Das Reich Gottes ist mitten unter uns!

Liebe Gemeinde –

mitten in der Faschingszeit hören wir Worte des Propheten Amos, der sich mit den Feiern, die Menschen gestalten hart auseinandersetzt. Wir hören Worte, die uns heute treffen, gerade in unseren Gottesdiensten, also gerade in dem, wovon wir glauben, dass es wir es doch recht versuchen und ordentlich tun: Durch den Propheten Amos spricht Gott folgendermaßen. Wir lesen Amos 5, 21-24: „Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Schlimmer, liebe Gemeinde könnte es nicht kommen: „ich verachte eure Feiertage.“ „Ich habe keine Achtung vor ihnen, weil sie mir in dieser Form nichts bedeuten.“ Wir fassen uns zuerst an unsere eigene Nase: wir sind gemeint – die Menschen, die Gottesdienst feiern, zusammen kommen, um Gott zu loben und ihm zu danken, die wir uns sammeln um Wort und Sakrament. Ich verachte eure Feiern – sie sagen nichts aus, sie sind leer und ausgehöhlt. Mit anderen Worten: sie sind nicht nur ohne Bedeutung, mehr noch: „sie widern mich an“, spricht Gott. Zuerst bin ich getroffen – vielleicht besonders als Pfarrer, der ich ja Gottesdienst zu gestalten und zu leiten haben – getroffen insofern, als ich mir ja überlegen könnte: was muss ich bitte anders machen? Ist es die alte Sprache, die wir verwenden? Sagt der Luthertext den Menschen nichts mehr? Sollten wir den Introitus abschaffen und statt Orgel und Posauen irgendwie neuere Musikinstrumente oder –stile verwenden?

All das, liebe Gemeinde, wird ja gefragt: gäbe es nicht ideale Gottesdienst, die viele oder gar alle Menschen ansprechen? Gottesdienste, die die Fragen, die wir haben, wirklich aufgreifen und es verstehen, diese Fragen und passende Antworten dazu an den Mann und die Frau zu bringen. Gottesdienste gar, die nicht so steif sind – Gottesdienste, in denen ich wirklich Ausdruck meiner Freude bringen kann: vielleicht durch Tanz oder Jubelrufen, vielleicht sogar noch auf andere Art und Weise? Und natürlich: Gottesdienste, die die Jugend ansprichen, und zwar so, dass sie nicht nur verstehen, worum es geht, sondern sogar vermehrt in den Gottesdienst kommen und ihn gerne mitfeiern. Alles, liebe Gemeinde, wichtige Fragen, denen wir uns immer wieder stellen müssen, wenn wir keine tote Gemeinde sein wollen. Aber ich meine, es sind nicht diese Fragen, die an ersten Stelle zu hören sind, wenn wir den Worten des Propheten Beachtung schenken. Denn Amos geht tiefer. Er greift nicht nur ein in die äußere Struktur. Es geht nicht um die Art der Lieder als solcher, es geht nicht um das Orgelspiel als solchem, es geht auch nicht um die Art des Dankes, den wir als Lob opfern. Und da verlassen wir den Vergleichsfall Gottesdienst und treten ein in den Fall, dass Feiertage – Tage, an denen gefeiert wird, ganz allgemein und ganz umfassend gemeint sind. Die Tage an denen ihr feiert, liebe Gemeinde, fragt uns Amos: um was geht es da? Was steht im Mittelpunkt? Was wollt ihr erreichen? In meiner Schule habe ich u.a. eine Einheit zum Thema: „Sinn des Lebens“ mit den Schülerinnen versucht. Auf die Frage, was denn an ersten Stelle bei dem jeweiligen steht, antwortete einer: „feiern, d.h., mich zulaufen lassen – aber mit jemand anderem zusammen, sonst macht es keinen Spaß.“ Auf meine Rückfrage hat er eingestanden, dass er ab einem gewissen Punkt des „Zulaufen-lassens“ den anderen aber gar nicht mehr wahrnimmt. Er dreht sich um sich selber. Der Alkohol dient ihm dazu, seine Umwelt nicht mehr wahrnehmen zu müssen – er meint, sie damit ausschalten zu können. Vielleicht wollte der Schüler auch nur provozieren, vielleicht hat er aber wirklich keine anderen Mittel gefunden, um die Realität zu bewältigen. Wichtig bei dem Beispiel bleibt mir jedoch: sein Ziel des Feiern liegt darin, die Umwelt auszuschalten, sich abzukoppeln von den anderen, die möglicherweise in seinen Augen sogar die Schuld daran tragen, dass die Wirklichkeit eine so schlechte ist.

Gefeiert wird diese Tage auch überall: von den Hexen, die durch unsere Gemeinde ziehen, bis hin zu den Narren unter der Kappe und den Kindern im Kostüm. Es ist ein schöner Brauch, wenn Menschen Zeiten finden, an denen sie ausgelassen fröhlich sein können und sich mit Hilfe einer Maske von den Masken befreien, die sie meinen im Alltag tragen zu müssen. Aber die Anklage des Amos bleibt: ich verachte eure Feiertage! Also den Blick tiefer gewandt! Was schließt Amos aus, wenn er doch nicht grundsätzlich Fröhlichkeit und Feierlichkeit verdammt? Ich meine, es ist die Zielrichtung, die in unserem Feiern und in unseren Festen stimmen muss. Und ich bin gehalten, mich zu fragen: mache ich es so, wie der Schüler aus meinem Beispiel: fliehe ich vor den Mitmenschen, vor meiner Umwelt? Ziehe ich mich zurück oder – was dem im Grunde gleich kommt – benutzte ich die Feier, um mich von dem zu entfernen, wofür ich gemacht und gedacht bin?

Mit anderen Worten, liebe Gemeinde, unsere Gottesdienste sind kein Opfer an Gott, nichts, was Gott bräuchte, um Gott zu sein und zu bleiben. Unsere Gottesdienste machen nur Sinn, wenn in ihnen zum Ausdruck kommt, worin wir Gott Antwort geben sollen in unserem Leben. Wenn darin deutlich wird, dass wir gemeinsam vor ihm geschaffen sind, durch das Leben zu gehen. „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Daraufhin, liebe Gemeinde, sind wir geschaffen. Kirche – feiernde Gemeinde -, die ernst nimmt, dass wir einen Auftrag am anderen Menschen haben, nämlich konkret an dem, der schlechter gestellt ist als wir. An dem Menschen, der nicht so frei und so unbedrückt leben kann, wie wir selber. An dem Menschen, der ausgegrenzt ist und keinen Zugang zu den Möglichkeiten des Lebens besitzt, wie wir selber. Amos fordert die soziale Gerechtigkeit unter den Menschen ein, aber nicht als einen irgendwie abstrakten Wert oder als ein politisches Programm, sondern von der Warte Gottes selbst her. Gott hat alle Menschen geschaffen als sein Ebenbild, wie wir in Genesis lesen. Nicht, dass der eine den anderen unterdrücke. Nicht das der eine auf Kosten des Nächsten lebt. Nicht, dass sich einer besser dünkt als sein Nachbar. Und da plötzlich hören wir den Verdruss Gottes in der Klage des Propheten vorgebracht: „Was nutzt es mir, spricht Gott, dass du hier Gottesdienst feierst und dich in deinem Feiern sogar noch als Gerechter fühlst, wenn du doch nicht bereit bist, auf deinen Nächsten zu schauen, dem es schlechter geht als dir?“ „Was nutzt es mir, dass du so schön singen kannst mit der Stimme, die ich dir gegeben habe, wenn die sie außerhalb dieser Mauern nur dazu nutzt, schlecht über deinen Nächsten zu reden?“ Was nutzt es mir, dass du viel Geld in mildtätige Projekte spendest, wenn ansonsten nur darauf bedacht bist, dich zu deinem eigenen Vorteil zu bereichern?“ Das ist die Anklage des Amos, liebe Gemeinde, und sie lässt sich übertragen auf das feiernde Zusammensein von Menschen überhaupt. „Was soll das für ein Feiern sein, bei dem du nur selbst wieder und wieder im Mittelpunkt stehst?“ „Was soll das für ein Fest sein, bei dem du der alleinige Star des Abends zu sein glaubst?“ „Was kann das für eine Freude sein, die sich darauf aufbaut, dass du dem Nächsten kurz zuvor mit Hass und Abscheu ins Gesicht gesehen hast?“

Freilich, liebe Gemeinde, sind wir keine Übermenschen: nicht alles und nicht immer schaffen wir das, wozu uns Gott angelegt hat. Aber Amos fordert uns auf, unsere Kräfte und unsere Gaben nicht zu vergeuden, sondern sie einzusetzen in dem großen Bau an Gottes Reich. Und das Reich Gottes, liebe Gemeinde, ist mitten unter uns: bei uns fängt es an, ganz direkt in meinem Leben, das ich persönlich zu leben habe. Für uns Christen müsste es gelten: wer das Glaubensbekenntnis mitspricht und vor Gott und der Gemeinde bekennt: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Wer das bekennt und darin sehen kann, dass Gott alle Menschen geschaffen hat, der kann seine eigene Existenz niemals gegen eine andere überhöhen oder vorne an stellen. Der kann eben nicht sagen: „Alle Schwarzen sind minderwertig“ Der kann nicht sagen: „Alle Muslime sind vom Teufel besessen.“ „Der kann nicht sagen: alle Arbeitslosen sind bloß zu faul zum Arbeiten.“ Oder, liebe Gemeinde, wenn er es sagt, dann feiert er Gottesdienst, wie ihn Amos verwirft: „Ich kann dein Geplärr nicht weiter anhören, denn dein Tun spricht mehr als deine Worte. Und dein Leben zeigt es mir: du hast nicht begriffen, worum es im Reiche Gottes geht.“ „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Dann, liebe Gemeinde, wird sich das Evangelium ausbreiten unter den Menschen und es wird eine Freude sein, die ansteckend ist und eine Feier, die miteinander gestaltet ist und Gott wird im Himmel sich ebenso freuen und unser Lob und unser Dank, unsere Lieder und unser Gesang wird vor seinen Augen Wohlgefallen finden.

Denken wir daran, wenn wir hinausgehen und unsere Feste feiern, sei es nun in der gottesdienstlichen Zusammenkunft oder aber im weltlichen Bereich, verkleidet und maskiert.: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

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