Gott kennt keine Hoffnungslosigkeit

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

(Ich nehme eine recht verdorrte Zimmerpflanze mit auf die Kanzel)

Nun sehn Sie sich dieses Elend mal an. Das war mal eine wunderschöne Pflanze, wir haben sie zum Einzug in Husum geschenkt bekommen. Und ehrlich: ich hab zwar nicht gerade grüne Daumen, aber ich bin gut zu ihr gewesen! Ich habe sie regelmäßig gegossen. Ich habe darauf geachtet, dass sie genug Sonne bekommt, aber auch nicht zu viel. Heimlich habe ich sogar mit ihr geredet, das habe ich mal gehört, dass Pflanzen das brauchen, auch nur so ein bisschen, keine langen Gespräche oder so, falls Sie jetzt meinen, ich sei total durchgeknallt – aber es hat alles nichts genutzt. Erst verdorrte die Blüte, dann wurden die Blätter gelb und ganz ehrlich, nun mag ich sie nicht mehr sehen und möchte sie gerne wegwerfen. Doch, ich glaube, sie wird ihre Husumer Heimat nicht wiedersehen, gleich nach dem Gottesdienst werde ich sie auf dem Kompost des Friedhofs entsorgen, aus den Augen aus dem Sinn, denn so´n bisschen enttäuscht bin ich auch. Ich hab mir echt Mühe gegeben und versucht, alles richtig zu machen und nun gucken Sie sich das hier mal an!

Ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem Buch des Propheten Jesaja im 5. Kapitel:

– Text –

Dem Dichter des Weinberglieds geht’s mit seinem Weinberg ähnlich wie mir mit meiner Pflanze: Da wächst und gedeiht einfach nichts, egal wie viel Mühe man sich gibt. Er ärgert sich, er ist enttäuscht. Aber während es bei mir nur um eine Zimmerpflanze für 10 € geht, handelt es sich hier um einen ganzen Weinberg und um eine ausgefallene Ernte, hier geht es also auch um Werte, um fehlgeschlagene Investitionen und um großen finanziellen und körperlichen Einsatz. Der Weinbergbesitzer hat sich krumm gelegt für seinen Weinberg, aber alles war umsonst.

Und offenbar gibt es da noch einen Unterschied: Ich hab meine Pflanze gemocht, ja. Ein liebes Gemeindeglied hat sie uns geschenkt und ich habe sie wertgeschätzt. Unser Weinbergbesitzer aber hat seinen Weinberg offenbar wirklich geliebt. Ich merke das an der Wut, mit der er sich von ihm abwenden will. „Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde! Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.“ Der Mann ist bitter enttäuscht und tief verletzt. Er will diesen Weinberg nicht mehr lieben, er will ihn aus den Augen haben – aus den Augen aus dem Sinn.

Um 700 vor Christus wird dieser Text geschrieben. Der Prophet Jesaja ist der Mund Gottes. Und man muss wissen, dass Propheten im Alten Testament nichts mit neuzeitlichen Pastoren zu tun haben und auch Politik im Alten Testament von moderner Demokratie nichts weiß. Es gibt zu der Zeit einen König in Israel, sein Name ist Hiskia. Das Reich Israel war lange Zeit ein geteiltes und auch zerstrittenes Reich, jetzt ist der ganze Nordteil an das Königreich Assur gefallen, von der ehemaligen Großmacht Israel ist nur noch ein Stümmel übriggeblieben, kleiner als Schleswig-Holstein. Im Norden erstarkt die Großmacht Assur und an den südlichen Grenzen wartet schon Ägypten, mittendrin der Rest des judäischen Landes, tributpflichtig an Assur seit dem letzten Krieg. Man kann sich an zwei Fingern ausrechnen, dass das nicht lange gut geht. In dieser Zeit spricht Jesaja die Gottesworte zu seinem Volk und zu seinem König. Und er deutet die desolate politische Situation als Strafe Gottes für die Schlechtigkeit seines Volkes. Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Genau das passiert wenige Jahre später, da fällt auch der Rest des Reiches an das Großreich Assur, die oberen Bevölkerungsschichten werden nach Babylon verschleppt, der Tempel zerstört. Das ist das Ende von Gottes Weinberg, das Ende der politischen Souveränität Israels.

Hier stehe ich mit meiner verkümmerten Pflanze. Sie tut mir leid. Ich mag nicht gerne Pflanzen wegwerfen. Aber ich habe keine Hoffnung mehr für sie. Ich glaube, da ist nichts mehr zu machen. Oder was meinen Sie?

Gott ist wütend und Gott ist enttäuscht. Aber Hoffnungslosigkeit kommt in Gottes Vokabular nicht vor. Sein Weinberg wurde zertreten, die Mauern eingerissen. Wüst und brach lag Israel da, der erste Prophet Jesaja hatte in der Tat keine Hoffnung für sein Volk. Aber Gott konnte niemals von seiner großen Liebe lassen. „Kann denn eine Mutter ihr Kind vergessen? Und wenn sie es vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen!“ so spricht Gott durch den Propheten einige Jahre später. Über die Maßen liebt Gott sein Volk. Wieder und wieder vergibt er ihm, bis er in Jesus Christus einen Neuanfang macht und einen Bund mit den Menschen schließt, der weit über das kleine Land im Mittleren Osten hinausgeht.

Gott kennt keine Hoffnungslosigkeit. Sein Weinberg, das sind nicht allein die Juden, wir alle gehören dazu. Und Gott pflegt seinen Weinberg. Er entsteint ihn und gießt ihn. Er setzt edle Trauben ein, besonders gute Menschen, die uns ein Vorbild sind, er gibt sein Wort, an das wir uns halten können. Er beschneidet die Reben, er wässert den Garten mit seiner Liebe, mit seiner Güte, seiner Geduld und seiner Vergebung.

Es gibt genug Menschen, die sagen: Das hat doch keine Sinn! Sieh dir doch deine Kirche an: Da kommt doch keiner hin! Sieh dir doch deine Boten an: Mit solchen Leuten ist doch kein Staat zu machen! Sieh dir doch deine Gläubigen an: Sie sind so hoffnungs- und orientierungslos wie alle anderen auch, sie sind so müde und ängstlich als wüssten sie nichts von dir, sie sind oft so böse und so egoistisch – gib´s auf, alter Mann, du arbeitest hier umsonst, das wird nichts mehr.

Aber Gott kennt keine Hoffnungslosigkeit. Er gibt nicht auf.

Nun, ich glaube, für mein Pflänzchen hier ist in der Tat Hopfen und Malz verloren. Das ist vielleicht auch kein Drama, es ist ja nur eine Topfpflanze, davon geht die Welt nicht unter. Meine Möglichkeiten sind mit denen Gottes ja auch nicht recht zu vergleichen. Ich kann ja in der Tat nicht mehr als ein bisschen begießen, vielleicht düngen oder mal umtopfen. Dann hört das schon auf. Ich kann dieser Blume nicht mehr helfen.

Ganz anders ist das mit Gottes Möglichkeiten. Gott kann sogar Tote erwecken, er kann Schuld überwinden und Sünden vergeben, er kann heilen und helfen, trösten und raten. Seine Möglichkeiten gehen über alles Menschenmögliche weit hinaus.

Wie lange er das wohl noch durchhält? Am Weinberglied des Jesaja merken wir, wie weh ihm das tut, wenn wir keine Frucht bringen, wenn unser Glaube brachliegt und unsere Hoffnung verkümmert. Es tut Gott weh, wenn hier jeder nur für sich lebt, innerlich tot und ohne Liebe für den anderen. Es macht Gott Kummer, wenn sein Wort keine Frucht trägt, wenn seine Güte ohne Folgen bleibt, seine Vergebung sich nicht weiter sagt. Gott ist traurig, wenn wir einander ignorieren und uns um die Schwachen und Hungernden in der Gesellschaft nicht kümmern. Gott leidet, wenn wir Not und Gewalt in unserer Welt nicht sehen wollen und dem Elenden unsere Türen und unsere Herzen verschließen.

Es ist das natürlichste von der Welt, dass wir dem, der uns das Leben schenkte, Freude bereiten wollten. Kinder wollen nicht nur nehmen, sie wollen auch, dass ihre Eltern stolz auf sie sind, sie möchten ihren Eltern Freude bereiten, dass ist ihr vorderster und erster Antrieb zur Entwicklung. Es ist nicht normal, wenn wir nur Gottes Wort hören und uns die Rosinen herauspicken, wenn wir nur seinen Trost nehmen, aber nichts zu geben bereit sind. Gott möchte, dass wir wachsen und blühen und dass wir eines Tages Frucht bringen.

Frucht bringen, das kann jeder. Der Posaunenchor tut es auf seine Weise, unsere Helferinnen machen es anders. Auch ich gebe mir Mühe und unser neuer Friedhofswärter tut es auch. Der Kirchenvorstand und die Erzieherinnen im Kindergarten, jeder und jede tut es auf seine Weise. Nein, Gott gibt seine Liebe nicht umsonst. Hier wächst schon einiges. Unsere Gemeinde ist nicht wie dieses arme, verkümmerte Ding in meiner Hand. Gewiss kann es mehr werden und noch wachsen, an Gottes Güte und Pflege fehlt es nicht.

Früchte tragen ist herrlich, das weiß jeder. Es ist wunderbar, Gutes tun zu können. Es gibt nichts Schöneres, als anderen Freude zu bereiten. Wir tun es nicht nur für Gott, wir tun es nicht nur für unseren Nächsten, wir tun es auch für uns selber. Wir fühlen und erfahren dabei, dass es unsere Bestimmung ist, dafür sind wir geschaffen. Wir sehen das Ziel unserer Wege. Wenn wir es richtig und gut machen, dann freut sich Gott im Himmel über uns, seine geliebten Kinder. Es wächst und blüht in Gottes Weinberg! Und du und ich – wir gehören dazu.

(Predigtlied: 503, 13-15)

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