Zwei Männer, zwei Geschichten

Liebe Gemeinde,

die Geschichte von zwei Männern will ich Ihnen und euch jetzt erzählen. Zwei Männer; zwei Geschichten zum Mut machen.

Der eine ist der Apostel Paulus. Was ihn so alles beschäftigt, davon haben wir in der Lesung von Frau Groth gehört.

Predigttext für heute also keine knackigen Sätze des Apostels. Auch theologische Erläuterungen „von Hühnchen auf Stöckchen“ sind heute nicht an der Reihe. Sondern eine sehr ausführliche Darstellung dessen, wie es ihm ergangen ist, wie es ihm geht.

Einen Ausschnitt davon möchte ich noch einmal vorlesen. Der Apostel schreibt:

[TEXT]

ch weiß nicht, wie es Ihnen und euch damit geht – aber bei mir setzt eine gewisse Ermüdung ein, wenn ich mir das alles anhören muss.

Geschichten, in denen andere nicht damit zu Ende kommen, wie schlecht es ihnen geht – die sind ab einem bestimmten Punkt nur noch schwer auszuhalten.

Aber – um dem Apostel auf lange Sicht kein Unrecht zu tun – diese ganze Schilderung hat ja eine ganz bestimmte Absicht: Paulus rühmt sich seiner Schwachheit. Anders ausgedrückt, er beansprucht eigentlich überhaupt gar keinen Ruhm wegen durchlittener Nöte und Gefahren für sich selber. Wenn einer gerühmt werden soll, dann Jesus Christus. Das hätte er vielleicht auch so sagen sollen, dann wäre es leichter gefallen, ihn zu verstehen.

Zur allgemeinen Unverständlichkeit passt auch seine Vision über die Entrückung in den dritten Himmel – das ist einfach schwer!

Und mit seinem Ausdruck von dem „Pfahl in seinem Fleisch“ hat er den hungrigen neutestamentlichen Forschern ordentlich Nahrung hingeworfen. Einige von denen machten an diesem „Pfahl“ dann die Krankheit Epilepsie fest …

Aber, liebe Gemeinde, wer bin ich, ein bescheidener Dorfprediger, dass ich es wagen würde, die Worte dieses großen Denkers in Bausch und Bogen als unverständlich abzutun. Darum habe ich nach einem Vers, wenigstens nach einem Satz Ausschau gehalten, an den ich mich halten, an dem ich mich festhalten kann. Und siehe, ich wurde fündig: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Das ist es doch – und darauf kommt es sowohl dem großen Denker als auch mir an: Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig!

„Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Gnade – die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes im Deutschen war ‘Herabneigung’. Da beugt sich einer herunter zu dem, der gestrauchelt ist und am Boden liegt. Aber nicht, um ihm den Rest zu geben. Sondern, um ihn wieder aufzurichten. So, wie sich ein Vater oder eine Mutter gegenüber dem Kind verhält – aus Liebe. Dieser Vergleich hilft mir bei der Vorstellung von der göttlichen Gnade: Gott wird uns innerlich wie äußerlich wieder aufrichten, wenn wir – aus welchem Grund auch immer – gefallen sind. Gnade äußert sich also in neuer Kraft, die uns gegeben wird.

Damit ist leider nicht gemeint, dass sich ab sofort alle schlechten Verhältnisse zum Guten wenden. Oder dass aus allem Dunkel plötzlich Helligkeit wird.

Aber vielleicht so, wie Dietrich Bonhoeffer es in einem Brief aus dem Gefängnis geschrieben hat: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen können.“

Doch nicht Dietrich Bonhoeffer ist der zweite Mann, dessen Geschichte ich erzählen möchte. Es ist jemand anders, seinen Namen nenne ich nicht.

Ich habe diesen Mann besucht. Und ich werde ihn demnächst beerdigen.

Habe ich jetzt durch meine Direktheit erschreckt? Das ist nicht meine Absicht gewesen.

Eher will ich damit etwas von der Direktheit und Nüchternheit dieses Mannes zum Ausdruck bringen.

Er hat sich mit mir verabredet, um mir Stichpunkte für die Traueransprache zu seiner Beerdigung zu geben. Wie lange er noch leben wird – schwer zu sagen. Er hat Krebs.

Wie lange er noch hat – Gott allein weiß es. Und damit hat dieser Mann sich arrangiert. Und hat doch die Hoffnung, noch einmal die Schwalben im Frühling zu sehen.

Und er hat Kraft. Er will seine Angelegenheiten regeln. Seine Familie soll versorgt sein, soll sich nicht mit so vielen Dingen belasten müssen, wenn die Trauer über seinen Tod alles zu überschwemmen droht. Er will alles ordentlich hinterlassen.

Keine Frage, das alles kostet unheimlich viel Kraft. Aber dieser Mann hat sie. Woher? Der Apostel Paulus hatte eine Antwort: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Dieser Mann, der so viel noch regelt, der so viel Stärke und Kraft hat – er ist trotz allem ja noch ein Mensch. Ein Mensch mit Ängsten und Sorgen. Auch davon war viel zu spüren in unserem Gespräch.

Seinen Erinnerungen zuzuhören, war wesentlich angenehmer, als diejenigen des Apostels zu lesen! In der Rückschau auf seine Leben habe ich von ihm ganz viel Dankbarkeit gehört. Es ist ihm wirklich gut gegangen, viele, viele Jahre.

Was kommt als nächstes für ihn? Woran kann er, kann sich seine Familie noch halten?

Bevor ich mich von seiner Frau und ihm verabschiedete, bat er um Gottes Segen.

Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

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