Dann strömt das Recht wie Wasser auch bei uns

Liebe Gemeinde!

Als ich den Predigttext las, konnte ich nicht anders denken als: „Ach! Wenn unsere Kirchen und Gemeindehäuser doch nur so voll würden, wenn unsere Feiertage und Versammlungen so gut besucht wären, dass mal zu uns einer sagen könnte: ‚Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!’!“ Aber von einem „Geplärr der Lieder“ kann bei unserem Gemeindegesang keine Rede sein. Dazu sind wir einfach viel zu wenige hier in der Kapelle.

„Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.“

Wenn ich das höre, denke ich: Opfer und Spenden wären doch durchaus willkommen in unserer Zeit, wo viele ihre Münzen drei Mal in der Tasche umdrehen, bevor sie sie hergeben (und sei es für einen guten Zweck).

Vorletzte Woche habe ich in einer anderen Gemeinde den Pastor vertreten und dort Gottesdienst gehalten. Als ich zu den Abkündigungen kam und die Kollekte ansagen sollte, die am letzten Sonntag zusammen gekommen war, ist es mir fast im Hals stecken geblieben. 3 € und 72 Cent hatte die Gemeindesekretärin mir ins Buch geschrieben, und darunter den Vers aus dem 2. Korintherbrief, den ich als Dank dazu verlesen sollte: Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb! (2 Kor 9,7)

Den Vers habe ich nicht mehr über die Lippen gebracht. Ich habe nur im Stillen gedacht: Es liegt ja nicht an den zugeknöpften Portemonnaies, wenn das diakonische Werk hier so wenig bekommen hat. Es liegt ja eher daran, dass die Leute gar nicht mehr zum Gottesdienst kommen. („Eines bitt ich sehr: ich möchte bleiben, wo erzählt wird, Herr, von deiner Güte. Möchte Stund’ und Tage bei dir verbringen, dein Wort zu hören, möchte selber singen mein Lied dir.“ Das haben wir heute zu Beginn gesungen; ein Lied auf Psalm 27, das davon erzählt, wie schön es ist, am Gottesdienst teilzunehmen. Für die meisten Menschen unserer Zeit ist das anscheinend gar nicht mehr bekannt. Sie haben die Erfahrung nicht gemacht, wie schön es ist, den Sonntag zu feiern, zu singen, zu beten und sich von Gott trösten zu lassen.)

Ich bin am Ausgang der Kirche, beim Verabschieden, schon manchmal gefragt worden, ob ich nicht traurig bin, wenn ich den halben Samstag am Schreibtisch verbringe und versuche, eine gute Predigt zustande zu bringen, und dann sind am Sonntag so wenige Gemeindeglieder im Gottesdienst zu sehen. Ich habe immer gesagt: „Nein. Ich schreibe es für die, die kommen, und hoffe, dass sie etwas davon haben. Das ist mir genug.“

Vielleicht war das nur die äußere Seite. Innen war ich manchmal traurig, wenn ich die Gottesdienstbesucher bitten musste, doch bitte etwas nach vorne zu kommen und mehr zusammenzusitzen. Wenn sie sich zu ganz wenigen über die ganze große Kirche verteilten, kam ich mir so verloren vor. Ja, ich fühlte mich allein da vorne, nicht getragen von der Gemeinde in meinem Vor-Beten und Predigen, in meinem Singen, das ich laut anstimmte, damit etwas Gesang zu hören sei und nicht nur die Orgel.

Zum Schluss haben mir diejenigen, die da gewesen waren, die Hand gedrückt und gesagt: „Ja. Schade, dass wir heute wieder so wenige waren!“ Dann habe ich gedacht: „Nur gnädig mit denen, die gekommen sind!“, habe tapfer gelächelt und gesagt: „Macht doch nichts. Sie waren ja hier!“

Innen und außen. Das ist so eine Sache: Oftmals ist es nicht dasselbe. Man zeigt nach außen etwas anderes her als das, was innen drin ist.

Als Evangelische haben wir natürlich gelernt: die innere Einstellung ist das Allerwichtigste. Wir sollen nicht zum Gottesdienst gehen, weil wir meinen, dass wir müssten. „Du bist, Herr, mein Licht und meine Freiheit.“ Wir dürfen hingehen, wenn wir möchten. Wenn wir wollen, ist es gut. Wenn wir nicht wollen, ist es wohl besser, zu Hause zu bleiben, als ohne Aufrichtigkeit mitzusingen und mitzubeten. Solche halben Sachen mag Gott nicht.

Ob es ihm gefällt, wenn die Leute heute einfach zu Hause bleiben, so dass die Bänke in den Kirchen reihenweise leer stehen, ist damit allerdings noch nicht gesagt.

Ich fände es schön, wenn viele Menschen aus Überzeugung zur Kirche kämen und gern am Gottesdienst teilnehmen wollten.

Gottesdienst ist aber ja nicht nur in der Kirche. Das ganze Leben ist ein Gottesdienst, wenn man es recht versteht.

Das, was wir im Gottesdienst hören und tun, soll ja eins sein mit dem, was wir „draußen“, also außerhalb dieser Mauern, auch tun. Wenn wir in der Kirche aus der Bibel hören, soll das bedeuten, dass wir überall versuchen, nach Gottes Wort zu leben.

Wenn wir in der Kirche Gott loben, soll das heißen, wir tun das auch zu Hause.

Wenn wir in der Kirche untereinander Frieden halten und freundlich miteinander umgehen, soll das heißen, wir tun das auch im Beruf und im Straßenverkehr und im Verein und in der Hausgemeinschaft mit den Nachbarn. Sonst ist das Ganze hohl. Sonst bekommt der Prophet Amos bei uns Recht mit seiner Kritik: ihr kommt nur zum Gottesdienst, um eure frommen Gefühle zu pflegen; nicht, um auch dementsprechend zu leben. Ihr ergötzt euch daran, wunderbare Orgelklänge zu hören oder kluge und bewegende Worte, ihr berauscht euch an der schönen Innigkeit eurer Gebete, aber wie weit reicht das? Nur bis zum Portal. Wenn ihr wieder draußen seid, ist alles so wie vorher.

(Oder vielleicht wie nach dem Besuch einer Theatervorstellung. Man hat etwas gehört und gesehen, was einen angeregt hat; man hat sich selbst sehen lassen und es genossen, seinen neuen Mantel auszuführen. Man ist mal draußen gewesen und hat an einer Veranstaltung teilgenommen, das tut allemal gut. Hinterher hat man etwas zu erzählen. „Herr X wird auch immer älter. Jetzt hat er lange sein Portemonnaie gesucht, als der Klingelbeutel herumging. Dabei weiß doch jeder, wann die Kollekte eingesammelt wird. Immer nach den Abkündigungen. Also wirklich. Haben Sie’s auch gemerkt?“ – „Ja, Mir ist es aufgefallen. Er hat übrigens Münzen reingetan und keinen Geldschein.“ – „Ach, tatsächlich?“ – „Ja, wirklich.“)

„Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Das, was wir in der Kirche hören, auch zu tun, darauf kommt es also an. Und noch mehr darauf, das, was wir in der Kirche tun, auch draußen in der Welt zu tun. Denn in der Kirche haben wir ja nicht nur die Predigt, die uns helfen soll, die Worte der Bibel auf unser Leben gut anzuwenden. Wir haben auch das Abendmahl, das uns zeigt, wie wir das leben können. Im Abendmahl reichen wir aneinander weiter, was wir brauchen. Wir teilen Brot, also das, was wir nötig brauchen, um unser Leben zu erhalten. Wir teilen auch den Saft des Weinstocks, also das, was für uns Freude und Überfluss bedeutet.

Brot und Wein für alle, die da sind, für alle gleichermaßen. Nicht für die eine mehr und für den anderen weniger. Nicht für den einen den Wein und für die anderen nur das Brot. Nicht für die Wohlhabenden Weißbrot und für die Armen Schwarzbrot. Nein. Gleich viel, gleich Gutes für alle. Das ist das Prinzip des Christentums, liebe Gemeinde. Damit ist unser Glaube einmal groß geworden in einer heidnischen Welt, in der es von falschen Göttern nur so wimmelte, und in der die krasse Ungleichheit der Menschen so selbstverständlich zu sein schien wie die Tatsache, dass wir geboren werden und sterben müssen. Gleich viel, gleich Gutes für alle. Das war revolutionär, denn die ersten Christen haben das nicht nur im Gottesdienst so gepredigt und gehandhabt. Sie haben es in ihren Versammlungen so gefeiert, um sich in diesem Prinzip versichern und bestärken zu lassen, damit sie es dann in ihren Häusern ebenso halten konnten. Annehmen, was man selber nötig hat, und abgeben an diejenigen, die etwas brauchten. Nicht nur Dinge abgeben. Auch Trost spenden, Verständnis aufbringen, Zeit für andere haben. Mitteilen, was mitzuteilen ist: Freude und Kummer, Gedanken und Pläne, Gefühle und Einfälle. Alles mitteilen können. Alles mit anderen teilen dürfen. Nicht allein bleiben damit. Das ist christlich. Auch Häuser und Mahlzeiten, Kleidung und Ausrüstung, ja, sogar Grundstücke und Geld, das wurde untereinander verteilt.

Damit haben die ersten Gemeinden mehr Zulauf gewonnen als durch ihre Predigt. Oder, um es richtig zu sagen: Damit haben sie viele für sich interessiert, die daraufhin in den Gottesdienst kamen und sich auch von der Predigt überzeugen ließen. Geworben haben die ersten christlichen Gemeinden bei den anderen jedenfalls zunächst mit dem, was sie taten, und nicht zuerst mit dem, was sie sagten. Sie sind nicht mit der Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes hausieren gegangen, sondern haben untereinander so gelebt, dass viele andere danach fragten, wie sie denn dazu kommen, so freigebig, ja großzügig zu sein. Die so genannten „Heiden“: also diejenigen, die vielen Göttern huldigten und sich von dem einen dies und dem anderen jenes erbaten, haben bei den Christen gesehen, dass sie nicht Götter, sondern einander um alles bitten konnten, und dass sie alles immer gern und bereitwillig gaben. Wenn man die Christen dann fragte, wie sie dazu kämen, erzählten sie von einem, der für sie alles gegeben hatte, sogar sein Leben, und der bis heute gibt, wahres Leben nämlich. Ein Leben, das zu leben sich lohnt, weil es geteilt wird.

Wenn wir im Gottesdienst das Abendmahl feiern und uns gemeinsam daran erinnern, wie Jesus ein letztes Mal mit seien Jüngern gegessen und getrunken hat, dann ist das also viel mehr als nur eine Erinnerung. Es ist eine echte Vergegenwärtigung dessen, was damals geschehen ist.

Wir treten an die Plätze der Jünger und lassen uns von Jesus Christus bewirten mit Brot und Wein. Unser Herz versteht dabei, dass wir von Gott alles bekommen, was wir zum Leben brauchen. Und unsere Hände reichen es weiter an den nächsten. Wir teilen das, was wir bekommen. Das tun wir nicht nur am Altar, sondern überall. Mit allen Christen auf der ganzen Welt teilen wir. Das, was uns fehlt, den anderen mitteilen, und das, was wir übrig haben, den anderen abgeben. Auf diese Weise sind wir eins mit Jesus Christus, der sich bis heute an uns mitteilt und sein Leben an uns austeilt. Das ist übrigens viel mehr als Nächstenliebe, liebe Gemeinde. Es ist völlig unabhängig von den Empfindungen und Gefühlen, die wir dazu hegen oder auch nicht. Es ist die Struktur, in der sich der Glaube verwirklicht; die Form, in der das Ganze lebendig werden kann. Deshalb ist diese Praxis christlichen Lebens so fest im Gottesdienst verankert: damit wir immer wieder in die Übung kommen: Annehmen, was wir gereicht bekommen. Weitergeben, was noch drin ist. Das Sakrament des Abendmahls besteht nicht allein in Brot und in Wein. Es besteht darin, dass das Brot gebrochen und geteilt wird, und dass wir alle aus einem Kelch trinken, damit wir zeigen und verstehen: Eins sind wir. Eine Gemeinschaft in Christus. Das ist das wahre Sakrament, also das Geheimnis unseres Glaubens. Wenn wir im Glauben Brot und Wein teilen, dann werden wir wahrhaftig eins in Christus. Wenn wir am Altar zu dieser Gemeinschaft in Christus gekommen sind, werden wir das nicht in dem Moment hinter uns lassen, wo wir uns wieder in die Bank setzen. Das Geheimnis des Glaubens geht weiter. Wir werden verändert, ja verwandelt. Ich will einmal zwei Dinge nennen für das, was sich bei uns bewegt, wenn die Teilnahme beim Abendmahl für uns nicht äußerlich bleibt, sondern auch nach innen geht und lebendig wird: Das erste ist: wir werden aufhören, andere zu verurteilen. Mit vielen anderen stehen wir am Altar und teilen die Gaben. Manche kennen wir, andere nicht. Einige sind uns ähnlich, andere völlig fremd. Bestimmt kann keiner von uns das richtig verstehen, was in einem fremden Menschen vorgeht. Die anderen sind nun einmal anders als wir. Dennoch: drüber ärgern müssen wir uns nicht. Wenn ich zum Abendmahl gehe, begreife ich: Mir ist so viel vergeben worden, dass ich sagen kann: Gott weiß auch, warum er von meiner Sorte nur einen Menschen gemacht hat. Für meine Mitmenschen gilt das ebenso. Sie sind, wie sie sind, mit Fehlern behaftet wie ich, manchmal anstrengend für mich, wie ich eben auch für sie. Wenn ich beim Abendmahl neben jemandem stehe, der mir völlig fremd ist, dann weiß ich: auch er ist ein von Gott geliebter und begnadeter Mensch. Als solchen will ich ihn sehen und verstehen. Mein Urteil über ihn ist: Er ist von Gott geliebt. Das soll genügen. Wenn mir das genügt, dann bin ich wirklich und wahrhaftig frei gesprochen, und Gottes Recht wirkt sich aus.

„Es ströme aber das Recht wie Wasser“, sagt Gott nach den Worten des Propheten Amos. Ein gutes Urteil ist damit gemeint. Wenn Gott uns gut beurteilt, können wir das auch tun, was unsere Mitmenschen betrifft.

Dann strömt das Recht wie Wasser auch bei uns.

Die zweite Sache, die geschieht, wenn ich das Abendmahl nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich erfahre, ist die: es fällt mir plötzlich leicht, abzugeben. Ich merke ja, dass ich genug bekomme und dass mir nichts fehlt, was ich brauche. Also kann ich auch Besuch einladen und Gäste bewirten, kann ein Paket packen und ein Geschenk irgendwohin schicken. Ich kann von meinem Gehalt etwas abzweigen und es für eine Sache spenden, die mir einleuchtet, und am Ende kann ich womöglich sogar ein Kummer loslassen, der mich schon lange geplagt hat. Einfach, indem ich ihn jemandem anvertraue.

Wenn dies: dass ich abgeben und loslassen kann, mich erreicht, dann strömt die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Denn mit dieser Gerechtigkeit sind die guten Taten gemeint, die ich aus freiem Herzen tue, und ebenso die, die ich mir angedeihen lasse. „Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“. Wir könnten die Worte von Paulus auch einmal in die andere Richtung sprechen und sagen: Wen Gott lieb hat und wer das erfahren hat, der wird auch zu einem fröhlichen Geber. Gerechtigkeit, das heißt in der Sprache der Bibel: aus freiem Herzen geben können. Nicht sich mit saurer Miene etwas aus den Rippen schneiden, weil man meint, dass man’s muss. Sondern fröhlich feststellen, dass man viel mehr hat, als man für sich selber braucht, und gerne teilen, was übrig ist. Mit der selbstverständlichen Geste des Weiterreichens, die wir beim Abendmahl einüben.

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