Lass dir an meiner Gnade genügen

Liebe Gemeinde,

Visionen und Offenbarungen in denen sich Gott zeigt, es wäre doch eine gute Sache, wenn wir Gott so nahe spüren würden. Paulus redet sehr zurückhaltend von seinen Erfahrungen, er führt sie nur an, weil die Korinther ihn angegriffen und von ihm gesagt habe: "Dieser Paulus hat keine vorzeigbaren geistliche Erfahrungen, er ist nur ein Christ zweiter Klasse." Er muss vor seinen Glaubensbrüdern rechtfertigen. Und so führt Paulus seine Erfahrungen an, um diese Leute zu widerlegen. Interessant ist, er das macht. Er redet davon, um gleich wieder von ihnen weg zu weisen. Und er hat seine guten Gründe, drei davon will ich nennen: Visionen und Offenbarungen sind nichts spezifisch Christliches – es gibt sie in allen Religionen Visionen und Offenbarungen sind nichts spezifisch Gemeinschaftsförderndes – sie gelten dem einzelnen Visionen und Offenbarungen sind nichts spezifisch Erstrebenswertes – sie sind ein Geschenk. So weist er also von ihnen weg und zeigt auf drei andere Dinge, auf Jesus Christus, auf die Bibel und auf unsere Schwachheit im Alltag. Wir wollen uns diese drei Dinge in Ruhe anschauen.

Wir finden Gott nicht in Visionen und Erfahrungen, wir finden ihn in Jesus Christus. Schauen wir uns die Lebensgeschichte des Paulus an. Bis Jesus ihm begegnete, war ein glühender Christenverfolger. Ob Menschen jetzt wie Paulus aktiv die Christen verfolgen, sie im Stillen belächeln oder dem Glauben gleichgültig gegenüber stehen: sie brauchen eine Begegnung mit Jesus Christus. Doch diese Begegnung sieht für jeden Menschen anders aus. Spektakuläre Erfahrung des Paulus vor Damaskus Begegnung im Traum, wie es z.B. manche Moslems berichten, die zu Jesus Christus gefunden haben. Tiefe Erfahrung von Gottes Frieden und Gewissheit wie bei mir in aller Stille. Auf jeden Fall können wir Gott in Jesus Christus erfahren. Gott ist tot las ein Christ, als Graffiti auf eine Mauer gesprüht. Seltsam, denkt er bei sich, gerade habe ich noch mit ihm geredet.

Wir finden Gott nicht in Visionen und Erfahrungen, wir finden ihn in der Bibel. Mit Jugendlichen habe ich über die Jahreslosung gesprochen. Er hat zu Josua gesagt: "ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht." Und so kamen wir Gespräch darauf, wie Gott redet. In der Bibel gibt es Berichte, wie zu Josua und anderen Menschen direkt geredet hat. Das sind besondere Erfahrungen. In der Regel wählt Gott einen anderen Weg: die Bibel. Spontaner Ausspruch einer Jugendlichen: dann muss ich die Bibel aber lesen. Recht hat sie. Durch die Bibel möchte uns Jesus Christus erziehen. Auf der einen Seite hat Paulus zwar den offenen Himmel gesehen, auf der anderen Seite muss er jeden Tag mit seiner unheilbaren Krankheit kämpfen. Er sieht diese Krankheit als Erziehungsmaßnahem Gottes und dadurch bekommt er Kraft, mit ihr zu leben. Durch die Bibel möchte uns Jesus Christus geduldig machen Solche Geduld brauchen wir z.B. für Krankheiten. Ein Bekannter meinte: »Es ist doch schlimm, was mancher Mensch durchzumachen hat.« Eine Bekannte fragte, ob wir einen Herrn Sowieso kennen würden. »Er hatte Krebs«, sagte sie, »und hat sich erschossen.« Bei diesem Kranken handelte es sich um einen älteren Mann. Als sie unser Entsetzen merkte, sagte sie: »Und dieser Fall steht nicht alleine. Ich kenne noch einen anderen, einen wesentlich jüngeren Ehemann, Familienvater. Auch er hörte, dass er Krebs habe. Er hat sich ebenfalls erschossen.« Wir waren betroffen. Das Gespräch verstummte für eine Weile. Nachfolger Jesu haben es besser, musste ich denken. Ich kenne eine Frau, die vor drei Jahren eine Operation an der Wirbelsäule hatte, im Jahr danach an der Hüfte operiert werden musste und ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt bekam und wiederum ein Jahr später erfuhr, dass sie Lymph- und Darmkrebs habe. Wieder kam sie ins Krankenhaus. Bewusst bereitete sie ihren Abschied von dieser Erde vor. Sie bezeugt, dass sie gerade in den Phasen größter körperlicher Schwächen die Nähe ihres Heilands Jesus Christus in einzigartiger Weise erfahren habe. Wenn sie gefragt wurde, wie sie das alles durchhält, antwortete sie: »Christus schenkt mir für jeden Tag die Kraft!« Durch die Bibel möchte uns Jesus Christus solche Kraft geben und damit kommen wir zu dem dritten:

Wir finden Gott nicht in Visionen und Erfahrungen, wir finden ihn der Schwachheit unseres Alltages. Im Alltag müssen wir nicht nur mit Menschen rechnen, die von Gott nichts wissen wollen. Wie Paulus in Korinth bekommen wir von selbsternannten Wächtern des Evangeliums Kreuzfeuer und werden im Namen des rechten Glaubens unter Beschuss genommen. Dieser Tage habe ich einen Artikel von Jürgen Werth mit dem Titel: "Die Wärter auf den Zinnen – peilen und zielen nach innen" gelesen. "Zuweilen hat es den Anschein. Denn im Namen der Wahrheit drischt manch Glaubensbruder auf die verdutzten "Geschwister im Herrn" ein. Öffentlich natürlich. Und immer im Namen der Bibeltreue, der reinen Lehre, der wahren Gemeinde. Auch im Namen des Evangeliums? Wohl kaum. Denn Jesus mahnt seine Leute, einander anzunehmen und ernst zu nehmen. Nicht eben freundlich redet er denen ins Gewissen, die ihre Geschwister "Nichtsnutze", "Narren" oder Schlimmeres heißen. "Richtet nicht, auf dass Ihr nicht gerichtet werdet!" lautet seine Warnung. Ein Kollege nennt sie zuweilen die "Wächter auf den Zinnen", vor denen man sich hüten müsse. Solche Wächter hat noch jede mittelalterliche Stadt bestellt, um mögliche Feinde auszumachen und abzuschrecken. Die Wächter der Postmoderne aber bestellen sich selbst. Und wachen mit veränderter Blick- und Schussrichtung. Peilen und zielen nach innen – auf die Stadt. Den Menschen vor der Stadtmauer soll’s recht sein. Die Frommen lassen sie endlich in Ruhe. Haben vergessen, wozu sie eigentlich berufen sind. Geben ihre Zeitgenossenschaft kampflos auf. Sind nicht länger Salz der Erde und Licht der Welt. Haben an sich selbst und an ihren Problemen genug." Auf der anderen Seite gibt es Christen, die wegen ihrem Glauben verfolgt werden. Am Mittwoch hatten wir ein Mitarbeiter des Missionswerkes "Open Doors" zu Gast der uns von verfolgten Christen in Nordkorea, Indonesien, Mexiko und anderswo berichtetet. Christlicher Glaube lohnt sich; seit 2000 Jahren haben Menschen trotz Schwierigkeiten und Verfolgung an Jesus festgehalten. Und zum dritten können es Krankheiten sein, die unserem Glauben zu schaffen machen. Wenn ich an Gott glaube, warum verschont er mich nicht davon. Oder heilt mich wenigsten, wenn ich zum beten. Paulus machte diese Erfahrung: "Dreimal schon habe ich Gott angefleht, dass er mich davon befreit." Und Gott hat ihn nicht geheilt.

Schwachheit gibt es genug, ob es die Schläge der Glaubensgeschwister, die Verfolger, Krankheiten oder ganz andere Dinge sind, die uns zu schaffen machen. So lange wir leben, werden wir uns mit Schwierigkeiten herumschlagen. Der christliche Glaube verspricht nicht, dass diese Schwierigkeiten aufhören werden. Seine Stärke liegt in einem ganz anderen Bereich: er gibt uns die kraft, in all unserer Schwachheit mit diesen

Schwierigkeiten umzugehen.

Der Schlüsselvers, den eigentlich jeder auswendig können sollte ist hier für mich: "Verlass dich ganz auf meine Gnade. Denn gerade wenn du schwach bist, kann sich meine Kraft an dir besonders zeigen." Oder in der prägnanten Sprache der Lutherbibel: "Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." Was machen wir Menschen nicht alles, um unsere Schwächen zuzudecken. Dadurch lasten sie auf uns und machen uns fertig. Bringen wir sie stattdessen zu Gott und lassen sie in Stärke umwandeln, dann werden wir mit ihnen fertig.

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