Ich bin euch nah

Erinnern Sie sich noch daran, was Sie, heute Nacht geträumt haben? Oder haben Sie traumlos geschlummert?

Träume können ziemlich wirr sein. Ich wache am morgen auf und denke, was war das? Ein Haus, eine Strasse, ein Wald, Menschen, die mir aus der Gegenwart oder aus der Vergangenheit vertraut sind und all das in bunter Mischung an unerwarteten Orten in ungewohnten Zusammenhängen.

Ich wache auf und schon beim Nachdenken, rutschen mir die Bilder, die doch gerade noch so eindringlich waren und so munter durch meinen Kopf gepurzelt sind weg. Verschwimmen, gerade noch kann ich einen Zipfel festhalten. Eine vertraute Person, die ich lange nicht gesehen habe, sollte ich sie vielleicht mal wieder anrufen? Oder aber, oh das war sehr schön, oder auch: Wie gut das es vorbei ist.

Noch in Gedanken gehe ich zum Frühstück, rühre in meinem Tee und versuche mir das ein oder andere doch noch einmal ins Gedächtnis zu rufen und werde meist gestört. Die Zeit drängt, das Kind will Frühstück, was liegt heute an, der Mann hat noch eine Frage und irgendwann ist er ganz weg, blitzt vielleicht noch mal auf im laufe des Tages, wie eine Erinnerung.

Träume, wie Phantasien, die anregend schön, aber auch düster und beängstigend sein können. Träume, die wie wir wissen, sich deuten lassen und dann viel über uns und über das, was uns gerade umtreibt erzählet. Träume, die nächtlichen Schatten, die wir nicht steuern können. Die Ausdruck sind von Ängsten, Wünschen, Sorgen und Fragen.

Es gibt aber auch noch andere Träume, die uns dann und wann beschäftigen. Immer dann beispielsweise, wenn wir alte Freunde treffen, in Fotoalben blättern oder nach früher gefragt werden.

Die Kinderträume, die Jugendträume, erinnern Sie sich?

Ihr Konfirmandinnen und Konfrimanden wärt ja am dichtesten drann, erinnert ihr euch noch wovon ihr geträumt habt, noch vor ein paar Jahren. Was ihr werden wolltet, was euer Herzenswunsch war. Und heute? Wovon träumt ihr heute?

Wenn man den Medien glaubt, wollt ihr alle entweder Sänger, Modell oder Schauspieler werden. Ist das so? Oder sind es doch die Träume nach Führerschein, mehr Freiräume, weniger Schule, guter Schulabschluss, Lehrstelle, oder auch den Mann oder die Frau fürs Lebne zu finden?

Und wir und sie, die älteren, was waren unsere Träume, damals mit 7 mit 12 mit 15 oder mit 25? Erinnern Sie sich, erinnern wir uns. Für die ältere Generation war es sich er Frieden, oder genug zu essen.

Und dann: Ganz persönliches Glück, eine gute Ehe, Kinder, oder auch eine Weltumseglung

Vielleicht auch ein paar mutigere Träume, Auswandern, etwas ganz verrücktes wagen.

Und dann gab es auch noch andere Träume, die viele geträumt haben- Träume, die Generationen miteinander teilen, eben genau in der Zeit, in der man diese Jungend oder Erwachsenenzeit verbracht hat.

Politische Träume, erinnern Sie sich? Oder sind sie immer noch ganz präsent. Der Traum vom Frieden schaffen ohne Waffen. Der Traum von einem Wiedervereinten Deutschland, der Traum von Gerechtigkeit überall in der Welt. Der Traum, von der Gleichberechtigung, von der Gleichwertigkeit von Frau und Mann im Beruf, in der Sprache, in allen Ämtern.

Der Traum vom Ende der Apartheid in Südafrika.

Und auch das sind und waren Träume: Das viele Menschen Gottes Wort hören und glauben,

das die Kirche ein lebendiger Ort ist und bleibt, an dem viele sich begegnen, Glauben leben und das der Glaube nach außen strahlt sich zeigt, im Alltag der Welt.

Träume sind keine Schäume, die Gedanken sind frei, die Träume auch.

Der Predigttext heute, der ist für mich so ein Traum. Johannes träumt mit offenen Augen und sieht und spürt, hört und erfährt unglaubliches. Und er erinnert sich, er schreibt es auf.

Sieben Leuchter in der Mitte einen Menschen in einem fußlangen Gewand und mit einem goldenen Gürtel auf der Brust. Kopf und Haare aber leuchteten wie schneeweiße Wolle und die Augen wie Feuerflammen.

Die Füße gleichen dem kupferroten Glühen von Weihrauch im Ofen und die Stimme dem Rauschen vieler Wasser.

Das menschliche Wesen hielt sieben Sterne in der rechten Hand. Aus seinem Mund blitzte ein zweischneidiges Schwert hervor und sein Gesicht strahlte wie die Sonne zur Mittagszeit. Und ich fiel wie tot zu Boden bei dem Anblick. Es legte aber seine Rechte auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin das erste und das letzte Wesen, das durch und durch Lebendige.

Ich war tot, doch siehe, ich lebe immerdar und ich habe die Schlüssel des Todes und der Unterwelt.

Was für ein Traum. Doch bei näherem hinsehen, das ein oder andere es lässt sich deuten. Die Erscheinung sie gleicht einem Engel, mit schneeweissem Haar, das Schwert des Mundes, das könnte ein Hinweis auf das biblische Thema des Gerichts sein. Gegürtet sein, das heißt doch sich auf zumachen, um Recht und Gerechtigkeit durchzusetzten.

Jesus Christus, denn er ist es, der hier beschrieben wird ist nicht König, sondern Weltherrscher anderer Art. Er steht über allen Regierungsformen und über allen systemischen Zwängen. Und es geht noch weiter, nicht nur über das, was lebt hat er Macht, er hat sogar das, wovor wir uns am meisten fürchten, den Tod, die Endlichkeit, das Vorübergehende überwunden.

Soviel Licht, soviel Macht, soviel Hoffnung in starken Bildern, das ist, so wie ein letzter kräftiger Sonnenstrahl vor dem Herbst. Oder aber, noch einmal kräfig wärmendes Weihnachtslicht vor der langen Passionszeit.

Da sind, das waren sie die Träume, voller Leben, voller Energie und voller Hoffnung und irgendwann, messen sie sich an den sich verändernden Realitäten. Manche Träume sind in Erfüllung gegangen. Die Kinder gesund und gut geraten, die Wohnung schön, auch der erträumte Urlaub, den gab es. Südafrika hat eine neue Regierung und Deutschland ist wiedervereint. Frauen haben heute ganze andere Möglichkeiten als noch vor 50 Jahren. Es ist Frieden in unserem Land und Hungern sollte niemand mehr.

Der Glaube lebt unter uns.

Und doch, manches, manches ist anders, als erträumt. Ist nur der Schwung raus? Oder ist der Traum gar nicht in Erfüllung gegangen? Manches verändert sich, aber wohin? Ich habe kein schönes Bild mehr, das ich mir für die Zukunft erträumen kann. In meinen Phantasien wird vieles nur schlechter. Kein Aufbruch, keine Hoffnung und Siegesgewisseheit, sondern innehalten und Abschied nehmen.

Überall in Kirche und Gesellschaft scheint das dran zu sein. Überall Veränderungen, Umbau, Umstrukturierung und damit verbunden auch, Trauer, Abschied. Vom Licht und Glanz in trüben Alltag, wo es oft kneift und zieht.

Wie kann das Licht bleiben, sich neu entfalten, Hoffnung machen, stark machen?

Wo kommen neue Bilder her, Träume, die einerseits fantastisch sind, aber dennoch realisierbar?

Johannes, der die Offenbarung schreibt, will Trost bringen, den Gemeinden, an die er schreibt. Will ihnen etwas davon vermitteln, das auch im Alltag, etwas von dem Licht lebendig ist, ohne, dass die Welt von heute auf morgen in rosarot getaucht ist. Doch nicht zu schnell mit dem Trost. Brauchen wir denn welchen? Und wenn ja, wofür. Was betrauere ich denn? Das ich älter werde und sich in der Mitte oder gar am Ende eines Lebens manches anders anfühlt, als in der Zeit, in der noch alles vor mir liegt?

Oder sind es die Träume, die verloren gegangen sind? Oder ist es da Erkennen, das noch immer so viel eben nicht Gerecht ist. Das mich viele Nachrichten erschrecken, ich sie nicht hören will, Rente nicht sicher, Gesundheit wird teuer, Strom unbezahlbar.

Ist es die Veränderung in den Gemeinden, die mit der Bevölkerungsstruktur, mit Wirtschaft und allem möglichen zu tun hat, aber auch damit, das Kirche nicht mehr unangefochten selbstverständlich ist.

Johannes bietet uns in seiner Vision, seinem Traum, seiner Erleuchtung, etwas an, was nicht wirklich neu, aber dennoch von unschätzbarem Wert ist. Wenn ich denn weiß, was mich drückt. Wenn ich denn auf der Suche bin nach neuen Wegen, neuen Träumen sagt Johannes mit seinem Bild. Da ist einer, der ist da, der war da und der wird da sein. Egal wohin sich die Welt dreht. Ich bin der erste und der letzte. Ich stehe über Regierungsformen und systemischen Veränderungen. Er rät nicht zur Weltflucht, sondern mahnt zum Standhalten in der Gegenwart. Was Johannes der Offenbarer schreibt ist nicht, verträumte Science-Fiktion, sondern eine Form von Dagegenhalten, die da von Christus ausgeht. Gegen die Angst und Unsicherheit, die in Veränderungen entsteht. Ich teile eure Trauer, ich bin euch nah in euren Gedanken, in euren Wünschen und Träumen, ich bin euch nah, sagt Christus.

Das tut gut, zu wissen, dass er uns nah ist. Heute, morgen, jeden Tag.

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