Woraus mir Kraft kommt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Manchmal muss man zurückstecken. Das ist nicht immer leicht, aber es gibt manchmal Größeres und Wichtigeres als das eigene Wohlergehen. Und gut hat es der, der höhere Werte kennt und weiß woher er die Kraft bekommt, seine eigenen Wünsche hinten anzustellen.

Ich lese den Predigttext aus dem 2. Brief des Paulus an die Korinther im 6. Kapitel:

– Text –

Mit einer Geschichte möchte ich versuchen, diesen Text in unseren Alltag und in unser Leben zu holen:

Peter und Anke hatten drei Kinder großgezogen: Sven, Tolke und Olliver. Es hatte Höhen und Tiefen gegeben, auch Streit und Sorge, aber das hier, das was jetzt mit dem Jüngsten abging, das war für die gestandenen Eltern neu und erschreckend.

Michael hieß das Nesthäkchen. Und wie das so oft ist, mit den Nachzüglern: Sie werden mit besonderer Liebe umsorgt, besonders herzlich wird die Entwicklung begleitet und besonders viel Zeit wird in dieses Kind investiert. Auch Eltern werden erwachsen – beim 4. Kind sind sie echte Profis, durch nichts zu erschüttern, gelassen bei Stürzen, ruhig bei Fehlschlägen, geduldig in der Auseinandersetzung, großzügig bis nachsichtig in der Erziehung.

So war Michael aufgewachsen. Er machte seinen Eltern Freude und die Geschwister liebten den Kleinen über die Maßen.

Wann hatte die Veränderung nur angefangen? Rückblickend fielen Peter und Anke die Auffälligkeiten wieder ein: Mit 10 war er auffallend unkonzentriert gewesen. Er verlor nicht nur Handschuhe und Mützen, sondern auch einzelne Schuhe, ganze Sporttaschen und immer wieder seine Schreibmappe. Zwei Jahre später musste die Schultasche einmal in der Woche auf verschimmelte Essensreste hin untersucht werden und die losen Blätter wurden unter Aufsicht eingeheftet, Michael schaffte das alleine nicht. Mit 14 war sein Zimmer so verdreckt, dass man es nicht mehr betreten konnte, Ermahnungen führten zu oberflächlichem Beiseiteschieben, aber niemals zu einem als normal zu bezeichnenden Zustand. „So sind Jugendliche halt“ hatten Peter und Anke gedacht, sich lächelnd an die Meckereien der eigenen Eltern erinnert und beizeiten selbst Hand angelegt. Liebevoll und geduldig hatten sie Michael immer wieder ermahnt, ihm genauere Anweisungen gegeben und weil Michael folgsam und lieb war, hatte es nie Probleme gegeben. Aber das wurde eines Tages anders.

Es begann mit einem Anruf aus der Schule: Michael sei seit 8 Tagen nicht mehr in der Schule gesehen worden, ob das irgendeine Bedeutung habe?

Peter und Anke fielen aus allen Wolken. Michael? Seit 8 Tagen nicht zur Schule? Er hatte jeden Morgen wie immer winkend das Haus verlassen und war Mittags nach Hause gekommen, hatte über Lehrer und Mitschüler geschimpft und sich dann erstmal hingelegt. Ihr Michael – ein gewiefter Lügner und Betrüger? Und das ganze ein halbes Jahr vor dem Schulabschluß?

Der Schock saß tief. Sie wussten gar nicht, wie sie sich verhalten sollten. „Michael, was ist da los? Was denkst du dir nur dabei? Was hast du getan?“ so fragten sie ihn abends und sie bemühten sich sehr um einen gefassten Tonfall.

Aber der Junge verschloss sein Gesicht. „Na, nun habt ihr´s endlich kapiert, oder was? Wisst ihr was? Ich kann euch nicht mehr ertragen! Ihr habt überhaupt keine Ahnung, wie das Leben wirklich ist!“

„Aber Michael, dann erklär es uns, damit wir verstehen, was mit dir los ist und damit wir dir helfen können!“

Ein böses Lächeln erschien auf dem Gesicht des Jungen. „Ihr und helfen? Was bildet ihr euch eigentlich ein?“ Und dann nahm er seine Jacke und ging und kam nicht wieder.

Am Abend kam er nicht nach Hause und am nächsten Abend auch nicht. Keiner wusste, wo er war. Er ging anscheinend wieder zur Schule, immerhin. Aber niemand konnte ihnen sagen, wo er aß und wo er schlief. Bitter war der Anruf bei der Polizei. „Wir wissen nicht, was wir tun sollen!“ sagte Anke. „Na, auf ihre Kinder müssen Sie schon selber aufpassen“, knurrte der Beamte.

Weil sie nicht wusste, wohin mit sich, räumte sie Michaels Zimmer auf. Da wurde einiges klarer. Zwischen unsäglichem Dreck und verschimmelten Essensresten fanden sich Marihuanatütchen und Wasserpfeifen, Aschenbecher und Zigarettenkippen. Wie hatten sie nur so blind sein können? Der Absturz ihres Kindes hatte sich vor mindestens einem Jahr angebahnt und sie hatten es nicht gemerkt.

Und nun? Peter und Anke waren ratlos.

„Dann muss er eben alleine leben, wenn er mit uns nicht leben will,“ meinte Peter. „Ich bin so traurig,“ sagte Anke „ich hab mein Kind verloren.“ Die Tage vergingen in Sorge, Angst und großer Trauer.

Peter und Anke fanden Hilfe im 2. Korintherbrief. “Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes.“ So schreibt Paulus. „Unser Amt,“ sagte Peter, „das ist jetzt unser Elternamt. Das ist jetzt das Wichtigste, das müssen wir richtig machen….. Ich denke, es ist gut, wenn wir ihm möglichst wenig Anlass zum Streiten geben, wenn wir möglichst klar in unserer Linie bleiben.“

„………..in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten……“ Anke las laut vor. „Das ist mir wie aus dem Herzen geschrieben“ seufzte sie. „Ich hab seitdem keine Nacht mehr durchgeschlafen. Aber was machen wir jetzt?“

„Lies,“ sagte Peter. „………….In Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit…….. Ich denke, dass es so gehen kann. Wir werden sehr freundlich und liebevoll mit ihm umgehen, wenn er wiederkommt. Aber er muss auch wissen, was geht und was nicht. Aber wir müssen darauf Acht geben, dass wir uns nicht zu Zornausbrüchen hinreißen lassen, sondern ganz bei uns und bei unserem guten Willen bleiben.“

„Dass die Bibel so beredt sein kann“ staunte Anke. „Hör zu: …..in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig…… wie gerne ich ihn verführen möchte, doch zu einem normalen Leben zurückzukehren! Wenn er doch bloß merken würde, wo er hinsteuert!“

„Tscha, und wir“ sagte Peter, „wir müssen wohl neu anfangen. Die wunderbare Kinderzeit mit Michael ist zu Ende. Er ist kein Kind mehr. Und wir sind zwar noch seine Eltern, aber wir müssen nun auch umlernen und sehen, was Elternsein für uns jetzt bedeutet.“ Und er las weiter:“…. als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben………Wir müssen aufpassen, Anke, dass wir fröhlich bleiben. Wir helfen ihm nicht, wenn wir jammern und klagen.“`

„Wenn´s bloß schon vorbei wäre“ sagte Anke. „Ich weiß gar nicht, wie ich das aushalten soll“. Peter lächelte. „Guck doch mal, hier steht´s: Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! – Ich spüre einfach, dass das richtig und gut ist. Ich merke richtig, wie Gott hilft, jetzt und hier. Es geht mir schon viel besser. Ich glaube, wir schaffen das, du und ich und Michael. Mit Gottes Hilfe ganz bestimmt.“

Michael kam 8 Tage später nach Hause. Er war schmutzig und ausgehungert. Niemand wollte ihn mehr Unterschlupf bieten. Er war verzweifelt und müde. Der Kampf ums Überleben und der Kampf mit seinem eigenen Stolz hatte ihn mürbe gemacht.

Seine Eltern empfingen ihn mit offenen Armen. Sie machten ihm ein Bad zurecht und kochten sein Lieblingsgericht. Kein Wort des Vorwurfs kam über ihre Lippen. „Lass uns miteinander überlegen, Michael, wie es weitergeht, was du willst und ob und wie wir dir helfen können, ja?“ so begann das Gespräch, so wurden Vereinbarungen getroffen und erste Wege des Verstehens begangen.

Damit war längst nicht alles gut. Michael hat noch Jahre gebraucht, um seinen Weg ins Leben zu finden, anstrengende und manchmal auch verzweifelte Jahre für Anke und Peter. Aber sie blieben fest in dem, was sie sich vorgenommen hatten und fanden immer wieder Trost und Kraft in der Bibel. „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist die Zeit des Heils“ – das half ihnen, kleine Schritte zu gehen und sich mit Michael über jeden kleinen Erfolg zu freuen.

Paulus hat seine eigenen Wünsche ganz hinten angestellt für das Wohl seiner Gemeinde in Korinth. Das Amt ist das wichtigste, sagt er, dafür lohnt es, sich selbst zurückzunehmen. Peter und Anke schafften das auch. Ihr Elternamt und die Verantwortung für ihr jüngstes Kind wurde ihre vornehmste Aufgabe.

Der Verzicht muss nicht zur Saure-Gurken-Zeit werden, sagt Paulus, wenn man das Ziel vor Augen behält. Und er muss nicht tragisch und schwer sein, wenn man weiß, woher man die Kraft dazu bekommt. Peter und Anke sind ein Beispiel, wie das geht. Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, weil Gott uns erhört, jetzt ist die Zeit des Heils, weil Gott uns hilft – Mutter und Vater von Michael haben das erlebt.

Und wir? Wir sind eingeladen, darauf zu vertrauen.

Amen

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