Ein starker Glaube

Patmos, liebe Gemeinde, das ist nicht das grüne Urlaubsparadies im Mittelmeer mit herrlichen Sandstränden, prächtigen Lagunen und Schatten spendenden Palmen. Patmos, das ist nicht der Traum jedes Pauschalurlaubers. Patmos das ist viel eher ein Albtraum – der Vorhof des Grauens. Felsig, schroff, ohne nennenswerte Vegetation, knallend heißt, und nur ein paar Höhlen spenden ein wenig Schatten. Dorthin hat man Johannes verbannt. Man hat ihn isoliert, weggenommen von seinen Gemeinden. Damit er sie nicht aufhetzt gegen den Kaiser und den Kaiserkult. Damit er seinen Mund hält. Damit klar ist, wer da was zu sagen hat in der Welt: der Kaiser und seine Vasallen.

Da hat Johannes gestört, da hat er nicht reingepasst mit seiner Botschaft. Weg mit ihm. Aus dem Weg. Denn: aus den Augen, aus dem Sinn – so dachte man. Und da war Patmos grade recht!

Aber man hat die Rechnung wohl ohne den Wirt gemacht, liebe Gemeinde. Denn was Johannes auf Patmos erlebt, was er hört und sieht, das hatte man wohl nicht einkalkuliert. Und was Johannes seinen Gemeinden schreibt, das ist kein tränenreiches Dokument der Klage und des Jammers. Patmos, so wird deutlich, ist nicht gottverlassen. Der Herr des Himmels und der Erde meldet sich in Patmos zu Wort. Und keine Macht der Welt, kein römischer Kaiser und keine seiner Legionen können Gott daran hindern, zu Wort zu kommen. Aber zunächst stellt Johannes uns den vor Augen, der da zu ihm spricht: Nicht als ein Kind in der Krippe, nicht als Gekreuzigten auf dem Hügel Golgatha, sondern Christus als Weltenherrscher. Als eine Gestalt mit weißem, wallendem Haar und goldenem Gürtel, umgeben von sieben Leuchtern. Sterne hat er in der Hand, und seine Stimme ist wie Wasserrauschen. Seine Füße sind wie Golderz und sein Angesicht leuchtet wie die Sonne.

Vielleicht, liebe Gemeinde, geht es uns mit diesen Sätzen aus den Offenbarung so, wie bei einem Besuch in einem Museum. Wir stehen vor einem Bild und fragen uns, was der Maler wohl damit gemeint haben mag. Manchmal braucht es eine ganze Zeit, bis so ein Bild zu einem spricht und manchmal ist es notwendig, dass einem ein Museumsführer erklärt, was den Künstler bewegt hat und was er zeigen will. Unser Predigttext ist so ein Bild mit vielen bunten Farben und Symbolen. Ein Bild von Christus. Aber eines, für das wir uns Zeit nehmen müssen, damit es sich uns erschließt. Schade wäre es, würden wir uns schnell abwenden, denn vielleicht steckt mehr darin, als wir im ersten Augenblick ahnen. Schade, wenn wir meinten, mit diesem Bild wäre heute nichts mehr anzufangen.

Johannes zeigt uns eine Gestalt, gekleidet mit dem langen Gewand eines Priesters. Dazu trägt sie den Gürtel eines Königs und aus seinem Mund kommt ein scharfes, zweischneidiges Schwert. Weitere Symbole haben wir ebenfalls entdeckt: Sterne, Leuchter, usw. Es ist wie in einem Traum: Licht, Gold, Feuer, Glut, Wasserrauschen, Sonne. Eins fließt ins andere – und manches mag uns auch verwirren.

Wir werden nicht alle Symbole und Bilder entschlüsseln können, die Johannes uns da zeigt, aber das müssen wir auch gar nicht. Das Entscheidende und Wichtige liegt klar auf der Hand: Die Gestalt, die Johannes uns zeigt, ist Jesus Christus, der gekreuzigte und auferstandene Herr: „Ich war tot, und siehe ich bin Lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Mit diesen Worten gibt er sich zu erkennen. Die sieben Sterne in seiner Hand sind Zeichen seiner Herrschaft über das ganze Universum. Alles hält er in Händen: den Weltraum und jedes Atom – die Großen und die Kleinen. Und auch für seine Gemeinden stehen die Sterne. Er hat sie selbst in Händen. Er gibt sie nicht preis. Was auch geschehen mag, wie bitter Verfolgung, Anfeindung und Not auch sein mögen: sie sind und bleiben in seiner Hand. WIR sind und bleiben in seiner Hand.

Wenn Christus der Erste und der Letzte ist, dann war er schon vor Grundlegung der Schöpfung da – und er wird herrschen bis zu ihrem Ende. Der Tod hat ihm nicht anhaben können. Er hat ihn durchschritten und besiegt. Das ist die Botschaft, die uns heute am letzten Sonntag des Weihnachtsfestkreises erreichen soll: Aus dem Kind in der Krippe ist ein großer Herrscher geworden. Aus der Ohnmacht eines kleinen Babys in einem Stall einer der richten darf mit einem Schwert. Einer der entscheidet über Ja und Nein, über Zukunft oder Ende, über Heil oder Verderben. Die Sprachlosigkeit der Hirten ist einer tosenden Stimme gewichten. Aus einer Futterkrippe wird ein Königsthron; aus der dunklen Nacht der Felder um Bethlehem ein strahlendes Licht. Weihnachten – so könnte man sagen – noch einmal ganz anders!

Über die Jahrhunderte haben manche aus der Johannesoffenbarung mit ihren zum Teil auch schrecklichen Bildern und Visionen ein Drohbuch gemacht. Man hat versucht, mit diesem Buch Menschen einzuschüchtern, ihnen im wahrsten Sinne des Wortes die Hölle heiß zu machen. Und so nennt Martin Luther dies letzte Buch der Bibel auch „den Gaukelsack aller Rottenmeister“, den er am liebsten in die Elbe werfen würde. Aber für die verfolgte Gemeinde am Ende des ersten Jahrhunderts war es kein Droh-, sondern ein starkes Trostbuch. Die Menschen, an die Johannes schrieb, waren überwiegend arme, einfache Leute. Der römische Staat hat von ihnen verlangt, dass sie den Kaiser anbeten, dass sie ihn als Gott verehren. Man wollte sie zwingen, dem Glauben an Christus abzuschwören und absagen. Denen wollte Johannes zeigen, wer in Wahrheit die Macht in Händen hält.

In Ephesus hat man bei Ausgrabungen große Leuchter gefunden, die genau denen entsprechen, die in unserem Predigttext beschrieben sind. Man hatte sie im Halbkreis aufgestellt und in der Mitte stand die Statue des römischen Kaisers. Dort wurde er verehrt. Aber Johannes hat eine andere Botschaft: Der wahre Herr der Welt ist nicht in Rom, sondern er wird in der armseligen, verfolgten christlichen Gemeinden verehrt. Der wahre Herr der Welt ist der gekreuzigte, auferstandene und wiederkommende Herr!

Ein mutiger Satz, liebe Gemeinde, gegen alle, die sich für die alleinigen Herren der Welt halten: Der Herr im Himmel lacht ihrer – so heißt es einmal in den Psalmen. Nicht in Washington oder Moskau, nicht in London, Paris oder Berlin, nicht beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos und auch nicht in den Terroristenverstecken muslimischer Fundamentalisten wird über die Zukunft der Welt entschieden, sondern Christus regiert in Ewigkeit.

Den Menschen in Kleinasien hat Johannes mit seinen Worten Mut gemacht. Sie durften hören: auch wenn wir jetzt Leid und Tod erfahren, so hat doch Gott letztlich die Macht – auch über den Tod. Selbst wenn alles gegen uns steht: Gott ist für uns!

Keine Frage, liebe Gemeinde, unsere Situation heute ist eine andere. Wir werden nicht um unseres Glaubens willen verfolgt. Wir können ihn offen und unbehindert leben, wenn wir es nur wollen.

Aber natürlich kennen auch wir trostlose Situationen. Auch wir geraten unter Druck in unserem Leben, in Bedrängnis. Wie viele Menschen sehnen sich nach Trost, nach einem Halt. Da reißt einen eine Krankheit aus dem Alltag – Tage, Wochen des Bangens und des Wartens, auf eine sichere Diagnose oder auf Besserung.

Oder ich erinnere mich an viele Gespräche mit Trauernden, mit Menschen, die einen Angehörigen verloren haben. Wo das Leben der Zurückbleibenden sich nachhaltig verändert hat. Wo Lebensträume zerplatzt sind, wo Menschen keinen Ausweg mehr wussten und manch einer war der Verzweiflung nahe.

Wieder andere haben ihren Arbeitsplatz verloren und werden nur schwer damit fertig, dass man ihnen sagt: Du wirst nicht mehr gebraucht.

Ich erinnere mich an Gespräche über die Lage unserer Gemeinden. Immer wieder treten Menschen aus der Kirche aus. Die Finanzmittel werden knapper. Ich mache mir, wie viele andere auch, Sorgen über diese Entwicklung. Was können wir dagegen tun? Bleibt uns nicht anderes übrig, als diese trostlose Situation einfach hinzunehmen? Oder kann uns Johannes mit seinem Christusbild auch da ein Trost sein?

Kann ein Mensch, der einen lieben Angehörigen verloren hat, etwas damit anfangen, dass wir sagen, Gott habe den Tod besiegt?

Können Menschen, die Angst vor der Zukunft haben, ruhiger werden, wenn sie hören, dass Christus über die Welt und ihre Geschichte herrscht? Sind wir als Christen gelassener und fröhlicher, wenn wir gesagt bekommen, dass Gott selbst über die Zukunft seiner Kirche entscheidet und nicht der Oberkirchenrat oder der Finanzdezernent der Landeskirche?

Nur Gott allein kann es wirken, dass uns dieser Trost erreicht. Gott allein kann es schenken, dass uns die Augen immer wieder neu aufgehen für den, der alle Macht in Händen hat und auch unsere Not wenden wird.

Johannes hat es erlebt. Das erste Wort, das er auf Patmos zu hören bekommen hat, lautet: Fürchte dich nicht! – Johannes ist erschrocken über die Art und Weise, wie Gott im begegnet ist. Diese Begegnung hat ihn buchstäblich umgehauen. Als er den erhöhten Christus sieht wirft es ihn zu Boden. – Aber der legt liebevoll seine Hand auf ihn und richtet ihn wieder auf. Und er hört seine Stimme: Fürchte dich nicht!

Wir wissen ja noch alle, wie das war, als wir noch Kinder waren. Als uns auch Kleinigkeiten manchmal große Angst gemacht haben. Als man nachts vielleicht schlecht geträumt hatte oder ein Geräusch uns aufgeschreckt hat. Und wenn dann die Mutter oder der Vater uns in den Arm genommen hat, wenn sie gesagt haben: Hab‘ keine Angst – ich bin ja da! – dann war die Angst auch wie verflogen.

Eine Berührung, ein Wort, das wirklich die Angst nimmt, das will uns auch Gott geben. Die Botschaft aus dem Trostbuch des Johannes will auch unser Herz erreichen: Unser Gott ist da! Groß und stark, voller Macht und Herrlichkeit – und doch voller Liebe und Zuwendung und Barmherzigkeit!

Eine Reise in das erste Jahrhundert nach Christi Geburt im römischen Weltreich haben wir gemacht heute Morgen, liebe Gemeinde. Und Johannes hat uns vor Augen geführt, wer hinter der vordergründigen Realität in Wahrheit alle Macht in Händen hält. Auf dem Weg zurück in unsere Welt lassen sie mich noch kurz Station machen bei einem Christenmenschen, dem in seinem Widerstand gegen die widergöttliche Macht der Nazis ebenfalls der Rücken gestärkt wurde von Christus selbst. Helmuth James Graf von Moltke wurde vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Nach seiner Verurteilung schrieb von Moltke an seine Frau:

Christus war bei mir! Der ganze Saal hätte brüllen können wie der Herr Freisler, und sämtliche Wände hätten wackeln können, und es hätte mir gar nichts gemacht. Es war wahrlich so, wie es bei Jesaja heißt: So du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht sollen ersäufen; und so du durch Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen!

Ein starker Glaube, – der seinen Grund hat in einem starken Trost: Fürchte dich nicht, ich bin der Erste und der Letzte und lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit. – Ich lasse dich nicht fallen und ich verlasse dich nicht!

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