Wird unser Gebet immer erhört?

Liebe Gemeinde,

erhört Gott unser Gebet? Die meisten werden vermutlich antworten: Ja, aber nicht immer. Und genau in diesem nicht immer liegt die spannende Frage.

Ich denke, alle unter uns haben die Erfahrung, dass Beten sehr heilsam ist und nützt. Es ist eine Form zu reden, die mich über mich selbst hinausführt. Es ist die beste Möglichkeit, die wir Menschen haben, um an der göttlichen Kraft teilzuhaben. Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass bei einem Besuch Beten etwas wichtiges verändert. Vorher war ich nur ein Mensch, wenn auch der Pfarrer, der zuhört. Und wenn wir beten, öffnet sich die Szene viel mehr für Gott. Wir geben die Sorgen ab. In uns wächst das Vertrauen. Ich bin mir nicht immer sicher, ob Beten gewünscht ist. Ich glaube, ich könnte noch öfter beten. Denn die Erfahrung mit dem Beten ist ausgesprochen gut. Viele unter uns haben sicher die Erfahrung gemacht, dass Beten erhört wird. Ich selbst habe das oft erlebt. Manchmal wurde meine Bitte bald erfüllt. Manchmal musste ich 20 Jahre warten und es war dann um so schöner, als die Bitte erfüllt wurde.

Jetzt aber zu der Frage: wird unser Gebet immer erhört? Jesus sagt uns zu: Bittet so wird euch gegeben. Wer glaubt, der kann Berge versetzen. Es gibt immer wieder Stimmen, die sagen: wenn etwas nicht eintritt, dann muss das an mir liegen. Dann liegt das an meinem mangelnden Glauben. Dann liegt das daran, dass bei mir irgend etwas nicht in Ordnung ist. Dass da irgendeine unerkannte Sünde ist. Dass ich nicht aus den richtigen Gründen bete. Dass ich nur bete, weil ich egoistisch bin und nicht an andere denke. Usw. Also die Ausnahme bestätigt nur die Regel: Gott erhört Gebet. Falls nicht, liegt das an mir.

Behalten wir diese Frage im Hinterkopf, wenn wir genau auf unseren Predigttext hören. Ich lese die Narrenrede des Apostels Paulus aus 2. Korinther 11 und 12. (18. 23b-30, 1-10):

[TEXT]

Paulus wird von einer schmerzhaften Krankheit gequält. 3 mal hat er zum Herrn gefleht, dass diese Krankheit von ihm weiche. Aber seine Bitten wurden nicht erfüllt.

Und Paulus ist nicht irgend ein Beter mit schwachem Glauben. Er hat so voller Inbrunst gebetet, dass er entrückt wurde in den dritten Himmel und in das Paradies. Er ist in besonderer Weise der Gnade Gottes begegnet. Und für ihm ging es durch den ganzen Körper. Er kann das Wunderbare, was da passiert ist, gar nicht richtig einordnen. Und er spürt die Gefahr, dass diese besondere Erfahrung ihm zum Kopf steigt. Paulus ist ja eh nicht mit zu geringem Selbstbewusstsein ausgestattet. Und er merkt, wie es ihn reizt, sich zu rühmen. Eigentlich darf man sich als guter Christ ja nicht selbst rühmen. Aber wenn seine Gegner zu diesem fiesen Mittel greifen, dann führt er einmal, dass er das auch könnte und mit größerem Recht. Er, Paulus, hat mehr gelitten. Er, Paulus, war im dritten Himmel. Aber eigentlich zu rühmen hat er sich seiner Schwachheit. Denn gerade darin wird die Gnade sichtbar uns spürbar. Im Alltag kommt es nicht auf den Wettbewerb der Märtyrer an und die Konkurrenz, ob ich im dritten oder vierten Himmel war – im Alltag quälen mich die Alltagssorgen – und dann, dann brauche ich die Nähe Gottes, die mir gerade in meiner Schwachheit beisteht.

Das dreimalige Flehen des Paulus wird nicht erhört. Er hat eine Erklärung dafür: die Krankheit soll ihn vorm Abheben und Angeben bewahren. Sie soll ihn auf den Boden der Tatsachen ziehen. Er soll geerdet werden. Er soll die alltäglichen Probleme nicht vergessen. Nur so kann er gut für die ihm anvertrauten Gemeinden sorgen.

Was heißt das für unsere Vorstellung vom Beten? Gott hört uns immer. Aber nicht immer geht es nach unseren Wünschen. Wir werden immer gehört, aber nicht immer erhört. Beim Beten lernen wir vielmehr, unsere Wünsche Gottes Wünschen unterzuordnen. Dabei wissen wir: Gott ist nicht böswillig. Wie ein liebender Vater, wie eine unterstützende Mutter will er unser Bestes. Und das ist nicht immer das, was ich gerade dringend haben will. Im Vaterunser, das wir ja nach jedem Fürbittengebet in jedem Gottesdienst beten, kommt beides zum Ausdruck: Vater unser – dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

Sogar von Jesus werden 2 Bitten überliefert, die nicht erfüllt wurden. Jesus betete darum, nicht ans Kreuz zu müssen. Unter Tränen bat er darum, dass der Leidenskelch an ihm vorübergehe. Und er kam nach einer durchwachten Nacht dann zu der Zustimmung: nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Und Jesus bat um die Einheit der Christen. Diese Einheit ist bis heute nicht oder nur sehr eingeschränkt wahr geworden. Wir heute können dazu beitragen, dass die Bitte Jesu näher an ihre Verwirklichung kommt. Immer wenn wir Menschen, die etwas anders glauben als wir, achten als Mitchristen, erfüllen wir die Worte Jesu: ich bitte für sie, damit sie alle eins seien. Deshalb sind ökumenische Veranstaltungen so wichtig, wie jetzt der Weltgebetstag. Der verbindet uns mit der katholischen Gemeinde hier in Messel und mit den Christinnen und Christen in Südafrika.

Liebe Gemeinde, es lohnt sich zu beten. Für mich ist das Stille Gebet im Gottesdienst ein Höhepunkt. Da geschieht etwas, was mit Worten nicht zu fassen ist. Und da geschieht auch mehr als Einzelne, die für sich alleine beten, erreichen können. Wenn der himmlische Vater, der uns tröstet, wie eine Mutter tröstet, ein Gebet nicht erfüllt, dann hat das einen Sinn. Gott meint gut es mit uns. Und wir sind eingebunden in einen Weg Gottes mit allen Menschen. Unser persönliches Wohlergehen ist nicht unwichtig, aber nicht das Wichtigste. Das zu merken, ist schon heilsam. Dann kann ich die Sorgen abgeben und mich für Wichtigeres einsetzen.

Dass wir hier als Kirchengemeinde Gottesdienst feiern, macht beides klar: es gibt wichtigeres als die persönlichen Anliegen. Wir feiern gemeinsam und wir sind der Leib Christi. Durch uns ist Jesus Christus hier gegenwärtig. Und zugleich sind unsere persönlichen Anliegen ganz wichtig. Denn wir beten ja füreinander. Und die persönlichen Anliegen der Einzelnen sind mitgemeint, wenn wir das Vaterunser zusammen sprechen und die Glocken diesen Ruf zum Himmel verstärken.

So verstanden können wir sogar sagen. Gott hört immer. Gott erhört auch immer, nur nicht so, wie wir es erwartet haben. Nicht jede Bitte wird sofort erfüllt. Wir werden nicht vor allen Schwierigkeiten bewahrt. Aber wir bekommen die Chance, das was uns geschieht, so zu deuten, dass insgesamt Heilsames dabei geschieht.

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