Sehnsucht zum Ziel

<i>[Materialien: Textstreifen- bzw. rollen; Kreuz]</i>

Liebe Gemeinde,

stellen Sie sich vor, ich hätte einen Pflitze-Bogen in der Hand. Um Gottes willen, niemand soll verletzt werden! In den Bogen ist ein Pfeil eingelegt, der ins Schwarze treffen soll, ins Schwarze, ins Zentrum einer Scheibe, ins Ziel.

Stellen Sie sich weiter vor, dass ihnen pausenlos irgend etwas in den Weg rennt. Wie lange hielte ihre Geduld an? Wie lange könnten sie ein Ziel im Auge behalten?

Der Bogen, wie ich Ihn gerade beschrieben habe, war im Mittelalter Sinnbild der Geduld. Man ahnt warum. Ein Bogenschütze muss über sehr viel Geduld verfügen. Er braucht Kraft im Arm; er braucht Ruhe. Vor allem aber muss er sein Ziel im Auge halten können und warten.

Sie kennen die Redensart vom "gerissenen Geduldsfaden“, die eben in diesem Bild vom gespannten Bogen und seiner zerreißbaren Sehne Ursprung hat.

Wann, liebe Gemeinde, reißt bei ihnen der Geduldsfaden?

Wir schauen auf unsere Ziele bei unseren Kindern, am Arbeitsplatz, in der Ehe, in der Familie, in der Stadt, in dieser Region, in Deutschland, in dieser Welt.

Wir ahnen – nein es ist wohl besser zu sagen – wir wissen wie lange der Bogen gespannt bleiben müsste, um endlich ins Ziel zu treffen. Wir wissen, wieviel Kraft es uns schon gekostet hat und wir wissen, wie viel Kraft es uns noch kosten wird, das Ziel, das gute Ziel im Auge zu behalten.

Jesajas „Lied vom Weinberg“ besingt diese Mühsal und deren Schweiß.

Wann liebe Gemeinde reißt bei Ihnen der Geduldsfaden? Wann geben sie die Hoffnung auf, ihre Kinder würden sich ändern? Beweinen Sie jährlich das Datum der inneren Kündigung bei ihrer Firma? Darf ich noch ein paar weitere, naive Fragen stellen:

Glauben sie, es wird einmal Frieden geben auf dieser Welt? Glauben sie an Deutschlands Zukunft? Meinen sie, Gerechtigkeit und Frieden hätten wirklich Chancen?

In den stampfenden Rhythmus des Arbeitsliedes vom Weinberg mischt sich von Ferne andere Melodie: Langmütig ist Liebe und höret niemals auf. Und Redensarten sagen: Geduld ist Liebe. Ungeduld aber ist Angst.

Ein Sämann geht über den Weinberg. Er kam auch bei ihnen vorbei. Er hat auch dich getroffen. Vielleicht hast du es nicht richtig gespürt, aber es ist so viel Gutes in deine Seele gesenkt. Es ist so viel Gutes in dein Herz gegeben. Es ist so viel Gutes, das du tun könntest und sicherlich auch schon getan hat.

Nehmen Sie doch diese kleinen Zettel als Sinnbild für die auf gutem, entsteinten und umgegrabenem Boden gepflanzten edlen Reben.

[Prediger verteilt gerollte Zettel, auf denen Worte stehen wie: Bote des Friedens, Trägerin der Barmherzigkeit, geduldiger Vermittler, Kämpfer für das Recht, Helfer für Waisen, Beistand der Alten, Krone der Gerechtigkeit, Freund der Armen etc.]

"Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte…“

Sie haben den Zettel gelesen. Was darauf steht, mag für sie gelten. Vielleicht können sie mit dem Satz aber auch überhaupt nichts anfangen. Oder sie sagen: Klar doch, das habe ich alles getan.

Da steht Gott über der Welt und hält den Bogen gespannt. Zu gerne träfe er sein Ziel: Frieden, Gerechtigkeit und Leben in Würde. Wie lange dauert Gottes Geduld?

Liebe Gemeinde, ich möchte Sie nun nicht beschämen. Etliche von ihnen kenne ich doch. Ich weiß zum Teil, wie sehr sie sich für ihre Familie, ihre Gemeinde, ihre Stadt, unser Land und diese Welt einsetzen je nach ihrem Alter, ihrer Kraft und ihren Gaben.

Wenn ich jetzt die nächsten Verse aus Jesaja zitiere, dann will ich ihnen damit überhaupt nichts absprechen!

„Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?“

Der Prophet Jesaja lässt uns nicht im Unklaren darüber, was er mit dem Bild von den schlechten Trauben meint: Die Folgen menschlichen Tuns.

„Weh denen, die ein Haus zum andern bringen und einen Acker an den anderen rücken, bis kein Raum mehr da ist und sie alles Land besitzen,“ lautet sein Fluch über Immobilien-Spekulanten. Und dann nennt er die reichen Prasser, die Betrüger und alle diejenigen, die nur Unrecht tun, und mit ihrer Lüge und Sünde das Leben aller verderben. Auch diejenigen, die alle Werte verdrehen, in Frage stellen oder darüber spotten entgehen seinem Zorn nicht. Dass diejenigen, die bestechlich sind oder nur ihre Lebensgefährten begünstigen, eine Gemeinschaft zerstören, lässt Jesajas ebenfalls nicht unerwähnt.

Es muss nicht eigens betont werden, dass wir, wir Menschen, einmal unsere Geduld verlieren. Jesaja aber scheint uns vermitteln zu wollen, dass auch Gottes Geduld begrenzt sei. So zumindest könnten wir dieses Lied vom Weinberg verstehen. Irgendwann reißen auch im Himmel die Geduldsfäden und Gott legt den Bogen zur Seite und schlägt voll Zorn auf seine Welt ein. Das zumindest wäre eine mögliche Deutungsvariante, die mir allerdings zu simpel erschiene.

Was will der Prophet Jesaja denn zum Ausdruck bringen? Für mich ist das sehr klar. Er lenkt unseren Blick und unsere Aufmerksamkeit darauf, dass all unser Tun Folgen hat.

Hier sind wir bei einem sehr kniffligen Punkt.

Wenn wir einen Stein ins Wasser werfen, fühlen wir uns allenfalls für die erste Welle, die er hervorruft, verantwortlich. Die anderen mögen sonst woher kommen. Das ist halt Physik und hat nichts mehr mit mir zu tun. Wenn ich meiner Nachbarin ein übles Gerücht ins Ohr flüsterte, nehme ich das noch auf meine Kappe. Dass sie es weiter verbreitet und 20 andere mitmachen, will ich nicht sehen, nicht wissen und vor allem: Dafür möchte ich nicht schuld sein.

„Entschuldigung, das habe ich nicht gewollt. Ich habe es nicht gewusst. Das war nicht meine Absicht. Die Umstände haben mich gezwungen. Sie wissen doch, mit welchen Zwängen wir es heute zu tun haben. Ich warf den Stein, aber machen sie mich bitte nicht für dessen Wellen verantwortlich.“

In bildlicher, in erzählerischer Form bringt Jesaja genau dies zum Ausdruck: Wenn die gute Saat Gottes nicht aufgeht herrschen statt dessen Krieg, Verleumdung, Hass und Gewalt. Unterbliebene Frucht bewirkt Hunger und Not.

Natürlich möchte sich das niemand persönlich zurechnen lassen. Keiner von uns will es wirklich wahrhaben, welche Folgen es hat, wenn wir nur "schlechte Trauben“ bringen.

Das Weinberg-Lied des Propheten Jesaja endet hart. Bildlich gesprochen zürnt uns Gott. Sachlich aber geht es um eine Einsicht, die wir nur sehr schwer an uns heranlassen können. Es geht darum, dessen ansichtig zu werden, was die Folgen unseres Tuns sind.

Eigentlich müsste ich, wenn ich mich nur an den alttestamentlichen Text hielte, hier innehalten. Das Fazit wäre: Glaubt bloß nicht, dass ihr den Folgen eures Tuns entkommt bzw. entkommen könntet.

Und wie geht unsere Geschichte neutestamentlich weiter?

Wir blicken als erstes auf das Kreuz (Prediger hat ein Kreuz in der Hand) Was wir hier sehen, sind symbolisiert, konzentriert und von Gott als Opfer getragen die Folgen menschlichen Tuns. Am Kreuz hängt die Güte; am Kreuz blutet die Liebe; am Kreuz haucht die Barmherzigkeit ihr Leben aus; die Versöhnung erstirbt.

„Oh große Not, Gott selbst ist tot“, heißt es in einem unserer Lieder.

Das Kreuz als unser ungeliebtes Symbol hält uns vor Augen, dass all unser Tun Folgen hat.

Und Gott steht da mit einem Bogen in der Hand, sein Ziel zu treffen. Können wir uns einen Gott vorstellen, dessen Geduld am Ende ist?

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Das wäre mir zu simpel, zu menschlich, zu gewöhnlich von Gott gedacht.

Bei Paulus heißt es: Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt. Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung; Hoffnung aber lässt nicht zu Schanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, die uns gegeben ist.

Die Geduld ist die Eingangstufe zum Himmelreich. Dank Jesu Christi dürfen wir fest daran glauben, dass Gott den Bogen und den Pfeil, sein Ziel zu erreichen niemals aus der Hand legen wird. Der Weinberg ist umgegraben, entsteint und bepflanzt.

Gott wartet darauf, dass wir gute Trauben bringen. Es ist gesät. Da ist Sehnsucht zum Ziel.

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