Lass dir an meiner Gnade genügen

Liebe Gemeinde,

Vor drei Tagen sind unsere Kinder zu den Großeltern gereist. Unser Jüngster hatte einen Ritterhelm im Gepäck. Den wollte er aufsetzen, wenn er ankommt. Und dann – so stellte er sich vor – würden die Großeltern staunen und denken: „So stark ist er, unser Enkel! Ein Ritter!“ Unter seinem Helm war er wirklich ein Ritter. Für uns ein Rollenspiel, für ihn ganz echt.

Es ist Faschingszeit, Narrenzeit. Da schlüpfen auch manche Erwachsene in Kostüme und legen für einen Abend die Rollen des Alltags ab. Für einen Moment wird die Wirklichkeit bewusst verändert. Über die Grenzen der Parteien und Konfessionen hinweg werden die Rollen getauscht. Da setzen sich prominente Leute aus Politik und Religion die Narrenkappe auf und halten Büttenreden, die, wenn sie gut sind, im Kern auch Weisheit tragen. Sogar Orden gibt’s dafür.

In unserem heutigen Text spricht Paulus als Narr. Das stellt er selbst in der Umrahmung zu unserem Text ausdrücklich klar. Er hält eine Rede, die man überschreiben könnte mit den Worten: „Über die Prahlerei oder: Womit ein Apostel angeben sollte“. Ich stelle ihn mir vor mit einer unsichtbaren Narrenkappe auf dem Kopf; ein Auge zwinkert, das andere ist ernst, während er beginnt:

Man muss also prahlen! Gerühmt werden muss und da möchte ich erstens mit all dem angeben, was ich durchgemacht habe. (Das beschreibt Paulus im Kapitel unmittelbar vor unserem Predigttext) Er hat Bedeutendes zu bieten: Viel mehr als ihr alle habe ich gearbeitet und gelitten, war öfter gefangen und öfter in Todesnot, in allen erdenklichen Gefahren zu Lande und auf dem Wasser und unter Menschen und litt Hunger und Durst und Schiffbruch …

Zum zweiten, sagt Paulus, prahle ich nun mit etwas anderem. Ich komme ich auf einen Mann zu sprechen, der vor 14 Jahren wundervolle Visionen und Offenbarungen hatte. Er war entrückt bis in den dritten Himmel. Und dort – im Paradies – hörte er unaussprechliche Worte. Mit diesem Mann will ich angeben. Gewaltige Visionen hat dieser Mann in seiner Biographie vorzuweisen, eine immense Nähe Gottes. Paulus spricht hier von sich wie von einem anderen Menschen; fast ehrfürchtig weist er auf die Geschehnisse zwischen Gott und sich hin. Im dritten Himmel zu sein, im Paradies – mehr an Gottesbegnadung ist ja wohl nicht möglich.

Mit diesen Bildern spitzt sich die Narrenrede zu.

Dass Paulus sich zum Narren machte, hatte damals allerdings keinen spaßigen Hintergrund. Er wollte keinen „Orden wider den tierischen Ernst gewinnen“, sondern er steckte in außerordentlichen Schwierigkeiten: In der von ihm gegründeten Gemeinde Korinth wurde er stark angefeindet. Es ging dabei nicht um einzelne Worte oder kleine Schwächen. Es ging um das Ganze seines Apostolates. Die Gegner sprachen es ihm ab: zu wenig glanzvoll sein Auftritt, zu wenig außergewöhnlich seine Gotteserfahrungen, zu kompliziert seine Gedankengänge – so die Vorwürfe. Da gibt es andere, die den christlichen Glauben viel besser verkaufen können.

Paulus wehrt sich leidenschaftlich gegen die Angriffe: mit Worten, mit starken Gefühlen, mit Tränen … er schreibt in wechselndem Stil: mal voller Ernst und mal voller Ironie, mal als Gelehrter und mal – so wie hier – als Narr.

Es ist kaum vorstellbar, was der Narr Paulus vorzuweisen hat an durchgemachten Erfahrungen und Erlebnissen mit Gott. Es ist nicht zu steigern. Und in diesem Moment, wenn den Zuhörenden sozusagen der Mund offensteht vor Staunen, scheint es, als machte Paulus eine kleine Pause, als rückte er sich im Geiste die Narrenkappe zurecht, während er neu ansetzt: Mit all dem will ich nicht angeben – auch wenn ich es könnte! – sondern: mit meiner Schwachheit! Meint er das nun ernst oder ironisch?

Ist es zum Lachen oder zum Weinen? Zum Johlen oder Innehalten?

Mir ist, als würde Paulus sich an dieser Stelle die Narrenkappe vom Kopf ziehen. Jetzt wird es wirklich ernst. Eindeutig spricht er von sich und seinem Glauben. Der übermäßigen Anhäufung von Abenteuern und ekstatischen Erlebnissen stellt er plötzlich seine ganze Schwäche gegenüber. Er spricht nun sehr persönlich – von seinem „Pfahl im Fleisch“. Ein Bild, das in der Auslegungstradition ganz verschieden gedeutet wurde – als körperliches Leiden, als Epilepsie, als Depression. Genau wissen wir es nicht. „Damit ich mich nicht über euch erhebe wegen meiner besonderen Gottesbeziehung“, schreibt Paulus, „ist mir dieser Pfahl ins Fleisch gegeben“. Dreimal hat er Gott angefleht, ihn zu befreien von seinem Leiden, das ihn schwächt und bedrängt. Aber Gottes Antwort an Paulus war: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (nochmal)

Mitten in der Narrenrede leuchtet hier die tiefe Überzeugung des Paulus auf: Mein Leben wird gehalten von der Gnade Gottes. Bei all meinem Engagment für die Sache – ich halte mich nicht selbst. Damit stellt er alle Versuche, sich durch Prahlerei voneinander abzuheben als absurd hin. Er sagt nicht: So ein Held war ich! oder: so ein cooler Typ. Auch nicht: Hab eben Schwein gehabt im Leben! Er weiß, dass es Gottes Gnade war, die ihn durch die harten Zeiten und Krisen seines Lebens hindurchgeführt hat.

Zu unserem Leben gehört beides: unsere starken Seiten und unsere schwachen, ebenso unsere starken Zeiten und unsere schwachen. Dazu ja sagen zu können, ist ein Geschenk der Gnade Gottes. „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ das meint allerdings noch mehr: Gerade in Zeiten der Schwäche rutscht mir ja das weg, worauf ich mich sonst verlasse: meine Klugheit oder meine Gesundheit oder meine guten Kontakte. Das, was mir sonst Halt gibt, entgleitet mir. Was hält mich dann? Wenn ich diesen Raum, der mir leer vorkommt, für Gottes Kraft öffne, darf ich sie spüren und sie wird in mir mächtig werden. Diese Erfahrung hat Paulus immer wieder gemacht und deshalb rühmt er sich seiner Schwachheit. Weil Gott in ihr und durch sie hindurch wirkt.

– Ein junger Mann ist durch eine wichtige Prüfung gefallen, unglaublich für ihn zunächst. Seine Welt bricht zusammen. Er fühlt sich als Versager. Mühsam beginnt er offen darüber zu sprechen. Er erfährt erstaunlicherweise Verständnis aus seinem Freundeskreis. Und nicht nur das: seit er es selbst erlebt hat, weiß er, was Leistungsdruck bedeutet. Seitdem misst er andere weit weniger an deren äußerer Leistung. Er ist gnädiger geworden mit sich und anderen.

– Eine junge Frau hat zwei Kinder am plötzlichen Kindstod verloren. Zwei Mal gute Hoffnung, die ein jähes Ende fand. Der Schmerz war unermesslich. In langer Zeit der Trauer, in der sie viele Tränen vergoss, rang sie um neue Kraft. Die Kraft kam ganz klein zu ihr zurück und wurde langsam größer. Die junge Frau wusste nun, was es heißt, ein Kind zu verlieren. Sie knüpfte Kontakte zu anderen Betroffenen. Sie gründete eine „Initiative verwaister Eltern“ in einer großen Stadt in Deutschland. Die junge Frau hilft jetzt mit Rat und Beistand anderen Eltern in einer ähnlichen Situation.

Scheinen uns diese Beispiele für unser eigenes Leben zu gewaltig? Oder finden wir ähnliche Erfahrungen, wo uns mitten in Schwäche und Krise neue Kraft zuwuchs, die uns veränderte? Erfahrungen, die uns vielleicht nötigten, etwas aufzugeben, wessen wir uns vorher sicher waren und die uns lehrten, uns für Gottes Kraft zu öffnen.

„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ Aus diesen Worten höre ich zweierlei:

1)Ich kann und ich darf schwache Seiten haben. Das gehört zu meinem Menschsein dazu. Ich muss meine Schwächen nicht krampfhaft überspielen.

2)Auch die schwachen Zeiten meines Lebens sind keine verlorene Zeit. Gerade aus ihnen kann Lebendiges erwachsen, wenn ich der Kraft Gottes in mir Raum gebe.

Wenn Paulus sich am Ende die Narrenkappe wieder aufsetzt und etwas provokativ in die Runde ruft: „Gerade wenn ich schwach bin, dann bin ich stark!“, dann steckt darin das Wissen um hunderte Krisen und um hundertfach Hilfe durch Gott.

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