Nicht wie ich aussehe, sondern wie Gott mich ansieht!

Was muss man eigentlich von einem Menschen wissen, um ihn zu kennen?

Die Konfirmanden brauchten nicht lange, um zu sagen, was ihrer Meinung nach auf dem Steckbrief auf keinen Fall fehlen darf: Name und Vorname, Alter, Beruf, Aussehen, Hobbies, Lieblingsmusik und Lieblingsessen.

Das reicht, um sich ein Bild zu machen – eigentlich würde auch schon die Musik oder das Aussehen ausreichen. So einfach geht das. Was entscheidet bei uns, welches Bild wir von einem Menschen haben? Sein Auftreten, sein Erfolg, sein Aussehen, die Klarheit und Wärme seiner Rede?

Oft entscheiden wir ja ganz aus dem Bauch heraus, ob uns jemand sympathisch ist oder nicht. Oft liegt es aber auch daran, ob wir seine Ansichten teilen – oder sie ablehnen. Aber es ist mittlerweile auch eine hohe Kunst geworden, an seinem Erscheinungsbild zu arbeiten. Also es gilt nicht mehr allein die Frage, was entscheidet bei uns, welches Bild wir von einem anderen haben, sondern wie können wir uns ins rechte Licht rücken, ins gewollte Bild setzen, damit die anderen an mir sehen, was ich will. Ich bestimme das Bild, das andere von mir haben, wenn ich nur richtig auftrete. Es gibt dabei nur ein Problem.

Manchen gelingt dies nicht. Sie kommen einfach nicht raus aus der Ecke, in der immer die Verlierer und die Versager hocken, werden das Image der Schmuddelkinder, mit denen man nicht spielt, nicht los und finden kein Gehör in einer Welt der gestylten Sieger und Schauspieler. Viele leben nach dem Motto: du bist ok. – ich leider nicht. Ein unüberwindbares Prinzip unter Menschen – zwangsläufig und gesetzmäßig?

Jedenfalls omnipräsent, überall anzutreffen.

Das beste Bespiel dafür ist der Predigttext diesen Sonntags. Wir mögen heute aus dem Abstand heraus Paulus für einen Siegertypen halten und seinen Feldzug für die Sache Jesu für eine einzige Erfolgsgeschichte, denn schließlich geht die weltumspannende Verbreitung der Kirche auf sein rastloses Reisen und Predigen zurück. Und dennoch: eine Alltagserfahrungen waren andere.

In Korinth zum Beispiel machte man sich lächerlich über seine Erscheinung und sein Auftreten: starke Briefe, sagen seine Gegner, aber wenn er anwesend ist, ist er schwach und seine Rede kläglich (2.Korinther 10,10). Er gibt den Narren und, wenn sie die Kapitel 11 und 12 im 2.Korintherbrief zu Hause einmal nachlesen, er macht sich bewusst zum Narren. Man lächelt über ihn , man verspottet ihn und die noch jungen (wohl gemerkt: nicht dem Alter nach) Christen laufen lieber den charsimatischen Führerpersönlichkeiten hinterher, die ihre Autorität und ihre Legitimation aus ihrem Auftreten ableiten. Sicher und gewandt, mit kluger, mitreißender Rede und selbstsicheren Gesten haben sie die Mehrheit schnell auf ihrer Seite.

Mir kommt das sehr modern vor, wenn ich an das Menschenbild im Medienzeitalter denke und wenn ich mir die Situation auf dem religiösen Markt anschaue. Es gibt ein ganz vorherschendes Bild vom Menschen: jung, erfolgreich, sportlich und dynamisch, perfekt eingekleidet und immer mit einem Lächeln im Gesicht kommt es daher und mich beschleicht immer das Gefühl, das die Gesichter irgendwie austauschbar sind, egal in welcher Telenovelle oder in welchem Werbespot ich gerade und bin. Aber die Botschaft kommt dennoch an: mit dieser Creme oder diesem Duft komme ich diesem Bild von Mann oder Frau näher, werde ein bisschen mehr so, wie ich sein sollte, wenn es nach dem Mainstream geht. Noch ein paar Pfunde weniger und ein paar Strähnchen mehr, dann gelingt es.

Einige, das gebe ich gerne zu, machen da nicht mit und leben bewusst in offenem Widerstand dazu, provozieren mit ihrem entgegengesetzten Lebensstil. Aber eben nicht alle. Und dann kommt der Alltag, die Schule macht Schwierigkeiten, im Beruf bleibt der Erfolg aus, mit den Kindern gibt es Ärger, mit zunehmenden Alter kommen gesundheitliche Probleme dazu und die ganze schöne Fassade bröckelt. Das Leben ist nicht so , wie wir es uns immer einbilden. Licht und Schatten wechseln sich, ich schwebe nicht immer auf der Erfolgswelle oder im siebten Himmel, ich wandere manchmal auch im finstern Tal.

Es können nicht alle in die Maße sich ständig wandelnder Schönheitsideale passen. Was aber dann, wenn ich dieser bitteren Wahrheit ins Gesicht schauen muss ? „Muss“ , weil ich vor der Brutalität des Lebens nicht länger davon laufen kann. Dann bricht eine Welt zusammen und ich erlebe eine hoffentlich heilsame Enttäuschung.

Paulus kennt das. Er kämpft mit seiner äußeren Erscheinung, er ringt mit den Worten, die ihm am Schreibtisch so leicht kommen, er hadert mit Gott wegen seiner gesundheitlichen Probleme. Er betet und betet ein ums andere Mal. Aber er wird nicht jung und schön und rhetorisch begabt. Gott erfüllt ihm nicht seinen Wunsch.

Auch das ist für mich eine der ernsten Brutalitäten des Lebens und des Glaubens, das Gott Gebete hört, erhört, aber oft nicht so, wie wir es wollen, sondern wie er es für richtig hält. Jesus betet so im Garten Gethsemane: nicht mein Wille, Vater, sondern dein Wille! Ich denke wir alle kennen Fälle, wo wir für Kranke und Leidende gebetet haben und Krankheit und Leid sich gewendet haben. Wir kennen aber auch die Menschen, die krank geblieben oder an ihrer Krankheit zu Grunde gegangen sind. Ehemänner und Ehefrauen, Väter, Mütter und Freunde, Kinder und Enkelkinder sind gestorben trotz der vielen Gebete.

Paulus hat für sich eine wunderbare Antwort auf diese ewige Anfechtung des Glaubens gefunden. „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Ich weiß, dass ich diese Antwort nicht eins zu eins auf jedes Leben übertragen kann, ja das jeder seine Antwort finden muss. Aber Paulus hat es gelernt, seine Schwächen anzunehmen, weil er erfahren hat, dass Gott ihn annimmt. Er hat gelernt, dass es nicht auf das Bild ankommt, das Menschen sich von ihm machen, sondern darauf, wie Gott ihn sieht und Gott möchte ihn stark machen.

Wenn wir an dieses Ziel mit unserem Leben kommen, uns anzunehmen, wie Gott uns sieht und annimmt und uns stärken und aufrichten will, dann werden die finsteren Täler nicht verschwinden, aber wir werden aufrecht den Weg durch sie hindurch finden. Wenn Paulus das nicht gelernt hätte, dann hätte er wahrscheinlich wie die anderen geprahlt.

Schließlich hat er ja religiös was vorzuweisen: Ekstase, Offenbarungen, Visionen, den dritten Himmel, das Paradies. Aber er gibt nichts drauf. Auch diese Situation erscheint mir sehr modern zu sein.

Weltweit wachsen die evangelikalen, charismatischen oder pfingstlerischen Gemeinden mit Zuwachsraten, da können wir nur staunen bei unseren schrumpfenden Gemeinden. Ich gehöre nicht zu denen, die jetzt vor dem sich ausbreitenden Fundamentalismus warnen. In Evangelium und Epistel haben wir ja gehört, das Gottes Wort, das mir in der Gestalt der Bibel begegnet, immer ein gutes Fundament ist. Aber wenn ich glaube um meiner Erfahrung willen, wenn ich Glauben nur mit Offenbarungen, Visionen und Ekstase leben kann, dann geht irgendetwas schief. Meine Gotteserfahrungen gehören mir und Gott. Meine Begegnungen sind Ausdruck meiner engen Verbindung mit Gott und können nicht Mittel der Selbstdarstellung sein, egal ob in Politik oder in Gemeinde.

Man mag uns Protestanten und uns Nordlichtern ganz besonders trockene Nüchternheit vorwerfen, aber das dürfen wir getrost als Kompliment verstehen. Wir müssen nicht mit unseren religiösen Gefühlen und Erfahrungen hausieren gehen. Auch damit würden anderen nur ein Bild von uns vormachen. Es bleibt dabei und das ist gut und entlastend inmitten all der Angefochtenheit und der Umstrittenheit, in der wir, jeder einzelne sich privat oder öffentlich vorfindet: Wir dürfen Ja zu uns sagen wo Gott ja zu uns sagt. Daran dürfen wir Genüge haben. Auch wir dürfen leben mit dem Versprechen: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

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