Brief an einen Kirchenkritiker

Liebe Gemeinde,

zu Beginn meiner Predigt möchte ich heute einen Brief verlesen.

Sehr geehrter Herr Pfarrer,

auf Ihre Nachfrage, warum ich mit der Kirche nichts mehr zu tun haben will, möchte ich Ihnen folgendes antworten. Mich hat in Ihren Gottesdiensten immer Ihre laute Orgel furchtbar gestört auch das schreckliche Geplärre ihres Chores. Den Pfarrern glaube ich schon lange nicht mehr, die predigen doch nur Dinge, die Sie selber nicht tun, und die Diakonie ist doch nur darauf bedacht Geld zu machen. Viele von den so genannten Christen, die am Sonntag immer recht fromm tun, sind unter der Woche genau so unbarmherzig, wie die ganze Gesellschaft.

Die Kirche ist für mich nicht mehr glaubwürdig. Zu vielen aktuellen Fragen, die unsere Welt betreffen, schweigt sie. Ach wenn sich doch die Kirche wirklich mehr für Recht und Gerechtigkeit einsetzen würde.

Mit freundlichen Grüßen

Lieber Kirchenkritiker, so habe ich mein Antwortschreiben begonnen, aus dem ich Ihnen liebe Gemeinde die wichtigsten Teile vorlesen möchte:

Lieber Kirchenkritiker,

vieles was Sie schreiben, haben Sie sicher so erlebt und manches kann ich sogar nachempfinden. Ich erlaube mir aber, auf ein paar von Ihnen genannte Punkte näher einzugehen.

Tatsächlich bin ich auch kein großer Freund der reinen Orgelmusik und so manchmal habe ich mir im Gottesdienst gedacht, ob das wirklich so laut sein muss, aber ich vermute, was sie da mit der Orgel und mit dem Chor ansprechen, erlauben Sie mir meine Direktheit, nur ein vorgeschobenes Argument ist. Sicher geht bei Ihnen die Sache tiefer.

Ich möchte das, was ich meine mit einem kleinen Beispiel erläutern. Früher haben an Weihnachten bei uns öfter mal die eigenen Kinder ein kleines musikalisches Programm dargeboten. Sie haben es so gut gemacht, wie sie es eben konnten. Und auch wenn da mal etwas falsch war oder ein schiefer Ton mit herauskam, so konnte ich mich doch von Herzen darüber freuen, weil ich wusste, man möchte mir eine Freude machen.

Vielleicht hat Sie das mit der Orgel, mit den Posaunen oder den Chören deshalb so gestört, weil Sie herauszuhören meinten, dass hier nicht mehr die Liebe zur Musik, die Freude am Gottesdienst und der Dienst am Nächsten im Mittelpunkt standen, sondern das Ego des oder der Akteure.

Ja, lieber Kirchenkritiker, das kommt schon mal vor in unseren Gemeinden, aber das ist doch wirklich die Ausnahme. Wie oft dagegen spürt man, dass die geistliche Musik einem ins Herz geht und manchmal ein Lied wochenlang in einem nachschwingt und das eigene Leben dadurch froher und heller wird.

Ich verstehe Ihre Kritik als einen wichtigen Hinweis an uns nach dem Motto: „Es ist oft nicht der hörbare Ton entscheidend, es kommt auch sehr auf die Untertöne an, die bei vielen Dingen mitschwingen und einem alles verleiden können. Auch bei der Musik müssen Kunst, Glaube und Leben zusammenpassen.

Was Sie über uns Pfarrer schreiben, trifft mich natürlich besonders hart: „Die predigen doch nur Dinge, die Sie selber nicht tun“. Natürlich sind diese Vorwürfe nicht neu und sicher gibt es zu Recht das Sprichwort: „Wasser predigen und Wein saufen“.

Wenn Sie das wirklich so erlebt haben, wie Sie das Schreiben, kann ich Ihre Enttäuschung verstehen. Ich glaube schon, dass ein Pfarrer eine Pfarrerin das leben sollte, was er oder sie predigt; obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, dass man zwar vielfach im Leben weiß, was richtig wäre, man es aber oftmals doch nicht selbst schafft. Das darf aber keine Entschuldigung sein, dass man es nicht immer und immer wieder neu versucht. Ich persönlich möchte Ihren Vorwurf gerne ernst nehmen und mich fragen, ob mein Reden auf der Kanzel auch authentisch ist.

Was ich aber nicht gelten lassen würde, wenn Sie an uns Pfarrer beim Lebensstiel eine höhere Messlatte anlegen würden, als an alle andern Menschen in der Gemeinde. Das wird immer gerne gemacht, da heißt es dann immer: „aber der ist doch Pfarrer“, als ob Pfarrer oder Pfarrerinnen Christen erster Klasse wären.

Aber ich erlaube mir noch einmal, Sie zu Interpretieren. Wenn Sie von uns Pfarrern reden meinen Sie vielleicht die ganze Kirche, oder zumindest die Kirche wie sie in der Gesellschaft in Erscheinung tritt.

Und da muss ich Ihnen leider ein Stück weit Recht geben mit Ihrer Kritik. Ich selbst empfinde in letzter Zeit auch diese Spannung, zwischen den offiziellen Verlautbahrungen unserer Kirche und dem wie sie selbst mit Menschen umgeht.

Über eine Million Menschen sind z.B. in Deutschland bei der Kirche und Diakonie bzw. Caritas beschäftigt und man hört in letzter Zeit sehr viele Klagen darüber wie Kirche mit ihren Angestellten umgeht.

Von der 38 Stunden Woche können die kirchlichen Angestellten nur noch träumen, die wurde ihnen einfach vor zwei Jahren gestrichen.

Sie sehen vielleicht lieber Kirchenkritiker, dass ich manche Ihrer Vorwürfe sehr gut nachvollziehen kann, aber ich glaube nicht, dass es richtig ist, wenn Sie die Menschen, die am Sonntag in die Kirche kommen, pauschal als „so genannte Christen“, die nicht ihren Glauben leben, verurteilen.

Sicher ist es so, dass jeder seine eigenen Motive hat, um am Sonntag in die Kirche zu gehen. Der eine, weil es Tradition ist, die andere, weil sie Trost sucht, ein anderer weil er einen bestimmen Pfarrer hören will oder die Konfirmanden. weil es in der Konfirmandenzeit eben dazu gehört, in den Gottesdienst zu kommen.

Aber all diesen Menschen vorzuwerfen, dass sie am Sonntag sich fromm zeigen und ansonsten sich nicht nach Gott richten, ist ein Vorwurf, den ich so nicht stehen lassen kann.

Niemand, Sie nicht und ich auch nicht, können in das Herz eines Menschen schauen. Aus diesem Grund sollten wir vorsichtig sein, über einen anderen zu urteilen.

Und dennoch möchte ich Ihnen so weit recht geben, dass es nicht sein kann, dass jemand am Sonntag so tut, als wäre ihm der Glaube besonders wichtig und dann wenn er nach Hause kommt, ist er wieder eine ganz anderer Menschen und alles was mit Kirche und Glaube zu tun hhat, will er dann nicht mehr wissen.

So etwas geht natürlich für einen gläubigen Menschen nicht, das wäre ja ein Widerspruch in sich, das wäre unecht.

Zum Schluss lieber Kirchenkritiker werden Sie überrascht sein, wenn ich sie noch auf ein Wort aus der Bibel hinweisen möchte, das die Menschen in der damaligen Zeit in gleicher Weise kritisiert, wie auch Sie heute die Kirche kritisieren.

Bitte legen Sie meinen Brief nicht weg, sondern lassen Sie sich überraschen, wie Ihnen die Bibel in manchen Dingen Recht gibt.

Da steht doch z.B. im Buch des Propheten Amos im Alten Testament in Kapitel fünf folgendes Bibelwort:

[21] Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. [22] Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. [23] Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! [24] Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Dieser Text ist zufällig der Predigttext für meinen nächsten Gottesdienst in meiner Gemeinde. Lange habe ich überlegt was ich zur Gemeinde über diesen Text sagen soll. Vielleicht lese ich ihr einfach meinen Brief an Sie vor.

Und was ich ihr sagen werde, ist vielleicht auch für Sie vielleicht ein Grund noch einmal über Ihre Entscheidung nachzudenken.

Wie damals der Prophet das Volk Israel in aller Schärfe kritisiert hat, so ist es auch heute notwendig die Kirche zu kritisieren für alles was falsch läuft.

Doch das Kritisieren allein bringt letztlich nichts, wenn man dann nicht selbst bereit ist zu verändern, was man kritisiert hat. Wer andere anklagt, dass ihr Christsein nicht glaubwürdig ist, soll selbst ein Vorbild sein und zeigen wie es gemacht wird.

Recht und Gerechtigkeit kommen nicht von selbst in unsere Welt; sie fallen nicht vom Himmel, damit aber „das Recht wie Wasser strömt und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ ist jeder Mann und jede Frau notwendig.

Wenden Sie uns nicht den Rücken zu, sondern helfen Sie uns das zu tun, was Gott durch uns in unserer Welt wirken will.

Ihr Pfr. Kuno Hauck

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