Nichts haben und doch alles

Liebe Gemeinde,

so dramatisch wie in der Versuchungsgeschichte Jesu ergeht es uns wohl selten, mit Verlockungen auf einem hohen Berg oder in der Wüste – aber Versuchung und Bewährung, das sind Themen, die in jedem Leben eine Rolle spielen. Die Frage, wie sich der christliche Glaube bewährt in harten und mühsamen Zeiten, stellte sich schon in den ersten christlichen Gemeinden. Für den Apostel Paulus wurde sie zu einem Lebensthema.

Aus seinem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth hören wir als Grundlage für die Predigt Kap. 6, 1-10:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, die Welt ist nicht heil, die Welt der christlichen Gemeinden auch nicht. Paulus schreibt seinen Brief in eine zerstittene Gemeinde. Die von ihm gegründete und geliebte Gemeinde Korinth war gespalten. Es gab einzelne Untergruppen, die sich jeweils um bestimmte Persönlichkeiten scharten. Und es mangelte nicht an Kritikern des Paulus. Sie warfen ihm vor, kein richtiger Apostel zu sein, zu schwach aufzutreten und das Evangelium zu wenig glanzvoll zu verkündigen.

Diese Situation forderte Paulus heraus. Er musste nun seinen Glauben und sein Amt unter den Bedingungen starker Widerstände bewähren. Er antwortete mit einem langen Brief, innerlich aufgewühlt, aber doch klar bei dem, was er entgegensetzte.

Aus unserem Text möchte ich drei Impulse hervorheben:

1) Der Tag des Heils ist jetzt

Paulus spricht seine Kritiker an als die „Mithelfer Gottes“ und stellt sie damit unter einen hohen Anspruch – Gott ist auf euch angewiesen. Ihr seid wichtig. Aber verspielt die Gnade nicht. Die Gnade – das meinte ihren begonnenen Weg mit Jesus Christus und die dabei erfahrene Befreiung. Denkt an das, was euch geschenkt worden ist!, mahnt Paulus. – Dabei zitiert er seine Bibel: „Ich habe dir am Tag des Heils geholfen“. Er bezieht das Jesaja-Wort ganz selbstverständlich auf die eigene Gegenwart: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade. Siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Man muss sich dieses Bild so richtig klarmachen: eine gespaltene Gemeinde, Konkurrenz hier, Feindschaft da, sogar Tränen fließen; und da sagt Paulus: „Siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“

Stellen Sie sich das unter uns vor: unsere Sorgen um die Zukunft unseres Landes und unserer Kirche, unsere spürbare Ohnmacht gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen, die Angst vor der Vogelgrippe: Wie provokativ würde es wirken, wie weltfremd, wenn sich da einer auf die Reichenstraße stellte und laut riefe: „Leute, jetzt ist die Zeit der Gnade. Jetzt ist der Tag des Heils!“ – Oder in unserer Gemeinde im Wissen um alle Reibereien vermeldete: „Liebe St. Petri-Gemeinde! Das Heil ist unter uns!“ Wahrscheinlich würden wir sagen: „Naja, da müsste erst einmal…“

Ist Paulus so naiv? Blendet er die Wirklichkeit einfach aus? Will er sie nicht wahrhaben? – Ich denke, das wird man ihm nicht unterstellen können. Paulus kennt die Wirklichkeit. Er kennt alle Schattierungen der Arbeit in der christlichen Gemeinde. Er hat unglaubliche Höhen und Tiefen durchgemacht. Aber über alle Schwierigkeiten stellt er das Geschenk des Glaubens. Am Anfang steht Gottes Ja. Wir sind getauft, angenommen als Gottes Kinder. Wir gehören zu Jesus X und sind gerufen auf den Weg mit ihm. Auf diesem Weg braucht Gott dann unser Ja. Ja zu diesem Weg in Höhen und Tiefen. Von daher ergibt sich der zweite Impuls des Textes.

2) Unser Glaube bewährt sich in Schwierigkeiten

Paulus spricht von vielen Ängsten und Nöten, von Schlägen und Gefängnissen. Er fasst zusammen, wie er versucht hat, sich mitten in all diesen Schwierigkeiten zu bewähren. Trotz allem hat er sich – wie er schreibt – als Diener Gottes erwiesen mit Langmut und Freundlichkeit, mit heiligem Geist und in Liebe, in der Kraft Gottes und durch Waffen der Gerechtigkeit.

Das klingt mächtig gewaltig, ein bisschen vollmundig. Aber es geht ihm wirklich auch um alles. Er will mit allen Mitteln zeigen, dass er sich als Diener Gottes erwiesen hat.

Wahrscheinlich wurden wir wegen unseres christlichen Glaubens noch niemals geschlagen. Ins Gefängnis sind wir deswegen sicher auch noch nicht gekommen – wobei ich das für die ältere Generation unter uns nicht ausschließen kann. Was wir wohl eher kennen, steckt im Vers 8: durch Höhen und Tiefen zu gehen (hier heißt es „durch Ehre und Schande“) Konkret benennt Paulus die bösen und guten Gerüchte – das weiß man ja gerade in einer Kleinstadt, wie schnell gute und auch schlechte Nachrichten über Menschen im Umlauf sind. Auch in der Gemeinde.

Und unter Vorwürfen und Anklagen ist es schwer, mit Langmut und Freundlichkeit zu reagieren. Das ist nicht selbstverständlich. Versuchungen locken, z.B.

– sich vom Zorn packen zu lassen und auf irgendeinen Sündenbock draufzuhauen

– die Menschen in Gute und Böse einzuteilen (sich selbst natürlich zu den Guten)

– anderen nach dem Mund reden, um ihre Anerkennung nicht zu verlieren

– oder auch zu resignieren: Es hat ja alles sowieso keinen Sinn. Ich kann sowieso nichts machen. Da bin ich lieber still.

Im Tun wie im Unterlassen kann Schuld liegen. Es ist Gnade , wenn wir diesen Versuchungen widerstehen. Wenn wir uns frei machen können von den Zwängen der Selbstrechtfertigung – und auch in Konflikten auf die gemeinsame Mitte schauen, auf Jesus Christus. Die Welt ist nicht heil, aber Gott will uns sein Heil schenken.

3) Nichts haben und doch alles

Paulus spricht jetzt in Gegensätzen, in Wortpaaren, die sich eigentlich ausschließen. Er beschreibt inneren Reichtum bei äußerem Mangel. Auf zwei Wortpaare möchte ich näher eingehen: „die Traurigen, aber allezeit fröhlich“ und: „die, die nichts haben und doch alles haben.“ Traurig zu sein auf unsererem Weg der Nachfolge, vielleicht auch bei unserer Mitarbeit in der Kirchgemeinde…gehört zu den Durststrecken des Christenlebens. Traurig z.B., weil sich manches mühsamer gestaltet, als wir es in Phasen des Aufbruchs erhofft haben. Wie geht das dann – „allezeit fröhlich?“ Kein Mensch kann allezeit fröhlich sein. Das wäre ja wohl geheuchelt.

Schon die alten Kirchenväter bei diesem Vers gestutzt. Johannes Chrysosthomos schrieb im 4. Jahrhundert in einer Predigt: „Wie ist es möglich, sich beständig zu freuen, da man doch ein Mensch ist?…“(A.Grün, Mit dem Leben in Berührung kommen, 99) In dieser Predigt beschreibt er den Weg zu einer Freude, die trotz allem bleibt; und da ist er ganz nah an Paulus: Nämlich dann, wenn wir mit Christus verbunden sind – also so nah bei Gott, dass die Sorgen nicht den ersten Platz einnehmen, sondern höchstens den zweiten. Wenn wir glauben, dass uns nichts, wirklich nichts trennen kann von Gott, von Gottes Kraft und Liebe, verliert das Bedrohliche an Macht und an Schärfe. Alles auf der Welt kann uns genommen werden – Einfluss, Besitz, Beziehungen, körperliche Unversehrtheit, das Leben selbst; alles ist vergänglich – Gott kann uns nicht genommen werden.

Nach Paulus sind wir „die, die nichts haben und doch alles haben“, weil wir in Jesus Christus Gott selbst haben. „Nichts und doch alles haben“ – Da ergeben sich interessante Parallelen am Beginn der Fastenzeit. In der Passionszeit verzichten viele Menschen auf etwas, das nicht lebensnotwendig ist. Dahinter steht die Sehnsucht, sich auf das zu besinnen, was wesentlich ist. Innere Fülle zu finden bei äußerlichem Mangel.

Wir Menschen in der Nachfolge Jesu sind die, die selbst in Zeiten des Leidens alles haben: einen Grund für unser Vertrauen, ein Ziel für unsere Hoffnung und Orientierung für unser Handeln. Hier und jetzt ist die Stunde, sich darüber zu freuen. „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade. Siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“

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