Es gibt mehr als das Leben

<i>[Zur Predigt habe ich Anregungen aus "Werkstatt für Liturgie und Predigt" benutzt.]</i>

Im Mai 2005 erschienen in einem wöchentlichen Nachrichtenmagazin die Ergebnisse einer Umfrage zum Thema: "Wie religiös sind die Deutschen?" Nur jeder fünfte Deutsche betet täglich, hieß es da. 33 Prozent dagegen verzichten ganz auf das Gebet. 39 Prozent der Frauen beten täglich oder zumindest mehrmals pro Woche, 40 Prozent der Männer dagegen nie.

Ein Drittel aller Protestanten und Katholiken verneinen, dass man überhaupt durch das Gebet mit Gott in Kontakt kommen kann.

In der Schule habe ich gefragt, wer von den Schülern denn schon einmal mit Gott über seine Sorgen oder Ängste gesprochen hat. Einer hat sich gemeldet. Die anderen kannten zwar Gebete, aber direkt für sich angewendet haben sie sie noch nie. Wenn sie Sorgen haben, würden sie eher mit den Eltern darüber sprechen oder mit der Oma, meinten sie.

Nur ganz wenige Kinder beten gemeinsam mit ihren Eltern. Andere haben das Problem, dass ihre Eltern ihnen ganz offen sagen: "Du kannst in den Religionsunterricht gehen, da lernst du wichtige Sachen, die wir dir nicht beibringen können. Aber wir glauben nicht an Gott." Da steht dann so ein Kind, ziemlich alleingelassen mit seinen Fragen und schaut die Lehrerin an: "Glaubst du denn, dass es Gott wirklich gibt?" Wie gut, dass da neben der Lehrerin noch ein paar andere Kinder sind, die mit leuchtenden Augen Beispiele bringen für Leute, die geglaubt haben, obwohl die anderen sie für verrückt gehalten haben: Von Noah über Abraham bis zu den Jüngern Jesu und zur Auferstehung gehen die Geschichten, die da hervorsprudeln.

Er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist 19 und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, um dieses Gebetsanliegen des Briefschreibers, ob es nun Paulus war oder nicht, bin ich dann in solchen Momenten froh. Er dankt ja Gott für die Menschen, an die er schreibt, und er bittet darum, dass ihnen Gott zu ihrem Glauben noch mehr dazu gibt.

Glauben – so sagte der »Heilige Augustinus« und Luther, der sich auf ihn berief – muss jeder für sich allein. Aber über seinen Glauben sprechen, das kann man gemeinsam.

Exegeten lassen es ja offen, ob der Epheserbrief, der dennoch in der frühen Kirche außerordentlich gut bezeugt ist, wirklich von Paulus stammt. Aber selbst wenn der Beter in diesem Textabschnitt ein viel Geringerer gewesen sein soll, so ändert das nichts an seiner schlichten Botschaft, die auch im Spiritual »There is a Balm in Gilead« (nach Jer 8, 22) eine Entsprechung hat: »Auch wenn du nicht wie Petrus predigen oder wie Paulus beten kannst, du kannst von der Liebe Jesu erzählen, dass er starb, um uns alle zu retten.

Das tue ich dann auch in der Schule – und da begeistern sich gerade sechs- bis zehnjährige Kinder und sind offen für die biblischen Geschichten und die frohe Botschaft. Schade, dass sich Erwachsene viel schwerer damit tun. Möglicherweise stößt Ihnen bei dem Text aus dem Brief bereits das Wort "Heilige" auf. "Das ist doch katholisch!", sagen Sie vielleicht. Und dabei sprechen wir es immer wieder im Glaubensbekenntnis: "Ich glaube an den heilgen Geist… Gemeinschaft der Heiligen…" Heilig, so die Überzeugung der frühen Christen und auch Martin Luthers, heilig ist jeder Glaubende. Und jeder ist auch dazu berufen, im Namen des dreieinigen Gottes zu trösten und zu helfen. Jeder, nicht nur Pfarrer, Religionslehrer oder Gemeindepädagogen. Alle sind wir Gottes Mitarbeiter. Nicht jeder hat die gleichen Gaben mitbekommen, aber auf seine Weise ist jeder, der glaubt, in der Lage, ein Stück von seiner Hoffnung weiterzugeben.

Er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, – das mag denen unter Ihnen, denen es gerade gar nicht gut geht, gegen den Strich gehen. Sie meinen, Sie haben gar keinen Grund, Gott für irgend etwas zu danken, in Ihnen ist alles dunkel? Und wie sollen da Augen leuchten, wenn sie von Tränen blind sind?

Aber vielleicht hat er Ihnen ja Menschen geschickt, die mit diesen Augen des Herzens sehen. Menschen, die in der Lage sind, Ihren Kummer zu teilen. Zuzuhören, mit Ihnen zu reden. Und wenn das nicht so ist, so können Sie ruhig darum bitten.

Auch der Schreiber des Epheserbriefes bleibt nicht bei seinem Dank stehen. Nein, er bittet auch für die Gemeinde. Denn auch die Adressaten, deren Glauben und deren Liebe ja immerhin von sich reden gemacht haben, sind bedürftig. Vielleicht kennzeichnet das Christen: Dieses Gespür dafür, dass es bei allem, was Menschen gelingt oder was ihnen geschenkt wird, doch immer auch Brüche, Rückschläge, Bedürftigkeit gibt. Und in diesen Erfahrungen von Vorläufigkeit, Verzagtheit und Anfechtung, verweist der Glaube die Christen an Gott. Deshalb kann der Schreiber, nachdem er Gott für die Adressaten dankt, auch für sie bitten. Die Kraft Gottes ist kein Besitz, der uns vor Erfahrungen des Leids bewahrt. Aber sie kann durch sie hindurchführen.

Aber können wir Menschen das überhaupt – mit dem Herzen sehen? Sehen wir nicht zwangsläufig nur das, was vor unseren Augen ist? Und wenn wir versuchen, über diese Grenzen hinauszuwachsen, fallen wir da nicht immer mal wieder auf den Bauch, indem wir uns total in jemandem irren, jemanden zu viel zumuten, weil wir ihn überschätzt haben oder jemandem unsere Liebe entziehen, weil wir ihn mißverstanden haben?

Der Briefschreiber bittet für die Epheser um "erleuchtete Augen des Herzens". Was für ein schönes, aber auch was für ein sonderbares Bild. Das Herz ist für uns das Zentrum des Gefühlslebens. Dass es aber Augen hat und damit die Möglichkeit zu erkennen, das klingt ungewöhnlich. Augen können kritisch blicken. Mit kritischen, ja mit gnadenlosen Blicken betrachten wir ja manchmal uns selbst. Manchmal sind wir gar nicht liebevoll zu uns. Wir stellen uns vor, wie die anderen, ja wie Gott uns möglicherweise betrachten könnte – und dann wird uns Angst, weil unserem Blick auf uns selbst die Liebe fehlt.

Erleuchtete Augen des Herzens, die sehen mehr, die sehen anders. Die sehen auch, was eben nicht physisch, sondern nur geistlich zu sehen ist. Die sehen gegen allen Augenschein durch das Vorfindliche hindurch. Die sehen in dem Zerbrochenen und Kaputten schon das Heile. Im Kleinen – das Große. Im Schwachen – die Kraft. Die sehen: Die Welt muss nicht so bleiben wie sie ist. "Das Leben geht weiter", das ist kein Trost, das ist Resignation.

Erleuchtete Augen des Herzens, die betrachten und deuten das Leben unter dem Vorzeichen der Hoffnung, zu der wir berufen sind, des herrlichen Erbes, das wir antreten sollen und der überschwänglichen Kraft Gottes, die an uns wirksam wird (V. 18f). Und das macht den Unterschied.

Die Hoffnung sehen und auf sie hin leben, das fällt vielen Menschen schwer. Aber kann man überhaupt anders leben? Wir würden doch keinen einzigen Winter überleben ohne die Hoffnung darauf, dass das Eis schmilzt und die Bäume wieder blühen. Allerdings sagt uns in diesem Fall die Erfahrung, dass es regelmäßig Frühling wird. Und diese Erklärung scheint uns zuverlässiger als das Versprechen Gottes nach der Sintflut: "So lange die Erde steht, soll nicht aufhören Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht." Die Hoffnung sehen, das heißt, einen Regenbogen schauen, in all seiner Schönheit, und in Erinnerung an dieses Versprechen. Mit der Hoffnung darauf, dass Gottes Liebe und Treue mit uns ist, damit ist es schon ein bißchen schwierig. In einem Kind den Erlöser der Welt zu sehen, das ist viel verlangt – und dennoch gehört die Weihnachtsgeschichte zu den bekanntesten und beliebtesten Bibeltexten.

In einem, der zum Tod verurteilt gekreuzigt wurde, Gottes Sohn zu erkennen, ist noch schwerer. Und dann noch zu glauben, dass uns durch ihn alles, was wir immer wieder in den Sand setzen, vergeben ist, das scheint manchem unmöglich. Ein anscheinend Gescheiterter ist zum Sieger geworden, nach Karfreitag gibt es einen Ostermorgen – in dunklen Stunden sehen wir diesen Lichtblick oft gar nicht. Wir nehmen nur den Tunnel wahr und merken nicht mehr, dass uns Gott mit dem Glauben das Instrument gegeben hat, den Tunnel zu beleuchten, eine gewaltige Taschenlampe sozusagen.

"Was ist eigentlich deine Hoffnung?" hat mich jemand gefragt. "Was ist deine Hoffnung in einem Dorf, aus dem die jungen Leute wegziehen, was ist deine Hoffnung angesichts der Kanalanschlussgebühren, die das Gehalt für ein halbes oder gar ein ganzes Jahr verschlingen, was ist deine Hoffnung, wenn du nicht weißt, ob du in ein paar Monaten noch Arbeit hast?" Meine Hoffnung ist, dass ich diese Probleme nicht alleine lösen muss. Dass ich Gott darum bitten kann, den jungen Leuten an ihrem neuen Ort beizustehen, dass sie dort Anschluss finden, aber ihre Wurzeln nicht vergessen. Meine Hoffnung ist, dass mich Gott nicht verhungern und verdursten lässt, auch wenn ich keine Arbeit finden sollte. Meine Hoffnung ist so ausgerichtet, dass ich jetzt ruhig traurig sein darf in dem Wissen, Gott kennt meine Trauer, er weiß Antworten, die ich jetzt noch nicht kennen kann. Aber ich weiß, dass es wieder Momente geben wird, in denen das anders ist. Meine Hoffnung ist nicht so ausgerichtet, dass ich diese Erde für ein Jammertal halte und voller Sehnsucht darauf warte, dass ich sie bald hinter mir lasse und seine Herrlichkeit von Angesicht zu Angesicht sehe. Aber mein Glaube und meine Hoffnung richten sich dennoch immer darauf, dass es mehr gibt als dieses Leben – und das wiederum lässt mich alles, was mich jetzt quält, in einem anderen Licht sehen.

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