Heute nacht!

Woran denken wir bei beim Thema "heute nacht"? Vielleicht an ein Schmusestündchen zu fortgeschrittener Stunde. Oder viel nüchterner, an die Spätnachrichten im ZDF. Nun, den Anstoß für die Überschrift gab mir der Wendepunkt im Gleichnis vom reichen Kornbauern. Da erzählt Jesus von der Rekordernte eines reichen Bauern. Er hat neue weitreichende Pläne. Bauen will er und sich dann einen sorglosen Lebensabend bereiten. Aber daraus wird nichts, sagt Jesus. Du Narr. Heute nacht wird man deine Seele fordern. Und wem gehört dann, was du angehäuft hast?

In die gleiche Richtung gehen auch viele Fragen vom Prediger Salomo. Auch seine Reden und Betrachtungen könnte man mit heute nacht umschreiben. Es liegt etwas Düsteres darin. Zugleich sind diese Betrachtungen sein Spätwerk. Es sind sozusagen letzte Nachrichten. Um allerletzte Nachrichten. Das ganze Buch Prediger ist im Grunde die Lebenslehre eines Scheidenden. Ein Dokument des Rückblicks. Aber wegen der Schärfe, auch mitunter der Düsterkeit seiner Gedanken, vor allem aber weil er noch nichts von der Auferstehung weiß, müssen wir Salomos späte Gedanken einrahmen. Mit den Abschiedsworten anderer Gläubiger. Darum stehen heute in der Predigt mehr als sonst Bibelzitate im Mittelpunkt. Die Bibel ist voll von Abschiedsworten bedeutender Frauen und Männer des Glaubens. Man ist genötigt, eine Auswahl zu treffen. Ich nehme dazu einmal die Abschiedsworte Josuas. Einige von uns werden sie noch im Ohr haben, denn das Buch Josua ist in diesen Tagen in der fortlaufenden Bibellese der Losungen und anderer Kalender dran. Und dann nehme ich Abschiedsworte Jesu dazu, wovon auch wieder eine Auswahl nötig ist, denn Jesu letzter Wille ist mehrfach bekundet. In den Leidensankündigungen. In den sieben Worten am Kreuz. In den Worten an die Jünger nach der Auferstehung. Ich habe mich entschieden für noch ein weiteres letztes Statement, nämlich die Abschiedsrede im Johannesevangelium.

Beginnen wir mit dem Prediger Salomo. Er lässt sein ganzes Leben noch einmal Revue passieren. Er hat seine Jugend vor Augen, vor er sich vieles gegönnt hat, vieles ausprobiert hat. Nun im Alter, sieht er diese Zeit mit anderen Augen. Mir gefällt, dass er dabei kritisch ist aber trotzdem dankbar. Es gibt ja Alte, die sind griesgrämig und nölen und klagen über ihre bittere Kindheit. Manche Kindheit war ja auch bitter und entbehrungsreich. Aber wenn einer dauernd darüber klagt und was ihm entgangen ist und wie die anderen es besser hatten, das ist für andere anstrengend. Andere malen ihre Jugend mit goldenen Farben und reden das schön. Wir kennen das von Altherrengeschichten, die immer noch vom Schützengraben erzählen. Und es klingt so, als wären sie da auf einem Abenteuerspielplatz gewesen. Bei Salomo ist das anders. Ich höre ihm gern zu. Ich höre auch seinen Ratschlägen für junge Leute gern zu. Er gönnt der Jugend ihre Freiheit. Freue dich in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein. Da gibt Salomo die Linie vor, die in der Bibel gezogen wird. Da ist eine große Weite. Gott gönnt uns die Freude am Leben. Ihr dürft essen von allen Bäumen im Garten, wurde schon Adam und Eva gesagt. Aber, das kommt dazu es gibt eine Grenze. Im Paradies war es der eine Baum. Und Salomo sagt, du musst dich in all deinem Tun vor Gott verantworten. Vor seinem Gericht, das einmal kommen wird. Und noch mehr sagt er: Fang früh an, dich mit Gott zu beschäftigen. Das kommt dann deinem ganzen Leben zugute.

Viele schlagen diesen guten Rat aus. Viele leben nach der Maxime: Genieße das Leben, im Alter kannst du dich immer noch mit der Religion beschäftigen. Salomo dagegen sagt: Gerade umgekehrt! Denke an deinen Schöpfer in der Jugend. Im Alter könnte dir das sonst schwer fallen. Vielleicht hat er Menschen vor Augen, die im Alter auf ihre Krankheiten fixiert waren. Oder wo der Geist unklarer wurde. Sie konnten sich nicht mehr konzentrieren auf das Wort Gottes. Neulich hatte ich einen Besuch bei einem hochbetagten Gemeindeglied, dem war nur das Zuhören und Verfolgen der Geburtstagskarte mit der Jahreslosung zu schwer. Und das ist wirklich ein kurzer Text!

Salomo, in seiner skeptischen Art, nennt das Alter die bösen Tage. Die Jahre, da du wirst sagen, sie gefallen mir nicht. Wir müssen dabei bedenken: Zu seiner Zeit gab es keine Autos, keine Straßenbahn. Kein Krankenhaus. Kein Telefon. Kein Essen auf Rädern. Keine Brille. Kein Rollator. Kein Fahrstuhl. Kein Hörgerät. Viele Erleichterungen des Alltags fehlten. Darum fürchtet Salomo die Schwächen des Alters: Die Stimme der Mühle wird leiser, also das Gehör lässt nach, die Sehkraft. Man ängstigt sich auf dem Wege, die Schritte werden kürzer und beschwerlich. Müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige sind. Es gibt eben keine dritten Zähne. Die Schwächen des Alters machten den Menschen damals viel mehr zu schaffen. Man war im Alltag auf sich gestellt oder abhängig von der Hilfe Nahestehender. Wie sollten uns die heutigen Erleichterungen dankbar machen, auch wenn sie mit Kosten verbunden sind! Aber die größte und wichtigste Erleichterung ist das Wissen um den Schöpfer und eine intakte Beziehung zu ihm. Und anders als die gerade genannten Hilfsmittel ist diese Erleichterung kostenlos. Aber man sollte sich zeitig genug damit beschäftigt haben.

Am Donnerstag beim Gesprächsnachmittag der ökumenischen Bibelwoche sprachen wir an den Tischen über diese Worte von Salomo. Jeder meiner beiden Tischnachbarn konnte von sich sagen: Ich wurde schon in der Jugend, ja in der Kindheit mit dem Glauben vertraut gemacht. Was für eine gute Grundlage. Es ging bei den beiden aber unterschiedlich weiter. Die eine sagte: Als Erwachsene wurde mir Gott unwichtiger. Es schoben sich andere Dinge in den Vordergrund. Die andere aber sagte: In der Lebensmitte hat sich für mich der Glaube vertieft. Da habe ich ihn erst richtig entdeckt. Und nun trägt mich der Glaube im Alter.

Was trägt dich eigentlich? Vielleicht hat dir mal jemand versprochen: Ich will dich auf Händen tragen. Aber das war nur im Hochgefühl von Glücksmomenten dahin gesagt. Das Versprechen wurde nicht gehalten. Wie ganz anders, wie zuverlässig ist Gott uns gegenüber. In einem Liedvers ist das betont: Ja ich will euch tragen bis ins Alter hin, und ihr sollt einst sagen, dass ich gnädig bin. So trägt der Glaube im Alter und hilft, dass wir los lassen können.

Wie das praktisch geht, zeigen die Abschiedsworte von Josua, dem Nachfolger des Mose. Da ruft er seine Untergebenen zu sich: "Und nach langer Zeit, als der HERR Israel Ruhe gegeben hatte vor allen seinen Feinden ringsumher und Josua nun alt und hoch betagt war, berief er ganz Israel, seine Ältesten, Häupter, Richter und Amtleute und sprach zu ihnen: Ich bin alt und hoch betagt, und ihr habt alles gesehen, was der HERR, euer Gott, getan hat an allen diesen Völkern vor euch her; denn der HERR, euer Gott, hat selber für euch gestritten. Darum achtet ernstlich darauf um eurer selbst willen, dass ihr den Herrn, euren Gott lieb habt. Siehe, ich gehe heute dahin wie alle Welt; und ihr sollt wissen von ganzem Herzen und von ganzer Seele, dass nichts dahin gefallen ist von all den guten Worten, die der HERR, euer Gott, euch verkündigt hat. Es ist alles gekommen und nichts dahin gefallen."

Mich beeindruckt seine Offenheit. Das Thema heute nacht betrifft ihn ganz persönlich. Und er spricht es ohne Scheu an vor allen anderen. Josua könnte reden von dem, war er getan hat. Von seinen Verdiensten. Das lässt er. Statt dessen lobt er Gottes Taten: "Ihr habt alles gesehen, was der Herr, euer Gott, getan hat" Wenn jemand so Abschied nimmt von den Seinen, dann fällt auch denen das loslassen leichter. Denn der Gott, dessen Taten so gerühmt werden, geht ja nicht von ihnen. Mehr noch, ein solcher Abgang macht den Zurück Bleibenden Mut. Sie werden sich sagen: So möchte ich auch einmal von der Welt gehen.

Wenn zu dir jemand mal gesagt hat, so möchte ich auch von der Welt gehen! Dann war es doch meist in anderem Zusammenhang. Morgens einfach nicht mehr aufwachen, sanft entschlafen. Ohne Krankenlager, ohne Schmerzen, am liebsten noch vom Schlaf getroffen und einfach weg sein. Das wünscht sich mancher. In der Bibel wünscht sich das keiner. Die Gläubigen dort wollen sich vorbereiten. Wollen Abschied nehmen im Kreis ihrer Lieben. Wollen noch letzte Worte sagen können, Worte der Ermahnung, Worte des Segens. Und so sterben sie auch. Jakob segnet alle seine 12 Söhne und die beiden Enkel gleich mit. Josef stirbt mit den Worten: Siehe, ich sterbe, aber Gott wird euch gnädig heimsuchen und aus diesem Land führen. Also der geht nicht fort mit lauter Rückblick auf die gute alte Zeit, die nicht wieder kommt, sondern auf die gute neue Zeit, die kommen wird mit Wundern und Führungen Gottes.

Und so kann eine Generation der nächsten auf den Weg helfen, auf den Weg zum Gelingen des eigenen Lebens und auf dem Weg hin zum Ziel der Ewigkeit.

Neben den Alten sind andere, die ganz früh abgerufen werden. Aber auch wenn jemand jung gehen muss, dann muss dieser frühe Tod nicht alles in Frage stellen. Es kann auch das kurze Leben seine Bestimmung erreicht haben und an sein Ziel gekommen sein. Es kommt nicht so sehr darauf an, dass wir viel erleben, viel erreichen, auch den Ruhestand noch. Es kommt darauf an, dass wir unserer Bestimmung gerecht werden. Davon spricht Jesus, als er die Jünger auf sein frühes Scheiden vorbereiten will: "So redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche; denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast. Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue."

In vielen Darstellungen wird Jesus als tragische Figur gesehen. Als Opfer von römischen Machtansprüchen, von Ränken der Priesterschaft, als ein brutal beiseite geräumter Reformer. Aber wichtiger als das, was andere über Jesus sagen, ist wie er selbst sein Werk beurteilt und auch sein frühes Ende. Er sieht das nicht als tragische Verkürzung eines allzu früh beendeten Unternehmens. Er sieht sein Ziel erreicht in seinem Weg ans Kreuz. Das war den Jüngern zuerst nicht klar. Das ist vielen bis heute nicht klar. Letzten Sonntag wurde in einer dieser Sendungen am frühen Abend, bei Terry X im ZDF, eine immer wieder mal aufgewärmte Jesusdarstellung präsentiert. Der wirkliche Jesus stamme von einem römischen Legionär ab. Er habe die Kreuzigung überlebt. Später sei er bis nach Indien gewandert und habe dort seine Lehren verbreitet. Abgesehen vom Fehlen der Beweise ist die Eigenart all dieser Theorien ist, sie leugnen genau wie der Koran das Kreuz. Da wird nicht gesehen und nicht verstanden, dass der Weg Jesu auf die Passion zielt. Jesu Ziel ist nicht Lehre über den richtigen Weg, sind nicht Worte. Sondern das Vollbringen der Erlösung. Die gute Tat schlechthin sind nicht Jesu Heilungen und wo er Menschen zurecht brachte und aufrichtete. Die gute Tat schlechthin ist sein Tod. Sein Tod lässt nicht die Liste seiner guten Taten allzu früh enden, sondern er ist die eigentliche Tat, auf die alles andere hinläuft. Eines der sieben Worte am Kreuz ist der Ausruf "Es ist vollbracht!" Und auch äußerst wichtig ein anderes dieser sieben Worte. Der Zuspruch an den neben ihm sterbenden Verbrecher: Wahrlich ich sage dir: "Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein"

Diese Gewissheit fehlte Salomo. Fehlt sie dir vielleicht auch oder sagst du, das kann man sich wünschen, aber nicht wissen. Gott möchte, dass wir Gewissheit bekommen. Er möchte, dass wir getrost abtreten können. Und sei es heute nacht.

Diesen Glauben brauchen wir. So früh es geht. Ehe böse Tage kommen, die sich keiner wünscht. Dann sind wir an guten wie an bösen Tagen gerüstet. Getrost. Voll Hoffnung. Und können sagen: Herr, Meine Zeit steht in deinen Händen.

drucken