Lebendiger und liebevoller

Ich möchte mit einer kleinen Geschichte beginnen:

Harald feierte Geburtstag. Er war 55 Jahre alt geworden, gut situiert, wie man so schön sagt, verheiratet mit Sybille seit wie vielen Jahren? Er hatte nach der Silberhochzeit einfach aufgehört zu zählen.

Wann das Geburtstagsdrama angefangen hatte, wusste Harald gar nicht mehr so genau. Es war irgendwann damals, als sie beide einsehen mussten, dass sie keine Kinder würden haben können. Es hatte keine großen Dramen und durchweinte Nächte gegeben, aber Sybille war stiller geworden, zog sich ein wenig von ihm zurück und fing mit diesem Geburtstagszeremoniell an, was Harald zuerst erstaunt, dann fasziniert und schließlich erschreckt und abgestoßen hatte.

An seinem Geburtstag weckte sie ihn eine halbe Stunde vor der üblichen Zeit. Sie stand dann immer gewaschen und angezogen an seinem Bett mit Festtagsmakeup im Gesicht und einer Torte mit immer unzähliger werdenden Kerzen in den Händen und strahlte ihn an. „Happy birthday to you“ sang sie dann oder besser: sie hauchte es, früher hatte es fast ein bisschen wie Marylin Monroe geklungen, aber das war mit den Jahren auch weniger geworden.

Auf dem Gabentisch lagen dann liebevoll verpackte Geschenke, unzählige Herzen hingen an Decken und Wänden, Luftballons und Luftschlangen in der ganzen Wohnung. Sie deckte den Frühstückstisch immer schon vorher, mit Brötchen und Lachs, Kaffeeduft in der ganzen Wohnung. Zum Kaffee lud sie jedes Mal ihrer beider Eltern ein, die mit den Jahren auch immer schwieriger und streitlustiger wurden. Und für den Abend bereitete sie ein Überraschungsprogramm vor: Kino, Musikal oder besondere Gäste.

„Und, Schatz? Freust du dich?“ fragte sie ihn jedes Mal mit großen, erwartungsvollen Augen. „Ja, gewiss doch, Liebes, ich danke dir.“ Er schaffte es einfach nicht, sie zu enttäuschen, obwohl ihn das alles von Jahr zu Jahr mehr befremdete.

An seinem 55. Geburtstag nun platzte ihm der Kragen. Wie jedes Jahr weckte sie ihn sehr früh und als sie ihm in ihrem neuen, tiefausgeschnittenen Monroekleid sein Geburtstagslied sang, musste er sich schon fast abwenden. Sein Geburtstagsgeschenk, Hemd und Kravatte, hatte sie passend zu ihrem neuen Kleid ausgesucht, was für eine hübsche Idee! Er fühlte in sich Grausamkeit aufsteigen.

Beim Frühstück stellte sie ihm das Programm seines „großen Tages“ vor. Harald stand kurz vor der Explosion, als die von ihm so gefürchtete Frage kam. „Und, Schatz? Freust du dich?“

„Nein, ich freu mich nicht,“ brach es schließlich aus ihm heraus. „Es kotzt mich an. Ich kann es nicht mehr ertragen. Ich bin dieses Theater so leid. Sybille, ich will das nicht mehr.“

Als Predigttext hören wir ein Wort Gottes, gesprochen zu seinem Volk durch den Propheten Amos im 5. Kapitel:

[TEXT]

Ich hoffe, liebe Gemeinde, Sie konnten sich ein bisschen in unser Ehepaar hineinversetzen, konnten ein bisschen spüren, wie es Harald und Sybille ging. Sybille, so hat man den Eindruck, hat nach Wegen gesucht, den Schmerz und die Trauer über ihre Kinderlosigkeit zu verarbeiten, aber sie hat nicht darüber gesprochen, vor allem: sie hat mit Harald nicht darüber gesprochen. Ganz allein hat sie das mit sich ausmachen wollen, wollte vielleicht überspielen, was sie litt. Sie wollte wohl Harald ihre ganze Liebe geben, die sonst dem so sehr ersehnten Kind gegolten hätte. Aber dabei hat sie Harald aus dem Blick verloren, hat nicht mehr nach dem gesehen, was er wollte, was er brauchte, hat an ihm vorbeigeliebt und ihn letztlich erdrückt und erpresst. An diesem 55. Geburtstag da braut sich alles über den beiden zusammen. Da bricht die Maskerade zusammen, da läuft das Fass über, da ist nur noch ein Funke nötig gewesen, der das Pulverfass dann explodieren ließ. Arme Sybille, denke ich, ich kann mir denken, wie weh ihr das getan hat, kann mir vorstellen, wie sie im ersten Moment vielleicht noch um Fassung gerungen hat und dann raus gerannt ist und sich weinend auf ihr Bett warf.

Ähnliches muss das Volk Israel empfunden haben, als der Prophet Amos ihm die Gottesworte entgegenschleuderte. „Ich hasse eure Versammlungen und eure Gottesdienste. Ich kann den Gestank von Weihrauch und Mhyrre nicht mehr ertragen. Und eure verlogenen Opfer widern mich an. Das Geplärr eurer Lieder ist eine Beleidigung für meine Ohren!“ Das ist harter Tobak, was Amos den Leuten um die Ohren haut. Denn Israel gab sich Mühe mit seinen Gottesdiensten. Sie waren nicht kleinlich, wenn es darum ging, ihren Gott zu loben. Und sie waren auch keine so schlechten Musikanten, dass sie die vernichtende Kritik ihres Gottes nun verdient hätten. Es war bloß….. naja, es stimmte eben nicht. Es war artige Maskerade, ohne ehrliche Liebe. Es war Gottesdienst, der nicht Gott diente, sondern sich selbst. Es waren nur Worte, denen niemals Tagen folgten. „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Das ist es, was Gott sich wünscht. Man kann nicht Gott feiern und den Nächsten mit Füßen treten, das ist die Botschaft des Amos. Die Botschaft ist überdeutlich.

Nun stellen Sie sich vor. Harald explodiert. Er schreit Sybille seine Wut entgegen. „Es kotzt mich an, Sybille! Ich kann es nicht mehr ertragen. Dein Lächeln kannst du für Corega-Tabs einsetzen, ich will es nicht mehr sehen. Und dein Monroekleid, sag mal, schämst du dich eigentlich nicht? Ich will deine Geschenke nicht mehr haben! Und um Gottes Willen: Singe nie wieder, hörst du NIE WIEDER in meiner Gegenwart, nicht dieses Lied und auch nichts anderes!“ Nun stellen Sie sich vor: Sybille hört das und lächelt. Sie langt über den Tisch und sagt: „Schatz, hast du schlecht geschlafen?“ und macht dann genauso weiter wie immer. Der Tag läuft genauso wie sie das geplant hat und der nächste Geburtstag und der übernächste und überhaupt alle Geburtstage in Haralds Leben werden sein wie dieser? Ein bitteres Auseinanderleben der Eheleute wäre die Folge, ein nicht mehr heilbares Entfremden. Was für ein schreckliches Ende dieser schrecklichen Geschichte!

So macht es das Volk Israel. Es kümmert sich nicht die Bohne um die Kritik des Amos. Zum einen Ohr geht´s rein, zum andern wieder heraus. Es reagiert nicht auf die prophetischen Worte. Es lässt sich nicht stören, nicht aufrühren, nicht beirren. Es geht seinen eigenen Weg, einen Weg, der nicht der Weg Gottes ist. Ein schreckliches Ende nimmt diese schreckliche Geschichte: Das Reich Israel zerfällt, es wird politisch bedeutungslos. Und bis zum heutigen Tag fällt es ihm schwer, die Wege Gottes zu gehen und auf sein Wort zu vertrauen.

Und wir müssen aufpassen, dass wir es mit diesem Predigttext nicht genauso halten: zum einen Ohr rein, zum anderen Ohr raus. Wir müssen uns heute beschäftigen mit Gottes Kritik, mit seiner Kritik an unseren Gottesdiensten, mit seiner Kritik an unserem Sozialverhalten. Wir reagieren falsch auf den Text, wenn wir ihn hören und freundlich nicken. Nein, wir müssten vor Schreck erstarren. Wir müssten um Fassung ringen. Wir müssten in Tränen ausbrechen, wenn wir auch nur einigermaßen ernst meinen, was wir hier tun. „Was, unsere Gottesdienste gefallen dir nicht? Wir haben uns doch all die Jahre soviel Mühe gegeben! Du magst unser Orgelspiel nicht hören, nicht einmal die wunderbare Bläsermusik? Oh. Oh.“ Das wäre schrecklich, nicht wahr? Denn das ist das, was im Predigttext steht. „Ich mag es nicht,“ sagt Gott. „Ich kann es nicht mehr hören. Lasst das nach!“

Und dann müssen wir den Nerv aufbringen, sitzen zu bleiben und zuzuhören. Dann müssen wir, trotz der Verletzung und Enttäuschung, versuchen zu verstehen. Es sind nicht die Gottesdienste, die Gott stören, es stört ihn, wenn wir hier beten und draußen so tun, als wüssten wir nicht, was Gott von uns will. Gottesdienst ist nicht nur in der Kirche, Gottesdienst geht draußen weiter. Gottesdienst ist Dienst am Nächsten, Dienst am Nächsten ist Gottesdienst. Wir können hier viel singen und jubilieren, wenn wir Gottes Wort und Gebot für unser Verhalten in der Welt nicht zur Kenntnis nehmen, werden wir uns von Gott entfremden und entfernen. Ein Abgrund würde sich auftun zwischen uns und Gott. Ein Sund. Die Sünde. Ein schreckliches Ende einer schrecklichen Geschichte.

Im Grunde ist Haralds Ausbruch, so weh er tut, eine Chance für das Paar. Sie müssen nun nicht mehr immer so weiter machen, sie können umkehren und nach neuen Wegen suchen. Ich will die Geschichte zu einem guten Ende bringen.

Sybille starrt Harald an, sie ist fassungslos und erschrocken. Aber sie geht nicht weg, sie weicht nicht aus. Sie bleibt sitzen und schließlich fängt sie an zu weinen. „Es tut mir so leid, Harald. Ich hab´s gut gemeint. Ich wollte dir eine Freude machen. Ich weiß jetzt gar nicht weiter im Moment….“ Und auch Harald weint. Er hat ihr so weh getan. Es tut ihm leid, dass er nicht schon früher etwas gesagt hat, dass er zu bequem war, sich auseinander zu setzen und dass er wohl auch nicht hat sehen wollen, was Sybille so quält. Nun ist der Bruch da und er weiß nicht, ob er noch zu kitten sein wird.

Viele Jahre brauchen die beiden, bis sie wieder ehrlich zueinander sein können. Viele Gespräche gehören dazu, auch mit dritten, mit einem Therapeuten, mit dem Pastor, der sie damals getraut hat. Geburtstage umschiffen sie lange Jahre mit peinlicher Sorgfalt. Aber: Sie bleiben beieinander. Mit sehr offenen Augen und sehr wachem Herzen geben sie aufeinander acht. Keine Lügen mehr, heißt die Devise. Mehr Liebe und Ehrlichkeit heißt die Sehnsucht. Sie fangen neu miteinander an und gewinnen an Erkenntnis und Verständnis täglich.

Sie haben es gut gemacht und es hat ein gutes Ende gefunden. Den 55. Geburtstag aber haben sie nie vergessen.

Und wir sollten Amos nicht vergessen. Wir müssen nicht immer so weitermachen wie all die Jahre. Der Predigttext ist auch für uns eine Chance, unsere Gottesdienste lebendiger und liebevoller zu feiern und immer ein Stück davon mit hinaus in unsere Welt und in unser Leben zu nehmen. Denn Gott ist Liebe. Und er möchte, dass wir das begreifen.

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