Was für ein Urteil

Mit diesem Sonntag beginnt im Pfarrsprengel Gutengermendorf die kreiskirchliche Visitation. Eine Besuchswoche, die bei manchen Unsicherheit auslöst, die für viele Arbeit bedeutet, auf die sich auch einige freuen, die aber nur ein Ziel hat: in der Begegnung einander wahrzunehmen, zu ermutigen und zu stärken.

Mitglieder des Kreiskirchenrates werden Gottesdienste halten, am Konfirmandenunterricht teilnehmen, Kirchenälteste besuchen, Weltgebetstag feiern und Gespräche führen. Am Ende werden wir festhalten, was wir erlebt und wahrgenommen haben, wo wir Freude und Beschwernis wahrgenommen haben und wir werden gemeinsam überlegen, was den Gemeinden im Pfarrsprengel für die nächste Zeit gut tut.

„Zu Besuch bei Freunden“ – das ist das Motto der diesjährigen Fussballweltmeisterschaft im Sommer in Deutschland.

„Zu Besuch bei Freunden und Geschwistern“ – nichts anderes will und kann so eine Visitation sein.

Und nun dieser Predigttext!

Die Visitation hat noch gar nicht begonnen, da ergeht schon ein solch haariger, herber Visitationsbescheid: Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Tu weg das Geplärr deiner Lieder, denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören.“

Und das hier und an diesem Sonntag und als biblische Zumutung dieser Gemeinde.

In allen Orten werden hier  so treu und regelmäßig Gottesdienste gefeiert, wie an kaum einer anderen Stelle und hier sind mit großer Liebe und Sorgfalt zu aller erst die Kirchen in den letzten Jahren wiederhergerichtet worden. In ihnen erklingen die alten Lieder des Gotteslobes und freuen sich Menschen an der Gemeinschaft. Wie sehr hoffen sie und wir oft, dass es noch mehr Menschen werden, die sich eingeladen fühlen, mit ihren Sorgen und Freuden zu kommen, um sie hier zu lassen und gestärkt und ermutigt für den Alltag wieder umzukehren. Im Sommer sind manche Kirchen geöffnet für all die , die einen Ort der Stille und der Besinnung, ein Ort des Gebetes.

Wie groß ist die Freude, wenn zumindest an Festtagen oder wie heute jemand mitgekommen ist, der den Gesang der Gemeinde begleitet und unterstützt und mit einem fröhlichen oder nachdenklichen Musikstück zum Ausdruck bringt, was Worte nicht sagen können.

Beim besten Willen, den Schuh wollen und können wir uns nicht so schnell anziehen

Und Amos ist ja auch gar nicht Gast in unseren Gemeinden, hat von den Vorbereitungen, den guten Traditionen, den liebgewordenen Höhepunkten im Kirchenjahr, den besonderen Festen und Gottesdiensten in der Region nichts mitbekommen.

Was also soll seine harte Rede, seine böse Schelte dann als Predigttext, als Wort an die Gemeinden heute – und das von höchster Stelle?

Versetzen wir uns einmal in seine Zeit zurück.

Wir sind in Bethel im Nordreich des geteilten Israel.

Tagelang schon pilgerten die Menschen in das Heiligtum, um Gott ihre Opfer darzubringen. Von der Wiederkehr des Religiösen musste man damals nicht reden, es war allgegenwärtig.

Manche hatten sich ihre Opfergabe vom Munde abgespart, eine Taube, eine Erntegabe, eine Frucht von den Bäumen. Sie wollten Gott etwas von seinem Gut, das ihnen geschenkt war, zurückgeben. Sie brachten ihre Opfer, Dankopfer und Brandopfer dem Priester, Musik von Harfen und Leiern sorgte für eine besondere Atmosphäre und alle hofften, dass der Priester ihnen Gutes, Heilvolles sagte und mit auf den Weg gab. Den einzelnen Menschen, den frommen Seelen, den Pilgern und Ratsuchenden war nichts vorzuwerfen.

Es war die Gesamtsituation einer Gesellschaft, in der Recht und Gerechtigkeit keine Rolle mehr spielte, in der Arme und Benachteiligte ganz an den Rand gedrängt wurden, in der die Schwachen überhaupt keine Fürsprecher mehr hatten und die politische Elite die Kraft und Entschlossenheit vermissen ließ, daran etwas zu ändern. Aber von all dem unberührt ging der geschäftige und rührige, alle immer beruhigende Betrieb im Heiligtum weiter. Die Menschen bekamen zu hören, was sie hören wollten. Alles ist gut. Alles wird gut. Denn Gott ist mit dir, Gott ist mit euch.

Nur einer hält diese Selbsttäuschung und Selbstberuhigung nicht mehr aus: Amos.

Er steht auf und statt der salbungsvollen heilversprechenden Worte des Priesters ertönt mit einem Mal: „Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag eure fetten  Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr eurer Lieder. Denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören.“

Sicher hat das schon damals gestört und den alten Widerspruch offen an das Licht gebracht, der zwischen Wort und Tat, zwischen Gottesdienst und Leben liegt.

Wer könnte von sich schon sagen, dass er nicht selbst diesen Widerspruch zwischen Alltag und Sonntag wahrgenommen und darunter gelitten hat.

Oder wer müsste nicht in einem Augenblick der Offenheit und Ehrlichkeit zugeben, dass es nicht so gelingt für Gott und für den Nächsten zu leben, wie wir es gerne hätten oder wie die Welt es erwartet.

Aber damit unsere Gottesdienste, unser Bemühen, unsere Lieder, unsere Sehnsucht, unsere ernst gemeinten Bemühungen um Menschlichkeit in den Partnerbeziehungen nach Afrika und Rumänien, in der Obdachlosenarbeit, in der diakonischen Arbeit einfach vom Tisch wischen – das lassen wir uns nicht gefallen.

Müssen wir uns denn ein so hartes – und das macht den Unterschied zu jedem Visitationsbescheid aus – ein so hartes Gotteswort gefallen lassen?

Ich möchte Amos harte Rede gerne als konstruktive, also weiterführende Kritik verstehen.

Selbstverständlich sollen wir nicht aufhören Gottesdienste zu feiern – obwohl diese Überlegungen ja nicht neu wären (lohnt es sich denn in so kleinen Gruppen, an so vielen Orten mit so vielen Kirchen, die alle unterhalten werden wollen … ?).

Wir sollten uns aber nicht mit Gottesdiensten zufriedengeben, die ihre kritische Funktion verloren haben.

Gottesdienste sind nicht Selbstzweck und keine reinen Wohlfühlveranstaltungen, sondern sie haben die unverzichtbare Aufgabe, Gott zu loben, zur Sprache und sein klärendes, zurechtweisenden, wegweisendes Wort unter die Menschen zu bringen. Das kann auch schmerzhaft sein, das kann Salz in offenen Wunden sein, das ist wie Sauerteig, der alles langsam durchdringt. Gott spricht Klartext, so wie durch Amos.

Da wo sich die Botschaften reduzieren auf ein beliebiges „ich bin o.k. – du bist o.k.“ da ist etwas nicht in Ordnung!

Da wo sich die Verkündigung des Gottesvolkes auf reine Innerlichkeit beschränkt, sich mit dem Seelenheil zufrieden gibt, obwohl der Leib und die Gemeinschaft leiden, da blenden wir einen Großteil der Weltzugewandheit Gottes aus. Gott kennt keine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat. Sein Volk ist sein Volk in allen Lagen und allen Situationen des Lebens.

Es muss sicher nicht immer so reichlich kommen wie in Visitationswochen, wo die Gemeinde nach allem, vor allem nach aller Zeit dieser Woche greift, aber Gott lässt sich nicht ausklammern aus dem Rest meines Lebens und aus der Welt außerhalb unserer Kirchen.

An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.

Deshalb ist Amos Botschaft schwer anzuhören, irritierend,  ruft in uns Widerspruch hervor, aber wohl gerade deshalb, weil wir spüren, dass er recht hat.

Gott will, dass das Recht wie Wasser ströme und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Nicht immer liegt auf der Hand, wie Recht und Gerechtigkeit zu erreichen sind, aber sie lassen sich nicht ausklammern aus unserem Glauben, aus unserem Leben, aus der Wirklichkeit.

Um den richtigen Weg, um die richtigen Antworten auf die Fragen nach Gerechtigkeit in unserer Zeit werden auch Christenmenschen ringen und streiten.

Aber sie sollten es in der Weise tun, das erkennbar wird, was  D.Bonhoeffer dessen 100.Geburtstag wir gerade gefeiert haben, so beschrieben hat:

Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun. …

Der Tag wird kommen, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert oder erneuert.

So können, ja müssen wir Gottesdienst feiern, Gott loben mit Liedern, Gebeten und Taten.

Und so brauchen wir auch das harte Urteil, die barsche Kritik des Propheten Amos nicht zu fürchten.

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