Kritik – nein danke?!

Was für ein Einstieg, liebe Gemeinde! Es ist nicht schön, sich so etwas anhören zu müssen. Das ist mein Empfinden – und ich denke, dass ich damit das Gefühl der meisten heute Morgen hier treffe. Wir wollen es doch ein bisschen nett haben. Schöne Lieder singen, unserem Gospelchor zuhören, ein bisschen den eigenen und den fremden Gedanken nachhängen. Aber doch bitte keine Kritik!

Ich habe mir darum folgendes überlegt: Dieser biblische Text ist ja jahrhundertealt, ach, was sag’ ich, in diesem Fall sind es fast 3.000 Jahre. Das schafft doch erst einmal Distanz. Und der Sprecher – der Prophet Amos – ist schon lange tot. Er kann uns ja gar nicht gemeint haben! Erleichterung macht sich breit. Andere Zeit, andere Menschen – und damit auch Kritik an anderen!

Darum werde ich die Zeit dazu nutzen, jetzt noch ein wenig Historisches zu berichten. Amos lebte in Tekoa, das liegt südlich von Bethlehem, etwa zwei Wegstunden davon entfernt. Von Berufs wegen war dieser Mann eigentlich Rinderhirt und Maulbeerfeigenzüchter.

Und wegen seiner Berufung zum Propheten – etwa um die Mitte des achten Jahrhunderts vor Christi Geburt – beschäftigt er uns heute morgen. Amos wird von Gott in dessen Dienst gerufen. Er soll weissagen, warnen, androhen. Alles in allem keine angenehme Aufgabe – denn so etwas wollen die Leute nicht hören. Heute nicht. Und damals auch nicht.

Wer hat zuerst weggehört? Das war König Jerobeam II., Herrscher im Norden Israels.

Die prophetische Kritik richtet sich gegen einen Gottesdienst, in dem es gar nicht mehr um Gott geht. Verworfen wird der Feiertag, wenn er keine Ausstrahlung in den Alltag hat. Verworfen wird eine religiöse Einstellung, die meint, mit einem Rauchopfer könne man alles wieder auf die Reihe kriegen. Verworfen werden Feste, die nur noch Feste der Menschen sind.

Zusammenfassen lässt sich die Amos’sche Kritik vielleicht so: Das, was ursprünglich Gott im Mittelpunkt hatte, hat sich verändert. Verändert dahin, dass sich jetzt alles um den Menschen dreht. Darum auch so oft diese abgrenzenden „eure“ und „dein“ – allein fünfmal in vier Versen!

Und noch eine Bemerkung zu dem letzten Vers: Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Beim ersten Hinhören ein schönes, ein romantisches, ein angenehmes Bild. Wenn dem so wäre, dann passte es hier überhaupt nicht hin. In den wissenschaftlichen Kommentaren zu diesen Versen wird deutlich, dass es sich um eine Gerichtsandrohung handelt. Da wird etwas kommen – Zeichen von Gottes Gerechtigkeit. Und das, was kommt, wird alles Unrecht wegspülen. So wie ein Strom, wie eine Sturzflut voller Tod und Verderben.

Und genau so ist es übrigens auch gekommen. Es war die damalige Weltmacht Assyrien – Assur –, die wie ein todbringender Strom auch über das Nordreich Israels hereingebrochen ist.

Liebe Gemeinde! Amos hat gewettert und gewarnt und geschimpft. Aber: er hat dies nicht um seiner selbst willen getan. Auch nicht, weil er gerade mies drauf war oder einen schlechten Tag hatte. Nein. Dem Propheten Amos lag der Kult, lag der Gottesdienst am Herzen. Und, noch viel wichtiger: Gott lag ihm am Herzen. Und dessen Worte, dessen Kritik, sind es schließlich, die aus Amos herausbrechen.

Damit kann ich die Worte des Amos nicht mehr abtun als Aussprüche aus einem Land vor unserer Zeit. Denn wenn wir unsere Bibel als Heilige Schrift verstehen, als Gottes Wort – und wenn wir glauben, dass diese Worte Gottes in Ewigkeit bleiben und Bestand haben – dann treffen sie heute morgen auch uns.

Und damit sind wir fast wieder am Anfang. Und dass es nicht schön ist, sich so etwas anhören zu müssen. Ja, hilft nichts. Ist so.

Also – nachdem der Ausflug in die Zeit von Amos und Jerobeam II. uns nicht von diesen kritischen Worten entfernt hat – schaun mer mal! Wo gibt es denn bei uns Grund zur Kritik?

Amos wettert gegen einen Gottesdienst, in dem es gar nicht mehr um Gott geht. In dieser Gefahr stehen unsere Gottesdienste immer noch. Denn zum Beruf einer Pastorin, eines Pastors, gehört auch eine gewisse Lust daran, sich darzustellen. Ich meine auch, dass das wirklich wichtig ist. Aber: Genau darin liegt eben auch eine Gefahr! Ein Gottesdienst ist keine Showveranstaltung. Und schon gar nicht eine von uns Geistlichen. Um also dem vorzubeugen, dass Gott dabei in die zweite Reihe rutscht, sprechen wir Pastoren bereits in der Begrüßung die Formel: „Im Namen Gottes, des Vaters, und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ Damit sagen wir – gleich am Anfang – dass alles, was nun geschieht, was gesungen und geredet wird, Gott gehört, ihn ansagt und ihn lobt und preist. Und wenn diese Begrüßungsformel nicht mit dem übereinstimmt, was wir inhaltlich hier treiben – dann sollten wir es lieber gleich bleiben lassen. Denn Gottesdienste, in denen wir nicht Gott dienen, sondern uns selbst bedienen, sind gottlos – denn damit werden wir Gott los.

Was hält Amos noch für uns an göttlicher Kritik bereit?

Verworfen wird der Feiertag, wenn er keine Ausstrahlung in den Alltag hat. Autsch, das trifft. Wenn wir hier Sonntag für Sonntag gemeinsam beten und bitten „vergib uns unsere Schuld“ und setzen in unserem Alltag den zweiten Teil „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ nicht um, dann ist genau das der Punkt.

Verworfen wird eine religiöse Einstellung, die meint, mit einem Rauchopfer könne man alles wieder auf die Reihe kriegen. Von diesem Opfer können wir einen Bezug herstellen zu unseren Kollekten. Und auch ganz allgemein zu den Spenden für karitative und gemeinnützige Einrichtungen. Es ist nämlich wichtig, dass unsere innere Anteilnahme, dass unser Herz mit dabei, wenn wir etwas geben. Die Zeiten, in denen eine Geldspende mit Sündenablass verbunden war, sind vorbei. Und auch eine Spende, die nur geschieht, um den Nachbarn zu beeindrucken, ist nicht im Sinne Gottes!

Verworfen werden die Feste, die nur noch Feste der Menschen sind und nicht mehr Gott im Mittelpunkt haben. Ich denke, auch das ist ein Treffer. Ist ein Treffer, wenn ich an den Schutz des Sonntages und des Feiertages denke.

Für mich als Einheimischen müssen die Geschäfte nicht sonntags geöffnet sein. Aber ich verstehe, dass Urlauber das eventuell anders sehen.

Woran aber ganz deutlich wird, dass es ein „zuviel“ gibt, ist das Osterfest vom letzten Jahr. Wie das höchste Fest der Christenheit hier begangen wurde, war schon eindrucksvoll. An den Tagen Karsamstag, Ostersonntag und Ostermontag hatten wir einen Markt in der Fußgängerzone, einen am Holm und einen am Schönberger Strand … Frohe Ostern! Was stand denn da im Mittelpunkt?

Aber – genug damit. Ich komme zum Ende. Die Worte des Propheten Amos – sehr alt – und doch aktuell. Mit einem vorschnellen Abtun seiner Kritik kommen wir nicht weiter. Mögen sie bei uns auf fruchtbaren Boden fallen und Gehör finden.

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