Enttäuschte Liebe

Enttäuschte Liebe Gottes ist heute das Thema. Reminiszere: Erinnert Euch, was Ihr Gott wert seid, wie viel er bereit ist für euch zu geben. Das Thema dieses Sonntags haben wir vorhin im 25. Psalm gebetet: Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.

Gerade die Passionszeit erzählt von der Erinnerung an diesen Gott, der bereit ist für die Seinen zu leiden und in den Tod zu gehen.

Aber der leidende Gott war schon im Alten Testament ein Thema. Der Gott, der leidet an seinem Volk, der wie ein geprügeltes Kind leidet an der Nichtbeachtung, die ihm zuteil wird. Heute lässt er den Propheten Jesaja ein Lied singen, ein Lied von einem Weinberg.

Der Weinberg ist in alttestamentlichen Texten oft ein Bild für die Geliebte und auch für das geliebte Volkes Gottes: Israel. Das heißt, dass Lieder über dieses Volk oft den Charakter von Liebesliedern annehmen so auch unser heutiges Lied von einem Menschen, der einen Weinberg besitzt.

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Gott wird hier dargestellt wie eine Mutter, die das Fenster öffnet, um ihre Kinder zum Essen zu rufen. Immer wieder, weil die Kinder vor lauter Beschäftigung nicht hören. Das finden die Kinder nicht schlimm. Aber wenn sie nicht mehr rufen würde, das wäre schlimm.

Im Rhythmus eines Klageliedes um einen Toten wird das Lied angestimmt, eines Klageliedes um eine Gemeinde, die die Wohltaten Gottes nicht mehr wirklich wahrnimmt, die lebt als ob es Gott nicht gäbe.

Der Weinberg wird bestraft. Das macht agrarisch keinen Sinn, macht auch erotisch wenig Sinn, weil es den Strafenden mehr trifft als den Gestraften. Und so müssen wir auch dieses Lied weiterdenken. Gott leidet mehr als sein Volk, aber der Moment könnte kommen, wo er seine Liebe von den Menschen nimmt, auch wenn wir das eigentlich uns nicht vorstellen können.

Heute denken wir auch an Bethel. Wir haben Altkleider und gebrauchte Briefmarken gesammelt für Bethel und sind dankbar, wie viel dabei rumgekommen ist und womöglich klopfen wir uns genauso stolz an die Brust wie die Menschen auf dem Herbstfest, denen Jesaja sein Lied ursprünglich gesungen hat.

Aber Vorsicht: Einrichtungen wie Bethel dürfen nicht zur Beruhigung werden: Da geschieht schließlich etwas, sondern auch als Herausforderung: Und wo bin ich?

Gerade die Geschichte der diakonischen Einrichtungen ist eine Geschichte, auf die man stolz sein kann und eine Geschichte für die man sich schämen muss. Stolz darauf, dass es starke Menschen im vertrauen auf die vielen kleinen Gaben der ChristInnen gewagt haben solche Hilfswerke aufzubauen. Stolz, dass sie dem Nationalsozialismus die Stirn geboten haben als es um die Tötung Behinderter ging. Schämen, weil auch diese Einrichtung Anteil hatten an der Missachtung Schutzbefohlener, die speziell was den Umgang mit Heimkindern in den 60er und 70er Jahren betrifft, der gerade durch die Presse geht.

Zum rechten Glauben gehören eben auch Früchte, nicht um Gott zu gefallen, sondern als Zeichen des rechten Glaubens. Und auch das Schuldbekenntnis, dass meine Früchte nicht immer das waren, was sie hätten sein können.

Ich denke auch an ein Symposium, das diese Woche in Saarbrücken stattfand ‚Wie viel Kirche braucht Europa’ Ausgerechnet der einzige Politiker, Ministerpräsident Peter Müller erklärte den Kirchenleuten auf dem Podium, wie wichtig es ist, dass Kirche der Politik deutlich sagt, was zu sagen ist: Dass die Rechte der Schwachen und Not leidenden berücksichtigt bleiben, dass Fremde nicht verachtet und Behinderte nicht ausgegrenzt werden. Europa darf eben kein gesichtslose ökonomisiertes Gebäude werden, in dem das Recht des Stärkeren gilt, sondern muss ein christliches Haus werden, in dem Sinne, dass die Schwachen egal welcher Religion hier Heimat finden und ein Lebensrecht.

Er mahnte eine Kirche an, die sich einsetzt, die nicht nur Kleider sammelt und gute Gaben verteilt, sondern auch politisch etwas tut gerade in dem zusammenwachsenden Europa für die, die keine Stimme haben außer der Stimme, die wir für sie erheben. Die Stimme der Liebe.

Liebe ist kein Gefühl – Liebe bedeutet immer Arbeit. Glücklich Verheiratete wissen das: wer liebt muss an dieser Liebe arbeiten, bereit sein etwas von sich herzugeben um Gemeinschaft möglich zu machen. Liebe ohne Leistung ist wie ein Weinstock ohne Trauben. Es liegt kein Sinn darin. Gott investiert in seine Liebe und er fragt nach unserer Bereitschaft in diese Liebe zu investieren.

Gott ist mit seiner ganzen Liebe da für die Menschen in seiner Schöpfung. Er kümmert sich um sie und besucht sie. Er ringt um sie wie ein guter Lehrer, dessen Schüler oft gar nicht merken, wie viel Herzblut in seiner Arbeit steckt. Er tut es, weil die Liebe ihn treibt und er etwas bewegen möchte. Aber dieses Tun kann zu einem schlechten Ende kommen, dem Ende unserer Geschichte. Es kann ein Ende geben, wenn nicht Kirche insgesamt und jeder einzelne Christ / Christin, ihrer Berufung gerecht werden.

Wichtig ist, dass wir Gottes Liebe nicht nur preisen und loben, sondern dass wir sie auch leben – nicht um Gott zu gefallen, sondern um seine Liebe zu leben und zu erwidern.

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