Gut aussehen und gut da stehen: Am Kreuz Jesu

<i>[Anmerkung: Teile der Predigt sind entommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de" target="_blank">e-pistel</a>]</i>

Liebe Gemeinde!

Gut aussehen und gut dastehen – wer möchte das nicht! Die Großen in Politik und Show machen es uns ja vor, heißen sie nun Arnold Schwarzenegger oder Franz Beckenbauer, Helmut Kohl oder Gerhard Schröder. Heidi Klum macht es in einer Fernsehshow, Thomas Gottschalk immer samstags und irgendwie wir alle jederzeit: gut aussehen und gut dastehen. Die einen tun dies, weil sie berühmt wollen werden, die anderen, um Macht zu haben. Diese verdienen damit Geld und jene wollen im Geschichtsbuch landen. In einer Welt, die vor Medienpräsenz nur so strotzt und in der es – Paparazzi sei Dank – so gut wie kein Privatleben für Personen gibt, die in der Öffentlichkeit stehen, ist das nur zu verständlich. Schließlich hängt mein Ansehen davon ab, was die anderen über mich denken und was sie von mir halten. Wer da nicht glänzen kann, gerät entweder in die Mühlen schlechter Publicity oder schnell in Vergessenheit, was noch schlimmer ist. Vieles, was uns da unter den Rubriken "Panorama" oder "Boulevard" vermittelt wird, ist Schauspielerei hoch drei, aber es gibt wohl nur wenige, die von dem, was über sie geschrieben und geredet wird, ganz unabhängig sind. Und wenn wir ganz ehrlich sind, geht es uns "Normalen" doch ebenso. Freilich in abgespeckter Version, aber wer kann schon von sich behaupten, nichts dafür zu geben, was die anderen von einem halten?! Unser Selbstwertgefühl hängt eben auch von der gefühlten Wertschätzung unserer Mitmenschen ab und die steigt und fällt heutzutage bekanntlich mit unserem Image. Also heißt es: aufpolieren, koste es, was es wolle.

Gut aussehen und gut dastehen. Darum geht es auch in der Kirche. Sie hat Angst vor der Ohnmacht. So zählen wir in der Kirche die Menschen und merken, es werden weniger. So zählen wir in der Kirche die Einkünfte und fürchten, es wird knapper. Wir halten in der Kirche das Ohr am Puls der Zeit und erfahren, die Kirche hat eine schlechte Presse. Abnehmendes Gewicht, schwindende Bedeutung, es sieht aus nach Abstieg, wenn nicht nach freiem Fall in die Randexistenz. Ohnmacht als schmerzlich erlittenes oder doch als gefürchtetes Schicksal. So etwa präsentiert sich eine breite Seelenlandschaft in der Kirche.

Und darum zählen wir fortwährend – Menschen und Gelder. Darum lassen wir in unserer Kirche alle zehn Jahre eine Meinungsumfrage auf die andere folgen, ängstlich bemüht, den Zug der Zeit nicht zu verpassen und den Leuten nicht bloß aufs Maul, sondern ins Herz zu schauen, um ihre Bedürfnisse und Wünsche zu ergründen und diese dann mit mehr Aufwand, mehr Entgegenkommen und mehr Professionalität zu befriedigen.

Als Paulus seinen Brief an die Korinther schreibt, hat auch er ein Imageproblem. In der Gemeinde gab es Tumult, denn einige hatten eine Anti-Paulus-Kampagne gestartet. Seine Publicity ließ zu Wünschen übrig. Gerüchte kursierten, er ließe sich von seinen Schützlingen im Glauben aushalten, er sei gar kein richtiger Apostel und überhaupt vertrete er eine falsche Theologie. Hätte es damals schon Boulevardmagazine gegeben, die Klatschspalten wären voll gewesen. Nun war die Kommunikation damals zwar etwas langsamer, aber nicht unbedingt schlechter und so erfuhr auch Paulus davon. Und er verfasste eine Art Gegendarstellung. Nun würde man erwarten, dass er sich über alle Maße lobt, seine Leistungen hervorhebt und alles das rauskehrt, was Eindruck macht. Teilweise tut er das auch, freilich nur, um die Lächerlichkeit solchen Rühmens deutlich zu machen. Doch hören wir den Apostel selbst:

[TEXT]

Der Apostel Paulus möchte uns anleiten, von der Ohnmacht her zu denken und aus der Schwachheit heraus zu leben. Das ist sicher nicht leicht und nicht einmal leicht zu verstehen. Vor allem dann nicht, wenn uns eine Mentalität beherrscht, die Macht und Bedeutungsgewinn für wünschens- und lebenswert hält, Machtverlust hingegen stets für deprimierend und alarmierend.

Der Apostel möchte uns ermutigen, uns als einzelne wie als Kirche zu orientieren an Jesus, der die Ohnmächtigen, die Mühlseigen, die Beladenen, die Armen selig preist.

Und ich erinnere an die Ausführungen des Apostels, die unserem Predigttext vorangehen, in denen er sagt: Der Glaube sieht in den ausgebreiteten Armen des gekreuzigten Christus die ausgebreiteten Arme Gottes, mit denen dieser die Welt umfasst und voraussetzungslos allen Menschen die Versöhnung anbietet: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“

Marie Luise Kaschnitz hat all dies in dem folgenden Gedicht festgehalten:

Jesus, wer soll das sein?

Ein Galiläer

Ein armer Mann

Aufsässig

Eine Großmacht

Und eine Ohnmacht

Immer

Heute noch.

Wir können noch so viel über die Verbesserung des Images unserer Kirche nachdenken, noch so sehr die Attraktivität erhöhen, die Angebote zu verbessern suchen, es wird trotzdem höchst zweifelhaft bleiben, ob die Kirche dadurch einladender und für die Menschen wichtiger werden kann. Die Frage ist, ob wir zu beherzigen und zu leben vermögen, dass die Vollmacht Christi nicht anders als in äußerer Ohnmacht in die Welt kommt und dass wir Christen als Mitarbeiter (Vers 1) und Diener Gottes (Vers 4) der Welt genau diese Ohnmacht schuldig sind.

So sind wir als Einzelne und als Kirche gefragt, ob wir die Botschaft der Versöhnung am Kreuz zu unserer Sache machen und mittragen. Damals hat Paulus keinen Ruhm und keine Anerkennung geerntet. Für die Heiden ist er ein Unruhestifter und für die christliche Gemeinde in Korinth eine eher ärgerliche Erscheinung gewesen. Ein Mensch mit einer so schäbigen Botschaft wie der Botschaft vom Kreuz. hatte man in Korinth schlicht beiseite geschoben. Man hatte besseres zu bieten: Highlights am laufenden Band – und hat das eigentliche Highlight schlechthin vergessen: Gottes Liebe, die sogar ans Kreuz geht.

Paulus möchte, dass seine Gemeinde diese bedingungslose Liebe annimmt, und zwar an Ort und Stelle und jetzt und gleich und jeden Tag neu. "Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!" Ganz gleich woher du kommst, ganz egal wer du bist, sie ist da, mit Händen und Herz zu greifen. Das zählt. Mehr nicht. Vor Gott muss ich nichts beweisen, ihm muss ich nichts vormachen. Bei Gott bin ich schon unendlich viel wert, nämlich ein ganzes Menschenleben, das am Kreuz hing und am dritten Tage aus dem Tod geholt wurde. Gut aussehen und gut dastehen, können wir als Einzelne und als Kirche, wo wir nicht mehr damit unsere Zeit verplempern, vor den Menschen mehr zu scheinen als wir sind. Gut aussehen und gut dastehen, können wir als Einzelne und als Kirche vielmehr , wo wir die Wahrheit bezeugen:

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not, sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot, stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod und vergibt ihnen beiden. (Dietrich Bonhoeffer)

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