Von Gottes Wort strömt Liebe aus

Liebe Gemeinde!

Darf ich Ihnen einen jungen Mann vorstellen? Der Mann heißt Amos. Man sieht es ihm nicht an, aber er ist schon sehr alt. Er lebte vor gut 2800 Jahren. Er stammt aus Tekoa, einem kleinen Ort am Rand der Wüste Juda im heutigen Israel. Er war, wie er selbst erzählt früher ein Schafhirte und züchtete Maulbeerfeigen. Dieses wüste Leben beendete er, nachdem Gott ihm in verschiedenen Visionen erschienen war. Was kam, war nicht weniger wüst, denn Amos hatte die unangenehme Aufgabe seinem Volk Gottes Zorn und Gericht zu verkünden. So wurde er Gottes Prophet. Und er ist der erste Prophet, der seine Visionen aufschrieb und dessen Worte von anderen dann schriftlich festgehalten wurden.

Gott ist, wie wir durch Amos gleich hören werden, stinksauer. Er sieht den protzenden Reichtum vieler Menschen seines Volkes auf der einen Seite, und die bittere Armut vieler anderer Menschen auf der anderen Seite. Wie sich doch die Bilder der Welt über die Jahrhunderte, sogar Jahrtausende gleichen! Sagte ich Amos sei sehr alt? Stimmt, aber seine Worte sind jung und aktuell. Gerade mit dieser Anlage würde er auch heute vor uns stehen und uns fragen, ob wir die Not im eigenen Land, vielmehr aber noch in ärmsten Ländern der Welt nicht wahrnehmen wollen? Das, was Amos noch zu sagen und zu klagen hat, was wir gleich hören werden, steht damit in engen Zusammenhang, geht aber noch in eine andere Richtung. Nun gebe ich Amos selbst das Wort:

[TEXT]

Gott stinkt da etwas ganz gehörig. Das, was wir bei unseren Versammlungen tun, mag er nicht riechen, er mag es nicht ansehen und nicht hören. Er wendet sich ab mit Grausen. Er verschließt davor seine Nase, seine Augen und seine Ohren. Aber nicht seinen Mund. Amos ist sein Mund. Und der lässt sich den Mund deshalb auch nicht verbieten und klagt laut und deutlich.

Mag Gott auch unsere Gottesdienste nicht mehr? Da haben wir eine so schöne neue Orgel und sollen uns Geplärr vorwerfen lassen? Und Versammlungen mit Brandopfern halten wir schon lange nicht mehr, oder meint er das Biikebrennen?

Nein. Das ist so eine Stelle, wo wir spüren, dass uns der Atem einer lang zurück liegenden Zeit und Kultur anhaucht. Es gibt in unseren Gottesdiensten keine Schlacht- und Brandopfer mehr. Diese dienten dem Volk Israel dazu, Gottes Zorn zu besänftigen. Das ganze verkam zu einem Geschäft. Nach der Art und Weise: ich darf machen was ich will und kaufe mich hinterher frei. Doch diese gesamte Geschäftsmentalität seines Volkes stört Gott, die nimmt er nicht mehr hin. Erst bereichern sie sich durch Geschäfte, unterdrücken dabei die Armen und lassen sie in ihrer Armut krepieren, und nun wollen sie auch noch die Beziehung zu Gott auf Geschäftsniveau herabwürdigen. Als würden sie sagen: „Der Alte ist zufrieden und meckert nicht, wenn wir ihm ein paar Schafe schlachten.“ Das klingt nach billigem Handel, riecht nach Korruption, das Ganze stinkt zum Himmel. Wir entdecken darin auch den Ansatzpunkt der Kritik der Reformation, die im Ablasshandel eine ähnliche Praktik entdeckte und aufdeckte. Wer so Gottesdienst betreibt, der ist Gott gerade dann am weitesten entfernt, wenn er doch meint ihm am nächsten zu sein. Das deutsche Wort dafür ist Scheinheiligkeit. Und diese Scheinheiligkeit prangert Amos an.

Ist Scheinheiligkeit eine Kritik, die wir uns sagen lassen müssen? Ich weiß, dass unsere Kirche nicht frei von Schuld und Versäumnissen ist, und ich weiß, dass ich selbst nicht frei von Schuld und Versäumnissen bin. Aber sind wir, die wir alle zusammen Kirche sind, deshalb scheinheilig? Ich möchte Euch von einem Gespräch erzählen, dass ich diese Woche mit Herrn A. hatte. Ich könnte auch Frau B. oder Ehepaar C. sagen, denn ich habe dieses Gespräch schon manchmal geführt.

Wie beinahe immer wenn ich irgendwo zu Besuch bin, kommt das Gespräch irgendwann darauf, dass mein Gegenüber – wahrscheinlich im Gefühl mir gegenüber in der Schuld zu stehen – sagt:“ Na, zur Kirche gehe ich nicht so oft. Aber trotzdem. Herr Pastor, glaube ich an Gott – irgendwie. Ich finde, man kann auch Christ sein, ohne in die Kirche zu gehen. Ich versuche, wo ich kann zu helfen. Und, Herr Pastor, das bin ich doch besser als die, die in die Kirche rennen und ganz heilig tun, aber eigentlich im Alltag überhaupt nicht danach handeln.“ Da war er und da ist er: der Vorwurf der Scheinheiligkeit – ich höre ihn manchmal. Der Vorwurf stinkt mir, gerade natürlich wenn er von jemandem kommt, der eben nie in der Kirche zu sehen ist. Das habe ich aber nicht so deutlich wie Amos gesagt. Ich habe aber darauf hingewiesen, dass ich von niemandem in meiner Gottesdienstgemeinde sagen würde, dass er mir als scheinheilig erscheine.

Der Kirchgang hat in Nordfriesland ein trauriges Ansehen: Wer zum Gottesdienst geht, gilt als scheinheilig, als jemand, der wohl ein Problem hat, als jemand, der irgendwie eigenartig ist.

Das finde ich wirklich traurig, das tut mir weh. Das etwas, das so schön sein kann, dass von der Liebe, der Gnade Gottes und der Fülle und Freude des Lebens erfüllt sein soll, so schlecht betrachtet wird, tut mir in der Seele weh. Denn auch die Menschen, die so skeptisch auf Gottesdienst und Kirche blicken, sind doch genauso auf der Suche nach Sinn und Erfüllung in ihrem Leben. Diese Fragen, die Glaubensfragen sind, stellen sich auch diesen Menschen, doch sie suchen den Ort nicht auf, wo sie Antworten finden könnten. Und deshalb mecker ich in solchen Gesprächen nicht, sondern werbe für den Gottesdienst. Das fällt nicht schwer: In der Kirche und im Gottesdienst finden Menschen seit Jahrhunderten Halt und Orientierung für ihr Leben. Sie finden einen Ort, wo sie ihre Lebensfragen stellen können. In der Kirche spielt sich das ganze Leben ab: Kirchen sind durchlebte Räume: von der Freude über die Geburt eines Kindes, so wie wir es heute hier erleben durften, über das Erwachsenwerden, das wir mit dem Fest der Konfirmation begleiten, hin zum Fest der Liebe, der Hochzeit bis hin zum traurigen Abschied im Tod, der uns aber im Glauben an das Ewige Leben Hoffnung gibt auf etwas, das uns nur der Glaube schenken kann. Und schnell sind die Kirchen gefüllt, wenn es Katastrophen zu beklagen gilt: mit einem Mal wird uns dann bewusst, dass es sonst keinen Ort gibt, wo wir miteinander unsere Sorgen teilen könne, wo wir sie hinlegen können, wo wir klagen können. „Kirchen sind durchbetete Räume“ , wie Bischöfin Käßmann sagt. Sie sind erfüllt von den Gebeten der Menschen, die hier in den Jahrhunderten zuvor gebetet haben – und noch viele nach uns werden hier zu Gott beten. Die Taufe, die Christus selbst eingesetzt hat, zeigt uns, dass wir in einem Band stehen, das bis sogar zu ihm selbst zurück reicht und direkt an ihn anknüpft. In den Gottesdiensten teilen wir das Leid, wir feiern gemeinsam unsere Freude, wir feiern und leben unseren christlichen Glauben. Ein Gottesdienst ist wie ein Brunnen, wie die Quelle des Glaubens, denn hier hören wir Gottes Wort. An diese Quelle pflanzen wir den Baum unseres Lebens, damit er Wurzeln darin schlagen kann. Im ersten Psalm heißt es deshalb: wer Freude an Gottes Wort hat, ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zur rechten Zeit. Besonders für Denise und Neele hoffen und beten wir heute, dass ihr Glaube Wurzeln schlage. Heute hat Gott mit der Taufe den Samen des Glaubens in ihr Leben hineingelegt. Der soll nun wachsen und Wurzeln treiben. Und diese Wurzeln sollen ihre Kraft aus der Quelle der Liebe Gottes ziehen. So wie es Neeles Taufspruch sagt: „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Gott ist die Liebe, und welche Kraft in der Liebe liegt haben wir heute im schönen Episteltext, dem Hohenlied der Liebe gehört. Unser Leben braucht diese Wurzeln, um Halt zu finden, und es braucht diese Quelle des Zuspruchs und der Liebe, um nicht zu verdorren. Doch wer glaubt, wer dieses Vertrauen zum Leben und zu Gott findet, dem erfüllt sich, was Denise Taufspruch als wunderbare Verheißung verspricht: „ „Wer festen Herzens ist, dem bewahrst du Frieden, denn er verlässt sich auf dich.“ In der Taufe, da wird diese Quelle sichtbar, da haben wir das Wasser und spürbar. Mit dem Wasser der Taufe verbindet Gott seine Liebe zu uns. Wir werden mit seiner Liebe übergossen und durch seine Liebe gereinigt. Der Predigttext hält dafür ein schönes Bild bereit, das daran anknüpft: Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Von Gottes Wort, das wir im Gottesdienst hören, strömt etwas aus. Die Liebe Gottes ist nicht starr, sie ist lebendig, sie ist eine Kraft, sie ist wie Strom, sie ist die Energie des Lebens; sie ist die wie ein Strom, der fließt, sie ist der Fluss des Lebens. Wer zum Gottesdienst kommt, lässt sich im wahrsten Sinn von Gottes Wort und Liebe beein-flussen. Gottes Wort strömt aus in unsre Herzen und in unser Leben, strömt aus in die Gemeinde und in die Welt. Denn wenn wir nachher die Tür nach dem Gottesdienst öffnen, dann ist das so, als würden wir eine Schleuse öffnen. Ihr tragt Gottes Wort mit hinaus. Sei es, dass ihr heute Taufe feiert, dass ihr anderen vom Gottesdienst erzählt, dass ihr das eine oder andere, was ihr heute gehört, gesehen, gebetet, gesungen oder gedacht habt, noch im Herzen bewegt. Wer die Möglichkeit wahr nimmt, häufiger zum Gottesdienst zu gehen, der wird feststellen, dass er und sein Leben sich verändern, dass er ruhiger und zufriedener wird, dass er in sich einen Strom der Liebe öffnet und entdeckt, der ihm tiefe innere Freude schenkt. Das ist eine Freude mit tiefen Wurzeln. Die sind so tief an der Quelle, dass auch die Stürme und Unglücke des Lebens ein solches Leben nicht entwurzeln. Von jedem Gottesdienst strömt etwas aus, geht Liebe aus. Liebe, die wir nach draußen tragen, verändert die Welt, hält den Wunsch nach Recht und Gerechtigkeit, nach Liebe und Frieden unter uns wach.

Am Anfang der Predigt ging es um Opfer, die Gottes Zorn beruhigen sollen. Das Lied, das wir gesungen haben sagt es passend: Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt, daraus ein schönes Brünnlein quillt die brüderliche Lieb genannt, daran ein Christ wird recht erkannt. Und P. Gerhard ergänzt, wir werden das noch singen: Lasset uns singen, dem Schöpfer bringen Güter und Gaben; was wir nur haben, alles sei Gotte zum Opfer gesetzt! Die besten Güter sind unsre Gemüter; dankbare Lieder sind Weihrauch und Widder, an welchen er sich am meisten ergötzt. Gott wird das nicht als Geplärr empfinden. In jedem Gottesdienst scheint das Heilige auf, aber scheinheilig ist es deshalb nicht.

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