… dann wird aus Rechtsbruch Rechtsspruch

Liebe Gemeinde,

das ist ganz schönes hartes Brot, das wir heute morgen als Predigttext vorgesetzt bekommen. Eigentlich fing so gut an, einer singt im Stile eines Liebesliedes, das zum Beispiel bei Hochzeiten gesungen wird:

„Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen ein Lied von meine Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn und entsteinte ihn, pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte.“

Alles perfekt: gutes Land, ein fleißiger und kompetenter Weinbauer – da können die Trauben wachsen und man freut sich schon auf den edlen Tropfen, der daraus entstehen soll.

Alles perfekt an ihrem schönsten Tag: die Kirche geschmückt, ein wunderschönes Hochzeitskleid, Familie und Freunde freuen sich mit dem Paar. Es wird ein gelungenes Fest, so wie die beiden sich das vorgestellt hat. Und so sehen sie voller Zuversicht und Freude in die Zukunft. Als dann endlich das ersehnte Kind zur Welt kommt, da ist das Glück vollständig.

Gute Trauben hatte der Weinbauer erwartet – aber da wird nichts draus. Der Weinberg wirft nichts ab, die ganze Mühe, Zuwendung, Pflege war vergeblich – alles Können hat nichts gebracht. Der Weinbauer reagiert mit Wut und Enttäuschung, ja sogar mit Vernichtung und Zerstörung: Zaun und Mauer werden eingerissen, das Unkraut überwuchert mit der Zeit alles: Ödland, statt reicher Frucht und leckerem Wein.

8 Jahre ist unser Paar mittlerweile verheiratet. Als noch ein zweites Kind geboren wurde, haben die beiden sich gefreut. Aber mit der Zeit kehrt die Unzufriedenheit ein. Er arbeitet immer mehr, das Geld ist knapp. Abends muß er sich das Genörgel und die Vorwürfe seiner Frau anhören. Sie fühlt sich unverstanden, hat das Gefühl, dass ihre Bedürfnisse und ihre Leistungen überhaupt nicht gesehen und wertgeschätzt werden. Anfangs kommt es noch zu zermürbenden Auseinandersetzungen, irgendwann fangen die beiden an, einfach nebeneinander herzuleben. Als sie sich in einen Nachbarn verliebt, kommt es zur Trennung. Er ist tief verletzt, sie hat das Gefühl, auch endlich mal glücklich sein zu dürfen. Immer erbitterter werden die Auseinandersetzungen um die Kinder, um das Haus, das Geld. Aus Liebe wurde Verbitterung und Haß.

Liebe Gemeinde. Unser heutiger Predigttext aus dem Jesajabuch ist eigentlich auch die Geschichte einer enttäuschten Liebe. „Ihr seid der Weinberg, ruft der Prophet Jesaja uns zu. Um Euch hat Gott sich gekümmert, hat Euch geschaffen und geliebt, hat Euch alle Möglichkeiten zum Leben geschenkt, und was macht Ihr draus?!“ Und dann kommt ein hebräisches Wortspiel, das Martin Luther in seiner genialen Übersetzung ins Deutsche übertragen hat:

“Gott wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch. Gott wartete auf Gerechtigkeit, siehe, da war Schlechtigkeit.“

Und darum, sagt Jesaja, darum wird Gott Euch fallen lassen, genauso wie Ihr ihn habt hängen lassen.

Ein zorniger Gott begegnet uns heute in unserem Predigttext. Ein Gott, der sich benimmt, wie ein gekränkter, tief verletzter Liebender.

Statt einer Frohbotschaft hören wir heute eine Drohbotschaft: So, wie Ihr Euch verhaltet, könnt Ihr Euch die Liebe und Zuwendung Gottes auch verscherzen.

Harte Worte: zur Passionszeit mag das ja passen, aber wie kriegen wir das mit der Taufe zusammen?

Sollen die Eltern von Tom Luca und Katharina ihren Kindern Angst machen vor diesem zornigen Gott? Ist es nicht erst einmal viel wichtiger, dass sie in diesen kleinen Menschen das Zutrauen zur Güte Gottes wecken. Daß sie ihrem Kind vermitteln: Gott ist für dich da, er behütet und begleitet dich im Schönen wie im Schweren?

Diesen Wunsch der Eltern nach Schutz und Bewahrung drücken auch die Taufsprüche von Katharina und Tom-Luca ganz stark aus:

N.N.

Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. (Psalm 121,7)

N.N.

Denn er hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen. (Psalm 91,11)

Beides Sätze, die Mut machen, auf Gott zu vertrauen. Die davon ausgehen, dass Gott uns nicht fallen lässt, auch wenn wir einmal einen falschen Weg einschlagen.

Was denn jetzt? Ist Gott ein zorniger, unversöhnlicher Gott? Oder ein Gott, dessen Liebe und Geduld mit uns unendlich ist? (der damit auch irgendwie harmlos ist?)

Ich denke, die vielen Nannys und Supernannys im Fernsehen können uns helfen, diesen Knoten aufzulösen. Und alle Eltern oder mit Kindern und Jugendliche Arbeitenden werden es bestätigen können:

Liebe und Konsequenz sind kein Widerspruch, im Gegenteil: wer einem Kind alles durchgehen lässt, ihm nie Grenzen aufweist, tut ihm keinen Gefallen. Dieses Kind wird es später als Erwachsener schwer haben, mit Enttäuschungen und Rückschlägen umzugehen. Es wird sich schwer damit tun, nicht als Egoist, sondern als liebesfähiger Mensch zu leben. Konsequenz ohne Liebe deckelt und macht Menschen klein und ängstlich. Aber Liebe ohne Konsequenz geht auch nicht.

Aus unserem Predigttext lerne ich: Gott hat große Geduld, aber es kann auch mal Schluß damit sein. Wenn wir meinen, wir müssen ihn und seine Gebote nicht ernstnehmen, dann werden wir ernten, was wir säen. Das ist so in unserem täglichen Umgang mit anderen Menschen, dass gilt für die großen gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge. Sei es jetzt in Bezug auf unseren Umgang mit der Natur, sei es in Bezug auf den sozialen Frieden in unserem Land oder der Frage von Krieg und Frieden in der Welt. Wir werden ernten, was wir säen, das ist so.

Gleichzeitig erinnert uns die Taufe von Katharina und Tom-Luca aber daran, dass die Liebe Gottes am Anfang unseres Leben steht. Wenn er uns in die Pflicht nimmt und wenn er uns Grenzen aufweist, dann nicht aus Zorn oder Verletztheit, sondern weil er uns zum Leben anleiten will. Weil er uns helfen will, aus Fehlern zu lernen und Neuanfänge zu wagen. Weil er uns zutraut, gute Frucht zu bringen.

Wir sollen Gott ernstnehmen, aber wir brauchen keine Angst vor ihm zu haben. Woher ich das weiß? Schließlich haben wir diese beiden kleinen heute morgen auf den Namen Jesu Christi getauft. Und Jesus Christus ist schließlich nicht als Richter gekommen, sondern als Retter. Er stellt sich nicht über uns, sondern an die Seite der Angeklagten. Ja, er lässt sich sogar verurteilen, als Unschuldiger nimmt er unsere Schuld auf sich.

Wir dürfen Fehler machen, scheitern, aber wir können wieder umkehren und neue Wege gehen. Denn am Anfang unseres Lebens steht die Liebe Gottes. Und dann wird aus Rechtsbruch Rechtsspruch. Und aus Schlechtigkeit wird Gerechtigkeit. So, wie Gott die Welt gedacht hat.

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