Das Narrenschiff

<i>[Informationen zum Narrenschiff finden sich unter: <a href="http://www.ni.schule.de/~pohl/literatur/sadl/renaiss/brant.htm" target="_blank">http://www.ni.schule.de/~pohl/literatur/sadl/renaiss/brant.htm</a>]</i>

Volle Fahrt voraus fährt das Narrenschiff.

Wo steuert es hin und wer fährt mit?

"In allen Landen, überall, / ist endlos unsre Narrenzahl; /

Wir fahren um durch jedes Land / von Narrbon in Schlaraffenland."

Biblisch gesehen, ist ein Narr, wer "in seinem Herzen spricht: Es ist kein Gott!" – und dies mit seinem Verhalten zeigt. So heißt es in Ps 53 (GnB):

Die Narren reden sich ein:

»Es gibt keinen Gott!«

Sie sind völlig verdorben,

ihr Tun ist schlimmstes Unrecht,

es gibt keinen, der etwas Gutes tut.

Gott blickt vom Himmel herab

auf die Menschen.

Er will sehen, ob es da welche gibt,

die Verstand haben und nach ihm fragen.

Doch alle sind sie von ihm abgefallen,

verkommen sind sie, alle miteinander,

niemand ist da, der Gutes tut,

nicht einmal einer!

»Sie sind blind«, sagt Gott.

»Wo bleibt der Verstand dieser Unheilstifter?

Sie fressen mein Volk, als wäre es Brot;

doch mich nehmen sie alle nicht ernst.«

Von solchen Narren spricht auch der Prophet Amos. Eigentlich ist er ein Viehzüchter und Maulbeerfeigenpflanzer aus Tekoa, südlich von Betlehem. Gott beruft ihn gegen Ende der Regierungszeit des politisch und wirtschaftlich überaus erfolgreichen Königs Jerobeam II. nach 760 v. Chr. Prophet ins Nordreich Israel – jeder König hatte zu biblischen Zeiten einen Propheten zur Seite, quasi ein Sprachrohr zu Gott, der ihm bei der Regierung beistehen sollte. Er wirkt für kurze Zeit bis zu seiner Ausweisung am Reichsheiligtum von Bet-El. Seine Worte sind ein Schlag ins Gesicht der Gottesdienstgemeinde, sogar des gesamten Gottesvolkes. Unmissverständlich und überaus deutlich prangert er die Gesellschaft an.

Weil ihr von den Hilflosen Pachtgeld annehmt und ihr Getreide mit Steuern belegt, darum baut ihr Häuser aus behauenen Steinen – und wohnt nicht darin, legt ihr euch prächtige Weinberge an – und werdet den Wein nicht trinken … ich kenne eure vielen Vergehen und eure zahlreichen Sünden. Ihr bringt den Unschuldigen in Not, ihr lasst euch bestechen und weist den Armen ab bei Gericht …

[TEXT]

Der Apostel Stephanus nimmt die Worte Amos in seine im NT in der Apostelgeschichte überlieferten Rede auf:

"Ich habe euren Vätern, als ich sie aus Ägypten herausführte, nichts gesagt und nichts befohlen, was Brandopfer und Schlachtopfer betrifft. Vielmehr gab ich ihnen folgendes Gebot: Hört auf meine Stimme, dann will ich euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein. Geht in allem den Weg, den ich euch befehle, damit es euch gut geht."

Amos Worte hallen bis heute wieder und lassen sich quasi einem Narrenspiegel gleich auch uns vor Augen halten. Die Hauptanklage dieses ältesten Schriftpropheten richtet sich gegen die des Gottesvolkes unwürdigen Zustände im Staat, in der Verwaltung, im Gerichtswesen und in der Wirtschaft. Die oberen Schichten würdigen die Menschen niederer Herkunft und ungesicherter sozialer Lage zu bloßen Objekten ihres Erwerbs-, Macht- und Genusstriebs herab und brechen so das »Gottesrecht«.

Da, wo der Gottesdienst zur Farce wird, weil keine entsprechenden Konsequenzen um Umgang mit den Mitmenschen und der Umwelt im Alltag daraus hervorgehen, da helfen die schönsten Zeremonien nicht. Da kann die Deko noch so schön sein, die Kirche frisch renoviert und die besten Musiker aufspielen … Zeit der Narren.

Volle Fahrt voraus fährt das Narrenschiff.

Wo steuert es hin und wer fährt mit?

1494 landete Sebastian Brant mit dem "Narrenschiff" einen europäischen Bestseller, der nichts an Aktualität verloren hat. In 113 mit Hozschnitten illustrierten Kapiteln hält er der Spaßgesellschaft des christlichen Abendlandes den Narren-Spiegel vor.

"In diesen Spiegel sollen schauen

Die Menschen alle, Männer, Frauen;"

"Denn wer sich selbst als Narr eracht’t,

Der ist zum Weisen bald gemacht,"

"Wer will, der les‘ dies Narrenbuch,

Ich weiß wohl, wo mich drückt der Schuch,

Darum, wenn man will schelten mich

Und sprechen: ‚Arzt, heil selber dich,

Denn du bist auch in unsrer Rott!‘

So weiß ich und bekenn es Gott,

Dass ich viel Torheit hab begangen

Und muss im Narrenorden pragen,

Wie sehr ich mag die Kappe rütteln,

Ganz kann ich sie vom Kopf nicht schütteln."

Auch er bezierht sich auf die biblische Definition vom Narren:

"Ein Narr ist, wer es wagt und spricht,

Er sei befleckt von Sünden nicht:

Doch jedem Narren das gebrist,

Dass er nicht sein will, was er ist."

Im Mittelalter wurden unter Narren alle gefasst, die nicht in das System passten: Behinderte, Fremde, Andersdenkende. Sie wurden auf Schiffen fortgebracht, weit fort aus den Augen einer geordneten christlichen Gesellschaft – Ziel unbekannt.

Keine Kreuzfahrt für einen stattlichen Kapitän, so endete die Fahrt oft im Grauen. (In Nürnberg steht ein Brunnen, in Bronze gegossen ein Schiff mit seltsamer Fracht. Menschen mit Fratzengesichtern, Chaos pur. Es kommt einer Nahaufnahme des Untergangs der Titanic nahe. Seine Reise trat das Schiff doch viel früher an, seit Jahrhunderten ist es unterwegs.)

Beizeiten fanden auch die Narren ihren Platz in der Gesellschaft. Ein rigides System braucht ein Ventil um Dampf abzulassen. So wurde in der Fastnacht kirchlicherseits ein Freiraum geschaffen, in dem sich für alle für kurze Zeit die Verhältnisse umkehren. Masken machen die Gesichter unkenntlich. Bis ins späte 14. Jahrhundert bestand die Fastnacht als unschuldiges Vergnügen, später, ab ca. dem 15. Jahrhundert gehen die Narren eigene Wege. Sie parodieren bestehende Institutionen. Ritualisierte Handlungen wie die Durchführung von satirischen Rügegerichten, Scheinhochzeiten, Spottprozessionen vor allem auch das Fastnachtsspiel sind bis heute erhalten. Die verkehrte Welt findet sogar Ausdruck in der blasphemischen Parodierung der christlichen Riten: z.B. im Rückwärtslesen der Messe, Halten grotesker Predigten, Ausführen sündhafter Handlungen wie Tanzen und Würfelspiel in der Kirche und schließlich Krönen eines Narrenpapstes.

Die vorübergehende "verkehrte Welt" des Karnevals wird allerdings immer vor der Folie der "richtigen" Welt gesehen. Der Fastnachtsnarr führt in ihr eine Ausnahme- und Sonderexistenz, die von vorneherein durch den Aschermittwoch begrenzt ist.

Die Narren regieren mit Hofstaat und Uniform. Die Narrenkappe mit ihrem Glöckchen erinnert noch an das biblische Wort: "Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe (Gottes) nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle."

Als Dauerinstitution bildete einzig der Hofnarr die Ausnahme. Mit allen Freiheiten sich zu äußern ausgestattet erwies sich manch gefälliger Narr als weiser Berater.

"Schrift und Lehre sind veracht’t, / es lebt die Welt in finstrer Nacht / und tut in Sünden blind verharren; / Alle Gassen und Straßen sind voll Narren."

Schnell hat sich der Brauch verselbständigt, und so mancher kehrt nicht mehr in den Alltag zurück.

"Ich weiß noch etliche Fassnachtsnarren,

Die in der Torenkappe beharren.

Wenn man die heilige Zeit fängt an,

So stören sie noch jedermann:"

"Nur wen’ge sich der Asche nahen,

Um sie mit Andacht zu empfahen;

Fasching nonstop – Verzichten? Nein danke! Das kommt uns gar nicht so fremd vor.

Wer sitzt heute im Narrenschiff? Wer anders denkt und anders lebt, wird immer noch als Narr tituliert und so mancher möchte ihn wohl mit einem Raum-Schiff auf den Mond schicken. Auch der fröhliche Faschingsnarr zieht noch immer gerne auf seinem Prunkwagen oder –schiff durch die Städte. Die institutionalisierten Narren findet man in den Medien täglich zwischen Comedy und Satire. Kabarettisten von A-Z parodieren die Kanzlerin und ihren Hofstaat während aus den Lautsprechern "Angi" dröhnt, auch die Kirche bekommt ihr Fett weg – Narrenfreiheit. Neuerdings wird die Kirche wieder an Bord geholt und so wird ein Bischof Lehmann mit Kappe und Orden in die Reihe der Narren eingeordnet, schmeichelhaft? ein Wandel in der Grundordnung des Faschings? Mal sehn, wo das hinführt …

Und wir? Steigen wir mit ein?

Der bekannte Liedermacher Reinhardt Mey greift das Narrenschiff-Thema mit aktuellem Hintergrund wieder auf seine Worte erinnern an die Mahnungen Amos. Er schreibt:

Am Horizont wetterleuchten die Zeichen der Zeit:

Niedertracht und Raffsucht und Eitelkeit.

Auf der Brücke tummeln sich Tölpel und Einfaltspinsel.

Im Trüben fischt der scharfgezahnte Hai,

Bringt seinen Fang ins Trockne, an der Steuer vorbei,

Einst junge Wilde sind gefügig, fromm und zahm,

Gekauft, narkotisiert und flügellahm,

Tauschen Samtpfötchen für die einst so scharfen Klauen.

Und eitle Greise präsentier’n sich keck

Mit immer viel zu jungen Frauen auf dem Oberdeck,

Die ihre schlaffen Glieder wärmen und ihnen das Essen vorkauen.

Der Steuermann lügt, der Kapitän ist betrunken

Und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken,

Die Mannschaft lauter meineidige Halunken,

Der Funker zu feig‘ um SOS zu funken.

Klabautermann führt das Narrenschiff

Volle Fahrt voraus und Kurs aufs Riff.

Bilder von Schiffskatastrophen kennen wir, sie begegnen uns immer wieder im Film als Titanic, zwischen Italien und Albanien im Mittelmeer, Öltanker an den Küsten uns Passagierschiffen, die wie vor kurzem wieder Tausende von Opfern beklagen.

"Wir sind all guten Rates bar, Uns droht des Untergangs Gefahr,

Der Wind uns mit Gewalt hintreibt. Ein weiser Mann zu Hause bleibt

Und nimmt an uns sich gute Lehr, Wagt leichtsinnig sich nicht aufs Meer,"

Sind wir Narren im biblischen Sinn und entfernen uns von Gott und den Mitmenschen, kreisen wir nur noch um uns selbst und feiern uns, dann steuert unser Lebensschiff der Katastrophe zu. So sagt es Amos, Stephanus, so besingen es die Psalmen, so gilt es für uns heute wie damals.

Auszeit nehmen und den Alltag aus anderer Perspektive betrachten ist wichtig um die Zukunft neu gestalten zu können, das darf auch ruhig Spaß machen. Nichts gegen fröhliche Faschingsfeiern mit Maskera und Musik. Nach der Auszeit gilt es wieder in der Zeit zu leben.

Nichts gegen liebevoll vorbereitete Gottesdienste, geschmückte Altäre und Renovierungen, wenn das Herz dabei ist, wie es heißt: du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.

Wir Christen bereiten uns in der Fastenzeit, die am Mittwoch beginnt, intensiv auf das Osterfest vor, den Aufbruch neuen Lebens, das die Gottesferne überbrückt, das den Tod und alles, was in der Welt schief gelaufen ist, überwindet. Der Mensch kehtrt vom Narrendasein zurück zur Ebenbildlichkeit gottes. Dazu gehört auch im Nachdenken über unseren Umgang mit anderen Menschen und mit unserer Lebenszeit, Ballast abzuwerfen, und unser eigenes Lebens-Schiff zu gründlich warten – für einen Neustart mit Gott am Ruder.

Dann ströme das Recht wie Wasser und die

Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Hellau – Halleluja!

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