Biblische Narretei

<i>[Teile der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de" target="_blank">e-pistel – die neue Form dert Predigtvorbereitung</a>.]</i>

Liebe Gemeinde!

Fürsten, Könige und Kaiser hielten sich bei Hofe in früheren Zeiten, wenn sie klug waren, ihren eigenen “Hofnarren". Dieser Witzbold konnte sich erlauben, Missstände anzuprangern, ohne dafür bestraft zu werden. Er konnte ohne Risiko ansprechen, was viele dachten. Die konnten ihn dann dafür beklatschen und bejubeln, und fanden so ein Ventil für ihren eigenen Ärger, ihre Ratlosigkeit oder hilflose Wut dem Mächtigen gegenüber.

Und der Narr konnte dem Herrscher oft sehr direkt und deutlich die Meinung sagen, ohne dass er gleich dafür geköpft worden wäre, so dass die Mächtigen sogar etwas verändern konnten, ohne dabei das Gesicht zu verlieren. Oft trat er bunt verkleidet auf, hüpfend und tanzend mit bimmelnden Glöckchen. Ein Hofnarr konnte die Wahrheit sagen, ohne zu sehr zu verletzen. Er konnte das treffend aber humorvoll, so dass alle unwillkürlich lachen mussten. Kabarett und Büttenreden haben heute oftmals diese Funktion übernommen getreu dem Sprichwort: “Lachen ist gesund". Und tatsächlich: was mich erstmal zum Schmunzeln bringt, ist schon nicht mehr ganz so schlimm. Es verliert eher seinen gefährlich-bedrohlichen Charakter. Nun sind wir in der Kirche gewohnt, beides fein säuberlich auseinander zuhalten, das Witzige und das Ernsthafte, humorvolle und schwierige Gedanken. Was in der Bibel steht, gehört nach der Meinung der meisten Menschen sicher eher auf die ernsthaft-schwierige Seite. Und doch ist uns für diesen Sonntag – mitten in der Karnevalszeit – ein Text zum Nachdenken vorgeschlagen, der in vielen Bibelausgaben mit "NARRENREDE" überschrieben ist. Da tritt der Apostel Paulus als "Hofnarr" auf. Als "Büttenredner", wenn man so will.

Achten Sie doch bitte beim Hören mal darauf, ob Ihnen dabei etwas komisch vorkommt!

[TEXT]

Haben Sie das Närrische dieser Rede entdeckt? Ist es eigentlich nicht zum Lachen? Da sieht sich Paulus protzenden Gegnern gegenüber stehen, und ich finde es überraschend, wie er darauf reagiert. "Da viele sich rühmen nach dem Fleisch, will ich mich auch rühmen.", so schreibt er und beginnt dann aufzuzählen, wie viel Prügel er schon wegen seines Apostolats einstecken musste. Gegen die Trophäen seiner Gegner setzt er die Niederlagen, die er erfahren hat. Ausgerechnet er weist auf all diejenigen hin, die er nicht überzeugen und für die Sache Jesu gewinnen konnte, sondern ihn wegen seiner Botschaft eingesperrt, betrogen und geschlagen haben. Und als ob er dem Ganzen noch die Krone aufsetzen wollte, rühmt er sich gerade dieser seiner Schwächen. Ja ist der verrückt?

Ja ist er – oder doch zumindest ein bisschen. Verrückt in den dritten Himmel und in das Paradies, wie er schreibt. Er hat eine andere Welt entdeckt, damals, als er nach Damaskus ging und ihm der auferstandene Christus in einer Vision begegnete. Und diese Welt lässt ihn nicht mehr los, er hat sie mit eigenen Augen gesehen. Eine verrückte Welt ist es, eine Welt, in der die Schwachen zählen und nicht die Starken, eine Welt, in der man die andere Wange hinhält, wenn man auf die eine geschlagen wurde, eine Welt, in der man für die Feinde betet, anstatt sie zu bekämpfen, eine Welt, in der die Ersten die Letzten sind und die Letzten der Ersten, eine Welt, in der Tote leben, eine Welt, in der weder die Korinther noch Paulus das Sagen haben, eine Welt, die sich nach Gottes Regeln dreht! Paulus kann selbst seinen Unzulänglichkeiten noch etwas Gutes abgewinnen, denn er ist sich sicher, dass sich gerade in ihnen Gott als mächtig erweist. "Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark."

So weit zu gehen, erfordert Mut und wir sind vielleicht nicht in jeder Situation in der Lage, das nachvollziehen zu können. Das müssen wir auch nicht. Es würde genügen, wenn wir durch unseren Glauben an Gott und in der Hoffnung auf diese "verrückte" Welt die Kraft fänden, auch zu unseren Schwächen ja zu sagen. Denn Gott stärkt uns gerade da den Rücken, wo wir Schwachstellen aufweisen. "Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne."

Man hat viel darüber spekuliert, was Paulus gefehlt haben mag. Möglicherweise litt er an epileptischen Anfällen, vielleicht plagten ihn Depressionen, man weiß das nicht. In jedem Fall hatte er ein erhebliches Handicap zu tragen, er war wohl nicht der strahlende Sunnyboy – Erfolgstyp, wie er uns auf Werbeplakaten begegnet. Und trotzdem ist durch diesen Mann, kränklich und anfechtbar, vermutlich auch cholerisch und von nicht ganz einfachem Charakter, Gott wirksam gewesen. Und als sympathisch – faszinierend empfinde ich, dass Paulus seine Schwäche kennt. Er weiß das alles, und er vertuscht oder versteckt nicht, was er an Selbsterfahrung gemacht hat, sondern steht genauso verblüfft davor wie wir und entdeckt Gott , gerade mitten in seiner Schwäche. Wir wissen alle, dass es sehr unangenehm sein kann, die eigenen Schwächen zu entdecken! Da haben wir alle eine Menge Methoden entwickelt, sie mehr oder weniger erfolgreich zu verdrängen, gut wegzupacken oder zu unseren Gunsten darzustellen. Das ist nicht länger nötig, sagt mir Paulus, so verrückt das auch klingen mag! Und auch deswegen ist dieser Brief für mich ein Hoffnungstext! Und auch wenn es immer nur im Rückblick möglich ist, in Erfahrungen der Schwäche Gottes Kraft zu spüren, kann so ein Satz Mut machen für die Gegenwart, ein Satz wie: "Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in der Schwachheit mächtig." Denn er zeigt uns, dass es möglich ist, auch solche Erfahrungen miteinander zu teilen und damit nicht allein zu bleiben, daran zu wachsen und lebendig zu werden.

Vielleicht brauchen wir in Zukunft wieder so etwas wie "kirchliche Hofnarren", die deutlich und spitz die Wahrheit sagen können, aber zugleich humorvoll und freundlich, damit sich etwas ändern kann. Aber ändern können wir uns ja eigentlich jetzt schon oder?

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