Mutige Rede

Liebe Gemeinde,

Der Prophet Jeremia stellt uns heute die Aufgabe über unsere Sprachkultur nachzudenken. Das Thema, das ihn beschäftigt, lautet: Wie ist es um die Sprache bestellt? Denn an der Sprechkultur kann man den Zustand eines Volkes erkennen.

Unmissverständlich und deutlich formuliert er sein Gebot: Rühme dich nicht selbst! Nun gut, dieses Gebot könnten wir beiläufig zur Kenntnis nehmen. Wenn es nur darum ginge, peinliche und aufdringliche Prahlerei in die Schranken zu weisen, dann wäre das Thema schnell abgehandelt. So ist es halt in der Bibel: Sie hält die guten alten Tugenden hoch. Hatten wir nicht alle einmal gelernt, dass man Briefe nicht mit "ich" beginnt. "Der Esel nennt sich selbst zuerst" sagt eine Redensart. Haben wir es also nur mit einem konservativen Beitrag für altbackene " Benimm-dich-anständig-Regeln" zu tun?

„Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr,“ heißt eine andere kluge Redenart. Jeder Schüler lernt es heute, dass man bei Bewerbungen seine Fähigkeiten und Qualitäten selbstbewusst und aussagekräftig darstellen sollte. Das kann doch wirklich nicht falsch sein.

Heute heißt es: "Tue Gutes und rede darüber!" Selbst unsere evangelische Diakonie hat sich diesen Ratschlag längst zu eigen gemacht. Die Zeiten sind vorbei, da man barmherzig, gut und gerecht handelte, aber niemals darüber öffentlich zu sprechen wagte. Der Legende nach ließ Bischof Nikolaus seine guten Werke nur nachts und im Verborgenen geschehen. Aber er trug ja auch das Gewand des Weihnachtsmannes …

Die Formel „ So spricht der Herr“ markiert bei den Propheten ein Gotteswort, einen wichtigen, einen lebenswichtigen, einen rettenden Satz. Das Gott die 10 Gebote diktiert, leuchtet mir ein, weil er damit einen Schutzraum des Lebens aufrichtet.

„Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.“ „So spricht der Herr …“ Ist unser Herrgott nun etwa Mitglied einer Knigge-Redaktion geworden? Hat er wirklich Zeit, uns gute Ratschläge für anständiges Benehmen zu geben?

Was ist falsch daran, wenn ein Mensch sich rühmt? Warum sollte jemand, der weise ist und klug, dies nicht auch darstellen dürfen? Ehe wir lange rumrätseln, fragen doch Jeremia selbst, was ihn zur Formulierung seines „Rühme-Verbotes“ bewegt hat?

Seine Antwort könnte so lauten: „Mein Land, das gelobte Land des Herrn, sein Volk, sein geliebtes Volk geht auf einen Abgrund zu. Von innen her bricht es auseinander. Ein Freund täuscht den anderen. Sie reden kein wahres Wort. Sie haben sich daran gewöhnt, dass einer den anderen betrügt (9,4). Sie schießen mit ihrer Zunge lauter Lügen (9,1). Ihre falschen Zungen sind tödliche Pfeile. Mit dem Mund reden sie freundlich zu ihrem nächsten, aber im Herzen lauern sie ihm auf (9,7). Ja, ich mache es an der Sprache fest, die ich in den Gassen und Häusern Jerusalems höre. Unsere Sprache ist verstummt. Ich höre wohl viele Worte. Aber wir reden nicht mehr. Ein jeder deklamiert nur noch sich selbst. All der Lärm unserer Worte ist nichts anderes als lautes, kaltes Schweigen.

Von Gott sind wir geschaffen. Durch sein Wort sind wir geworden. Der Kosmos, die Welt auf der wir leben, hat seinen Ursprung im göttlichen Schöpfungswort. Gott hat uns in der Fähigkeit, zu sprechen Anteil an dieser Kraft gegeben. Dass wir Menschen sprechen können, dass wir unsere Gedanken, unserer Hoffnungen, unsere Sehnsüchte und unsere Gefühle in Worte fassen können, das hebt uns aus der Schöpfung hervor. Worte sind voller Macht. Trennt jetzt nicht gleich, was zusammengehört. Mit euren Worten und euren Gedanken erschafft ihr eure Welt, die dann wiederum euer Denken bestimm. Krieg denken und Krieg machen ist kein Unterschied. Barmherzigkeit fühlen und ihr Worte geben wird zur Tat. Das alles gehört zusammen. Verfallt nicht in den Irrglauben, eure Rede sei von eurer Welt getrennt. „Sprache ist Macht, im Guten, wie im Bösen“ (Paul Schütz).

Kein Mensch kann Leben ohne Gespräch. Die Sprache beginnt hinter den geschlossenen Lippen. Selbst der einsamste Mensch spricht, er spricht mit sich selbst. Solange wir leben, sprechen wir. Die Sprache hat Gott uns gegeben, dass wir heraus schreiten können aus uns selbst. Er hat uns begabt dazu, als sprechende Wesen in Beziehung zu treten zueinander. Er hat uns Ohren geschaffen, dass wir aufeinander hören. Wo aber geschieht das noch? Man rühmt nur noch sich selbst.

In meiner Zeit aber ist niemand mehr da, der aufmerkt auf diese wunderbare Gabe der Sprache.

Das Gespräch zwischen zwei Menschen ist doch ein magisches Kraftfeld, das uns bindet. Wir können Fragen stellen und gemeinsam Antwort erhoffen. In Jerusalem aber stellt keiner mehr Fragen. Wohl weil jeder Angst hat vor dem neuen Land, in das die Frage führen würde. Die Weisen behaupten, alles zu wissen. Sie prahlen mit ihrer Klugheit und sonnen sich im Licht ihrer Analysen, und merken nicht, in welcher Dunkelheit sie wandeln. Die Starken nutzen ihre Kraft nur zum eigenen Wohl. Sie klammern ihren Besitz, ihren Einfluss und ihre Macht und spüren doch nicht wie ohnmächtig sie dem Abgrund entgegentaumeln. Es ist mir bange um mein Land und bange um das Volk unseres Gottes. Das Gespräch in unserem Land hat aufgehört. In meinen Visionen sehe ich die Klageweiber heraufziehen, die die Trümmer unserer Stadt beweinen.“

Ja, liebe Gemeinde, so könnte die Antwort des Jeremias lauten auf die Frage, warum er ein „Rühme-Verbot“ im Auftrag Gottes errichtet. Ob das, was er über seine Zeit urteilte auch für die unsere gelten mag, darüber zu entscheiden sei einem jeden von uns anheim gestellt. Ich will gewiss nicht in die beliebte, rhetorische Predigtfigur verfallen, der zufolge unser Land im Lichte Gottes betrachtet ein einziger Ort der Düsternis wäre. Gleichwohl aber ist es anregend, von Jeremias Sprachkritik ausgehend über die Sprachkultur unseres Landes, oder unserer Stadt oder auch unseres Stadtrates nachzudenken. Wir benutzen zwar nicht mehr den Begriff „Rühmen“. Aber die Lust zur Selbstdarstellung kennen wir auch.

Einem guten Pädagogen gleich formuliert Jeremia nicht nur ein Verbot. Er zeigt auch einen guten Weg auf. „Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.“

Wir kehren noch einmal kurz zurück zu unseren Gedanken über die Sprache. Sprache ist Macht, sie ist ein Kraftfeld. Wir spüren das, wenn uns Worte beleben, aufbauen, glücklich machen und begeistern. Wir erleiden das, wenn Worte uns verdammen. Segen und Fluch gleichermaßen schaffen Wirklichkeit.

An unserer Sprache werden wir erkannt: An unseren Spracheregelungen, an unseren „Wörter des Jahres“ ebenso wie an den „Unwörtern“. In ihren konzentriert sich der Zustand unseres Landes und unserer Kultur.

Jeremia nennt drei Wörter, die mehr als nur ein Jahr lang Geltung haben sollten: Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit. Das mögen für den einen oder anderen von uns nur noch „hohle Begriffe“ sein, Wortruinen, in denen kein Geist mehr wohnt. Und nun wollen wir uns auch nicht in die Proklamation guter Wörter retten, da das bloße Zitat wenig austrägt.

Jeremia lädt dazu ein, Gott wieder hinein zunehmen in die Sprachkultur. Darin zeigt sich eine Aufgabe, die auch unserem Land wohl gestellt sein mag.

Als Christen sind wir ja von Haus aus nicht wortlos. Als Christen müssen wir nicht stumm und ergeben den Dingen ihren Lauf lassen, weil „wir ja doch nichts ändern können“. Wir haben den Sprachmeister, das lebendige Wort Gottes, Jesus Christus bei uns. Jeder von uns kann seine eigene Sprachkultur mit ihm im Gebet üben. Jeder von uns kann barmherzig fühlen und reden. Was hindert es uns, der Welt zu zeigen, wes Geistes Kinder wir sind? Mutige Rede war einmal das Kennzeichen der Protestanten. Dafür sollten wir uns ungeniert rühmen.

drucken