Wir brauchen uns nicht zu fürchten

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext steht in der Offenbarung des Johannes. Dieses letzte Buch der Bibel ist ein langer Brief an sieben christliche Gemeinden, die für ihren Glauben verfolgt werden und in Angst und Bedrängnis leben.

Wie lange halten Menschen das durch? Wie weit geht die Bereitschaft, für den Glauben Opfer zu bringen? Und wieso müssen Menschen ausgerechnet für das Evangelium, für die frohe, gute Botschaft leiden, vielleicht sterben? Woher sollen sie die Kraft nehmen, und was kann sie trösten? Was können Worte ausrichten?

[TEXT Verse 9-12a]

Johannes sieht. Er hat eine Vision. Und das hat er den sieben Gemeinden und uns voraus. Er sieht und wird gleichzeitig in ein anderes Geschehen hineinversetzt. Er sieht, hört und erlebt sozusagen live. Ein bisschen wie ein intensiver Traum und doch anders. Und wir, wir hören Johannes‘ Worte. Mit ihnen malt er uns ein Bild, das wir vor unserem inneren Auge sehen können – anders als er, aber immerhin. Ein lebendiges Bild von Jesus Christus, der wiederkommt. Nicht von dem Kind in der Krippe, nicht von dem jüdischen Mann, der so um das Jahr 30 herum durchs Land zog, predigte, Menschen heilte und mit ihnen aß, der die Kinder segnete und die Geistlichkeit kritisierte. Kein Bild des Gekreuzigten oder des Auferstandenen – nein, ein Bild Christi, der da sitzt zur Rechten Gottes und von dort kommt, zu richten die Lebenden und die Toten.

Vielleicht schließen Sie die Augen, um sein Bild besser sehen zu können:

[TEXT Verse 12b-16]

(kurzes Schweigen)

Sehen Sie etwas, liebe Gemeinde, sehen Sie IHN? Ich sehe ihn und sehe ihn nicht. Diese Christusgestalt ist derart lebendig und gewaltig – ich kann es gar nicht ausdrücken und den Eindruck auch nicht festhalten.

Ich wollte ein Bild mitbringen. Aber diese Gestalt lässt sich nicht auf Leinwand bannen. Ich wollte Symbole mitbringen. Aber wie solche Glut und solch eine Feuerflamme herstellen? Woher Gold nehmen? Schnee hätten wir. Aber der wäre bis jetzt schon geschmolzen.

Ich wollte wenigstens die Farben darstellen. Aber es geht nicht. Alles Sichtbare, was ich Ihnen zeigen könnte, ließe das lebendige Bild des Johannes nur verblassen.

Unvorstellbares führt er uns vor Augen. Die Herrlichkeit Gottes, sichtbar an Jesus Christus. Um sie zu beschreiben, braucht es alle vier Elemente auf einmal.

Die Gewalt des Feuers lodert aus seinem flammenden Blick und glüht zu seinen Füßen. Die unbändige Kraft des Wassers durchflutet seine Stimme. Die Ruhe der Erde, die ist, was sie ist – mütterlich warm und kalt zugleich -, umkleidet sein Haupt wie weiße Wolle, seine Füße erscheinen wie Golderz und seine Brust ist mit Gold umgürtet. Und die Luft, die Luft ist erfüllt vom Licht, vom Leuchten seines Angesichts, und von Gottes Geist. Pneuma heißt er bei Johannes – Windhauch und Geist zugleich. Und der Geist zeigt Johannes die gesamte Schöpfung, alle Elemente, alle Gegensätze, in einem einzigen lebendigen Bild: Leben Spendendes und Zerstörendes, Hitze und Kälte, Sommer und Winter, Geist und Materie, Himmel und Erde – ganz und gar lichtdurchflutet und geisterfüllt.

Und aus dem Mund der Lichtgestalt ragt ein zweischneidiges Schwert. Gottes Wort, aufgeschrieben in der Bibel – die eine Schneide – und seit Tausenden von Jahren mündlich weitererzählt und ausgelegt – die andere Schneide. Scharf ist Gottes Wort, wenn es richtet, eindeutig und klar in dem, was es von uns erwartet.

All das sieht Johannes in einem Bild, und er selbst befindet sich mitten darin. Wie hält er das aus, ohne zu vergehen?

[TEXT Vers 17]

Johannes hält es nicht aus. Die Gestalt ist zu gewaltig, zu groß, zu gegensätzlich, zu hell, zu mächtig und zu nah. Er fällt um wie tot.

Und dann nähert sich ihm die rechte Hand Christi, die eben noch die sieben Sterne hielt. Und da, mit einem Mal, ist es die vertraute, liebe, segnende Hand. Und die vertraute Stimme, die schon zu Abraham sprach: Fürchte dich nicht!

Als sich die Hand auf Johannes‘ Kopf legt, da ist es die Hand Jesu, der sich Menschen ganz und gar zuwendet und sie einlädt zu Gott, sie hineinruft in die Gemeinschaft der von Gott Geliebten und Angenommenen. Tröstend und voller Wärme. Und er spricht weiter:

[TEXT Vers 18]

Tod und Leben – dieser Gegensatz, der uns Erdverbundenen so zu schaffen macht, ist von Christus überwunden. IHN konnte der Tod nicht festhalten im Grab. Gottes Kraft hat ihn zu neuem, zu ewigem Leben erweckt. Nichts kann IHM mehr etwas anhaben. ER lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und ER allein hat die Schlüsselgewalt über das Tor zu Hölle und Tod.

Aber sein Segen bedeutet LEBEN. Leben trotz Verfolgung, trotz Angst, Tod und Leid. Denn mitten in diesem Leben ist ein anderes Tor weit geöffnet. Und mit Johannes schauen wir hindurch und sehen, wer wirklich Herr dieser Welt ist.

Nicht Präsidenten, Geiselnehmer und Wirtschaftsbosse. Nicht Religionsstifter, Gurus und nicht die Kirche. Nein, Christus selbst und Christus allein.

Und er hält die sieben Sterne in seiner rechten Hand. Das sind wohl die sieben Gemeinden, die Johannes trösten und stärken soll. Und damit sind es wohl auch wir.

In seiner guten, segnenden Hand hält Christus uns bewahrt. Wir brauchen uns nicht zu fürchten.

Wenn ihn ihm ALLES aufgehoben ist, Himmel und Erde und alle Gegensätze, alles Bedrohliche und alles, was Leben schafft – wenn in ihm alles aufgehoben ist, dann ist es gut aufgehoben. Und es kann niemals mehr ein anderer darüber verfügen. Denn sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

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