Mehr sein als scheinen

<i>[Anmerkung: Für die Predigt habe ich benutzt: "Die Volxbibel" NT frei übersetzt von Martin Dreyer, Predigthilfe aus dem Pfarrerblatt, Werkstatt für Liturgie und Predigt, Material von Anja Bunkus sowie <a href="http://www.e-pistel.de" target="_blank">e-pistel</a> – die neue Form der Predigtvorbereitung!]</i>

Liebe Gemeinde,

sicher ist es jedem von Ihnen schon einmal passiert, dass er sich ungerecht behandelt fühlte. Nicht nur von seiner Umwelt, sondern manchmal auch in der eigenen Gemeinde. Denken Sie mal drüber nach, gewiss hat jetzt jeder/jede eine ganz konkrete Situation vor Augen. Oft geht es um Kleinigkeiten, die aber jemanden, der sich sehr eingesetzt hat, tief verletzen können. Mancher hat dann alles hingeworfen und gesagt: "Macht euren Kram alleine. So lasse ich mich nicht behandeln."

Der Apostel Paulus hat ähnliches erlebt. Er hatte die Gemeinde in Korinth aufgebaut, und auf einmal sind andere aufgetaucht, die alles besser zu wissen glaubten, die vieles anders machten. Diese Pseudo-Apostel versprachen ein Leben in ewiger Glückseligkeit, das den Widrigkeiten des Daseins enthoben ist, wenn sich die Menschen mit dem Christusgeist verbinden. Sie wirkten selbst entrückt und beeindruckten die Zuhörer durch ihre geistgewirkte Rede. Mit ihrem charismatischen Auftreten stellten sie Paulus in den Schatten, sodass sich die neue Lehre schnell in der Gemeinde ausbreitete. Außerdem machten sie Paulus schlecht, indem sie nicht nur davon sprachen, er vertrete eine falsche Theologie, sondern auch behaupteten, er lebe auf Kosten anderer und ließe sich aushalten. Paulus hat sozusagen ein "Imageproblem". Hätte es damals schon Boulevardmagazine gegeben, die Klatschspalten wären voll gewesen. Nun war die Kommunikation damals zwar etwas langsamer, aber nicht unbedingt schlechter und so erfuhr auch Paulus davon. Und er verfasste eine Art Gegendarstellung.

Er fängt an, um seine Gemeinde zu kämpfen. In einem Brief, dem 1. Korintherbrief, erklärt er ausführlich seine Botschaft und beantwortet die Fragen aus Korinth, um die Menschen wieder für die rechte Lehre zurückzugewinnen. Außerdem schickt er seine Mitarbeiter nach Korinth, zuerst Timotheus, dann Titus, damit sie Kontakt halten und nach dem Rechten sehen. Doch all dies nützt nichts. Der Konflikt spitzt sich zu. Als Paulus selber nach Korinth reist, sieht er sich schweren Vorwürfen ausgesetzt: Er habe die Kollekte für Jerusalem unterschlagen. Er sei gar kein richtiger Apostel, weil seine Rede so wenig geistgewirkt sei.

Paulus ist zutiefst verletzt. Es geht ihm an die Substanz. Er reist ab. Aber er kann und will die Gemeinde nicht aufgeben. So schreibt er einen weiteren Brief: Hören wir aus dem 2. Korintherbrief:

[TEXT]

Paulus ist es, darüber werden Sie vielleicht staunen, mit seinem sehr persönlichen Brief, den sein Mitarbeiter Titus überbracht hat, gelungen, die Gemeinde zurückzugewinnen. Sie wurden wieder treue Anhänger des Evangeliums, so wie Paulus es lebte und predigte. Ja, die Gemeinde in Korinth wurde sogar ein Zentrum kirchlicher Rechtgläubigkeit.

Eigenartig, werden Sie denken. Der Brief hört sich doch wenig attraktiv an. Er klingt eher so, als werde hier etwas gefordert, was kein Mensch wirklich erfüllen kann. Lauterkeit, Langmut zum Beispiel. Aber es geht dem Apostel nicht um sich selbst. Seine eigene Person wäre ihm egal gewesen. Es geht ihm um das, was ihm von Gott anvertraut worden ist: um das Evangelium. So bleibt er ehrlich: gegenüber seiner Gemeinde, gegenüber seinen Widersachern, ja auch sich selbst gegenüber. Ihm ist bewusst, dass er, so viel er sich auch bemüht, nicht überall gut ankommt, er kennt nicht nur die Sonnen- sondern auch die Schattenseiten seines Lebens und er ist mutig genug, sie auch offen zu benennen.

Paulus hatte es damals nicht einfach, sich als Christ in einer heidnischen Umwelt zu bekennen. Dieses Bekenntnis zum auferstandenen Herrn Jesus Christus bewahrte ihn auch nicht vor mancher Not und Verfolgung, die er dann durchzustehen hatte. Ein wenig kommt davon im Predigttext zur Sprache. "in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, 5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen. als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet.

In der "Volxbibel", einer ganz neuen jugendgerechten Übersetzung , heißt es an der Stelle von den Leuten, die in "Gottes Team spielen": Man hat uns schon verprügelt und in den Knast geworfen, wir haben malocht bis zum Umfallen, nächtelang nicht gepennt und nix gegessen, trotzdem haben wir immer durchgezogen".

Im Deutschland des Jahres 2006 ist es nicht mehr gefährlich, sein Christsein auch öffentlich zu bekennen. Doch es gibt gerade hier im östlichen Teil Deutschlands immer noch Menschen, die sich schwer damit tun, wo es ihnen vielleicht sogar peinlich ist, im Kreis von Freunden oder am Arbeitsplatz zu sagen, dass sie Christen sind und wie wichtig ihnen ihr Glaube ist. Auch hier kann man von Paulus lernen: er erzählt von seiner persönlichen Situation und gibt auch über seinen Glauben Auskunft. "in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, 7 in dem Wort der Wahrheit. Neudeutsch: "Wir haben die Sache mit Jesus wirklich verstanden, waren nett zu allen Leuten, haben die Menschen auch echt geliebt, wir waren geduldig und immer gut drauf. Und das ging nur, weil Gottes Kraft, seine echte Liebe in uns gewirkt hat. Wir haben nichts als die Wahrheit gepredigt und Gottes Power war immer voll dabei."

Vielleicht ist es das, was die Korinther wieder zu ihrem alten Lehrer zurückbrachte: die Direktheit, die Ehrlichkeit, mit der er die schönen und die unschönen Seiten des Christseins anspricht. 8 in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig. "Wir ziehen unser Ding durch, egal, ob Leute uns toll oder peinlich finden, ob man uns lobt oder Witze über uns macht."

Das ist nicht immer leicht. Aber Paulus macht deutlich, dass wir trotz aller Fehler Gott so wichtig sind, dass er uns in allen Höhen und Tiefen unseres Lebens begleiten, behüten und tragen will. Diese Liebe und Zuwendung Gottes ist sichtbar geworden durch die Geburt Jesu Christi. Damit hat Gott uns aus Gnade ein Angebot gemacht, das unser Leben verändert. Deshalb kann Paulus der korinthischen Gemeinde auch zurufen: »Empfangt die Gnade Gottes nicht vergeblich«.

Wir werden verwundet an Leib und Seele. Wir werden krank, manchmal todkrank. Wir verlieren geliebte Menschen. Uns werden Lasten auferlegt, die wir manchmal kaum tragen können. Manches, was uns widerfährt, ist nur noch zu erdulden. Manches stürzt uns in tiefe Verzweiflung. Manches bringt uns an den Rand des Abgrunds. Warum gerade ich?", diese Frage drängt sich dann auf. Oft stellen mir Menschen solche Fragen, wenn sie nicht begreifen können, dass sie als gläubige Christen von einem Verlust ganz hart getroffen wurden. Der Sohn ist tödlich verunglückt, der Arbeitsplatz verloren gegangen, die eigene Gesundheit brüchig geworden.

Vielleicht hatten Sie die Hoffnung, dass die Stimme des Evangeliums sagen würde: Vor diesem allem wirst du bewahrt. Das sagt sie aber nicht. Sie sagt: In allem wirst du bewahrt. Mitten im Leid ist einer bei dir.

Weil Jesus das Leid und die Not am eigenen Leib erfahren hat, sind wir mit unseren Sorgen und Nöten nicht allein. Jesus konnte das aber alles nur durchleiden, weil er Gott an seiner Seite wusste. Und so ist Jesus auch bei uns, wenn es uns schlecht geht; er hilft und stärkt uns wie ein Freund und Bruder. Die entscheidende Hoffnung wird aber für Paulus im Auferweckungshandeln Gottes deutlich, durch das das Leiden endgültig überwunden ist. Diese Zuversicht und Hoffnung gibt ihm die Kraft, alle traurigen Momente auszuhalten und zu überwinden. Paulus schöpfte daraus seine Hoffnung – und wir können dies auch tun.

Denn das einzige, was bei Gott zählt, lässt sich mit fünf Buchstaben beschreiben: Liebe. Und zwar nicht unsere Liebe, sondern die, mit der wir geliebt sind und die uns durch Jesus Christus vermittelt wurde. Und die nicht davon abhängt, was oder wer wir sind.

Paulus möchte, dass seine Gemeinde diese bedingungslose Liebe annimmt, und zwar an Ort und Stelle und jetzt und gleich und jeden Tag neu. "Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!" Ganz gleich woher du kommst, ganz egal wer du bist, sie ist da, mit Händen und Herz zu greifen. Heute, jetzt, hier. Das zählt. Mehr nicht. Vor Gott muss ich nichts beweisen, ihm muss ich nichts vormachen. Bei Gott bin ich schon unendlich viel wert, nämlich ein ganzes Menschenleben, das am Kreuz hing und am dritten Tage aus dem Tod geholt wurde. Verplempern wir also nicht zu viel Zeit unseres Lebens damit, vor den Menschen mehr zu scheinen als wir sind. Seien wir für sie lieber mehr, als wir scheinen. "als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben" oder, wie es junge Leute in ihrer krassen Sprache sagen: Wr haben keine Kohle und machen trotzdem andere Menschen oberreich – wir besitzen nix und trotzdem gehört uns irgendwie alles."

drucken