wir wollen Gott darum bitten und tun es mit diesem Gottesdienst, daß er mit uns barmherzig ist. Und daß er uns Wege zeigt, die wir gehen können. Ganz bewußt habe ich vor meine Predigt das Lied gestellt, ‚‚Gott gab uns Atem, damit wir leben‘. Er hat uns ganz viel gegeben. Und jeder und jede von uns soll so wie er und sie das kann in Gottes Weinberg arbeiten. "Gott gab uns Atem, damit wir leben. Er gab uns Augen, daß wir uns sehen. Gott uns diese Erde gegeben, daß wir auf ihr die Zeit bestehen. Gott will nicht diese Erde zerstören, er schuf sie gut, er schuf sie schön. Wir können neu ins Leben gehen."

drucken