Reich aber unglücklich

Liebe Gemeinde,

die Passionszeit oder Fastenzeit hat begonnen. In 7 Wochen bereiten wir uns auf Ostern vor. Wir nehmen mit offenen Augen und Herzen wahr, wie Jesus gelitten hat, um uns von allem Leid zu erlösen. Und wir nehmen wahr, wie heute Menschen leiden, bei uns, in der dritten Welt, unsere nächsten Freunde und Angehörigen. Wir nehmen unsere eigenen Leiden wahr, unsere Verletzungen, Wunden und Narben. Wir bringen sie in das heilsame, göttliche Licht, indem wir miteinander Gottesdienst feiern. Indem wir einen Raum für das Leiden haben – kann es heilen. Passionszeit heißt: wir setzen uns dem Leiden aus – damit die Erlösung unter uns wirken kann.

Unser Predigttext für den ersten Sonntag der Passionszeit steht im 2. Korintherbrief des Apostels Paulus Kapitel 6,1-10.

[TEXT]

Paulus sagt der christlichen Gemeinde, die er selbst gegründet hat, und die nun in seiner Abwesenheit von Irrlehrern bedroht ist: nutzt die große Gelegenheit. Jetzt ist die Zeit der Gnade. Ihr habt sie erlebt, diese Gnade. Sie hat euer Leben heilsam verändert. Sie hat eure Schmerzen geheilt. Sie hat euch eine Mission gegeben, eine Sendung, einen Sinn des Lebens, den die vergehende Zeit nicht vernichten kann. Ihr habt eine neue, lebendige Gemeinschaft kennengelernt. Ihr seid mitten dabei, wie eine neue Zeit entsteht. Euer Leben ist alles andere als langweilig.

Natürlich gibt es auch Nachteile, wenn man sich so auf den Glauben einlässt. Es gibt eine Menge Leute, die das nicht verstehen. Und wenn man stärker anfängt, sich an moralische Regeln zu halten, dann hat man zunächst erst mal manchmal Nachteile davon. Aber die Gotteskraft, die in euch wirkt, die ist das wert. Deshalb: werdet nicht lasch. Lasst euch nicht abhalten. Achtet darauf, dass ihr diese große Gnade nicht vergeblich empfangen habt.

Manchmal ist nicht direkt zu sehen, wie reich wir sind. Wir als Christinnen und Christen werden manchmal für Loser gehalten. Denn wir kümmern uns im tiefsten Inneren um etwas anderes und wichtigeres als um beruflichen und wirtschaftlichen Erfolg. Wir gelten als die Armen und können doch viele reich machen. Der tiefe Sinn, der in uns wirksam ist, der kann auch andere Menschen erfassen. Und das ist dann wirklicher Reichtum. Ein Reichtum, der nicht vor Augen, aber im Herzen ist. Schätze, die nicht rosten. Ein Schatz im Himmel. Die eine kostbare Perle, für die sich alles zu verkaufen lohnt.

Liebe Gemeinde, als ich diesen Predigttext mit meiner Frau besprochen habe, fielen mir 2 gegensätzliche Personen ein.

Auf der einen Seite gibt es eine Frau hier bei uns in Deutschland. Sie ist beruflich und wirtschaftlich sehr erfolgreich. Mit ihrer Familie ist sie glücklich. Sie hat ein wunderschönes Anwesen in den Bergen. Und doch ist sie unzufrieden. Früheste Verletzungen aus ihrer Kindheit nagen an ihr. Und sie sagt: Ich würde alles dafür geben, wenn ich die Liebe Gottes tief in meinem Herzen spüren würde. Ihr Geld, um das sie sich Sorgen macht, ist dabei hinderlich. Sie ist religiös auf der Suche, aber sie will sich nicht festlegen. Sie interessiert sich für indianische Tänze und afrikanisches Trommeln. Ich wünsche dieser Person von ganzem Herzen, dass sie nicht die großen mystischen Erfahrungen sucht, sondern sich einfach richtig auf den christlichen Glauben einlässt. Das kann Jahre dauern. Das gebe ich zu. Die mystische Erfahrung, dass ich die Liebe Gottes tief in meinem Herzen spüre, die kann dann kommen, wenn ich mich bescheide, wenn ich mich entscheide, wenn ich mich Gott hingebe und alles eigene verbissene Suchen loslasse, wenn ich mich annehmen lasse als ein Kind, als ein geliebtes Kind Gottes. Die Wahrheit ist so einfach. Leider zu einfach für manche großen Sucher.

Die andere Person, an die ich denken musste beim Lesen dieses Predigttextes ist eine junge chinesische Frau. Im Fernsehen kam eine Serie mit Filmen der unabhängigen, vom Staat verfolgten evangelischen Christen in China. Ich habe sie mir mit meiner Frau angesehen, weil ich neugierig war auf diese fremde Welt. Es war sehr fremdartig für unsere Wahrnehmung. Aber es wurde deutlich, mit welcher Leidenschaft und Überzeugungskraft dort Christinnen und Christen ihren Glauben leben. Sie gehen mutig ins Gefängnis. Staatliche Verfolgung macht sie nur erfolgreicher. Sie reden davon, dass schon 70 Millionen Christen sind. Ein Film dieser vierteiligen Serie stellte nun die junge Frau Xin Lin dar. Sie sollte als drittes Kind und Mädchen eigentlich weggegeben werden, aber weil zufällig das Wetter so schlecht war, blieb sie in ihrer bäuerlichen Familie irgendwo in der Provinz. Ihre Eltern, die auch interviewt wurden, wirkten sehr bäuerlich und stoffelig. Sie lebte sehr still und zurückgezogen und war oft alleine in der Natur. Bis sie heimlich zu einer Versammlung der Christen ging und dort ein Lied anstimmte. Sie konnte nicht lesen und schreiben und konnte keine Noten, aber von ihr stammen sehr viele Lieder des verbreiteten und erfolgreichen Liederbuchs „Lieder Kanaans“. Für meine Ohren klingen sie wie eine Mischung aus chinesischer Musik und der Musik, die in gefühlvollen westlichen Kreisen im 19. Jahrhundert üblich war, und die über Missionare nach China gekommen ist. Die Texte sind voller wunderbarer Naturbilder. Ihre Lieder sind so erfolgreich, dass sie sogar in der staatlich anerkannten Kirche gesungen werden. Inzwischen ist Xin Lin verheiratet und hat Kinder, aber sie zieht immer noch als Missionarin durch China. Es fällt ihr schwer, sich von ihren Kindern für die Reise zu trennen, aber sie hat einen Auftrag, eine Mission, eine Sendung, einen Sinn, den die vergehende Zeit nicht vernichten kann. Einmal kam sie ins Gefängnis. Dort fing sie an zu singen und beeindruckte die Mitgefangenen sehr. Sie hat einen kleinen Kassettenrekorder und wenn ihr neue Lieder einfallen, dann singt sie sie darauf. Andere schreiben sie auf, komponieren einen Satz und spielen sie ein.

2 Leben. In dem einen wird sichtbar, wie sehr trotz aller Verfolgung die Gnade sehr wirksam ist. Und im andern wird sichtbar, wie sehr wir diese Gnade brauchen. Gerade wir hier in Deutschland. Unser Glaube ist alt geworden. Wir haben uns an ihn gewöhnt und sind nicht mehr so begeistert wie die Christinnen und Christen in China. Denn für sie ist der Glaube neu und jung. Wir spüren die heilsame Gnade nicht mehr so unmittelbar. Wir stehen in der Gefahr unseren Glauben als selbstverständlich zu nehmen. Aber er ist immer weniger selbstverständlich. Heute müssen auch wir etwas tun, damit wir die Gnade nicht vergeblich empfangen haben, hier in diesem Land, das seit circa 1200 Jahren christlich ist.

Uns ist ein kostbarer Schatz gegeben. Auch bei uns wirkt die Gnade Gottes. Wir können uns immer wieder neu für sie öffnen. Zum Beispiel indem wir uns der Musik öffnen. Ich freue mich, dass wir in jedem Gottesdienst singen. Singen öffnet die Herzen. Wir nähern uns den Texten, indem wir singend wiederholen. Wir öffnen uns unseren tiefgehenden Gefühlen. Wir öffnen uns dem, wovon wir singen. Wir öffnen uns dem göttlichen Trost und der heilsamen göttlichen Gnade, die Generationen vor uns erlebt und besungen haben.

Lassen Sie uns hier in Deutschland, wo wir alle zum Jammern neigen, ein anderes Lied singen. Lassen Sie uns singen: Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade. Siehe, jetzt ist der Tag des Heils.

Doch, es gibt auch Elend zu bejammern. Das Elend besteht in diesem dumpfen und geistlosen Wohlstand, den man im Nachmittagsfernsehen bewundern kann. Da hat man dann hervorragende Fernseher mit scharfem Bild und gutem Ton und kann die billigste Schadenfreude und erbärmliches Mobbing sehen. Was meine Tochter mir von Germanys next Top Model mit Heidi Klum erzählt, ist so richtig zum Schlechtwerden. Das ist Körperverletzung. Die Modelbewerberinnen machen einander öffentlich fertig. Sie reden hinterrücks übereinander schlecht. Und sie gehen alle mit lang anhaltenden seelischen Verletzungen daraus hervor.

Wieviel menschlicher und geistvoller leben verfolgte chinesische Christen im Vergleich zu uns mit unserem erbärmlichen Wohlstand. Wir sind reich aber unglücklich. Kaum jemand fühlt sich wohl in seiner oder ihrer Haut. Wir machen uns gegenseitig das Leben schwer.

Es wird Zeit für eine Wende. Es wird Zeit, dass wir uns der Gnade wieder öffnen. Es wird Zeit, dass von uns Christinnen und Christen eine neue Art, miteinander umzugehen, in diese Gesellschaft ausstrahlt.

Dazu helfe uns der Gott, der uns mit seiner Gnade erfüllt, der tief in unserem Inneren das Feuer seiner Liebe entzündet, der uns eine Sendung gibt, die die vergehende Zeit nicht vernichten kann.

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